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Volume H. 7/8

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 15.1918 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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bildung und fast rührender Stetigkeit überall wiederholt und 
durch besondere Abwandlungen und Zusammenstellungen zu 
künstlerischen Gestaltungen erhoben. Über das Programm 
hinaus freilich hat Friedrich Wilhelm I. seinen Architekten 
— Gayette und Berger — nichts vorgeschrieben. Die rein- 
liehe Scheidung der Zuständigkeiten gehört eben mit zum 
Charakterzug des Königs und wurde hier zur Grundlage des 
künstlerischen Erfolges. Im Gegensatz dazu hat Friedrich 
der Große seinen Architekten zugemutet, nach einem 
architektonischen Programm zu arbeiten. Die Teile von 
Potsdam, die unter ihm entstanden, sind angefüllt mit 
Kopien nach römischen und vizentinischen Palästen, mit 
Kulissenbauten. Gegenüber dem nüchternen, aber real 
denkenden Vater erscheint hier der Sohn als geistreicher 
Dilettant. Philipp II. von Spanien hat für seinen persön 
lichen Charakter wie für seine Lebensaufgabe im Bau des 
Estfurlal einen ganz besonders starken Ausdruck geschaffen. 
In öder, steiniger Gegend hat er einen Bau errichten lassen, 
wie ihn die Welt noch nicht gekannt. Düster, verschlossen, 
wortlos durch das Fehlen jeder Ornamentik, gebildet von 
einem eigentümlichen Programm: als beherrschende Kraft 
eine Kirche mit ihrem Vorhof, auf der einen Seite flankiert 
durch ein Mönchskloster, auf der andern durch die Ge 
bäude des Hofhalts, dem Chor der Kirche angegliedert der 
Palast des Herrschers. Philipp II. hat sich Pläne und 
Modelle zu dem ganzen Bau in allen Einzelheiten ver 
legen lassen und nichts genehmigt, das ihm nicht ganz 
entsprochen hätte. So trägt der Bau seinen allerpersön 
lichsten Charakter. 
Über den Ausdruck des rein Persönlichen hinaus führen 
die Bauten, die Körperschaften, nicht Einzelpersönlichkeiten 
ihre Entstehung verdanken. Das Kornhaus in Rorschach 
vermittelt noch heute die Vorstellung einer Bauherrschaft, 
welche die wirtschaftliche Bedeutung des Ortes genau be 
griffen und in diesem Bau sozusagen zusammengefaßt hat. 
Das Basler Räthaus gilt als ein Monument, das der Rat hat 
errichten lassen zur Zeit der höchsten politischen Macht 
stellung, Die Kathedralen des Mittelalters sind die Offen 
barungen einer Durchdringung von religiösem und politi 
schem Leben, weit über die Einzelpersönlichkeit hinaus. 
Der Architekt erscheint hier durchaus als ein Diener großer 
Gewalten. 
Der großen Bedeutung des Bauherrn im Bild der 
Architektur entspricht seine große Verantwortung: In die 
Hände des Bauherrn legen die Zeitgenossen den würdevollen 
Ausdruck ihrer Zeit. Durch seine Hände fließt das silberne 
Band der Kunstentwicklung. Am Bauherrn liegt es, ob 
seine Zeit sich darstellt als eine kleine, nörgelnde, jämmer 
liche Zeit oder als ein Zeitalter, die ihre Kräfte zusammA- 
rafft, die auch mit geringen stofflichen Mitteln, durch die 
Gaben des Geistes — die schöne architektonische Kompo 
sition -- das Beste und Größte zu schaffen weiß. 
BAD KOLBERGS MUSIKPLATZ. 
Von KARL MÜHLKE, Geheimer Baurat, Berlin. 
Das See- und Solbad Kolberg, seitlich der Altstadt Kol- 
berg und des nahen Städtchens Münde gelegen, ist in dem 
glüfcklichen langjährigen Besitze eines Musikplatzes, der in 
die alte Dorfaue Münde, jetzt Lindenallee genannt, eingebaut 
ist und wegen seiner hervorragenden zweckdienlichen Eigen 
art noch heute für die Abhaltung der Morgenkonzerte be 
nutzt wird. 
Die Anlage besteht aus einem länglichen, den Mittelteil 
der alten Dorfaue einnehmenden Platze (vgl. Tafel 46), welcher 
teils mit Baum- und Rosenanlagen besetzt ist, teils die 
Bänke für die Zuhörer aufnimmt, auch letzteren freie Be 
wegung gestattet. Die anliegenden mit Baumreihen bestan 
denen Straßen, die wenig als solche durch Gefährte benutzt 
werden, fassen den Platz ein. Der Längsrichtung folgt auch 
eine durch gebogene Rüsterbüsche abgetrennte Laube, welche 
einen köstlichen Durchblick gewährt, auch hauptsächlich für 
den Spaziergang der Zuhörer etwa nach Art einer Lästerallee 
benutzt wird. Die eigentliche bedeckte Konzerthalle ist nur 
nach einer Seite geöffnet. Sie wirkt, inwendig aus Holz erbaut, 
außerordentlich tonverstärkend, so daß das voregtragene 
Musikstück bis in den entferntesten Plätzen gut gehört wird. 
Selbst in den Vorgärten der anliegenden Straße kann man, 
beim Frühstück sitzend, den Klängen der Musik lauschen. 
Die Einrichtung ist so wohlgefügt der Umgebung ein 
gebaut und dient allen Zwecken eines Musikplatzes für einen 
Bade- und Erholungsort so ausgezeichnet, daß sie bei ähn 
lichen Neuschöpfungen wohl als vorbildlich benutzt zu wer 
den verdient. 
GROSS-HAMBURG. 
Von Dr.-Ing. FRITZ SCHUMACHER, Baudirektor in Hamburg. 
Man kann die Frage von Hamburgs künftiger äußerer 
Gestaltung von vielerlei Blickrichtungen aus behandeln. 
Rassenpolitische Gesichtspunkte können geltend gemacht 
werden, historisch-geographische Gesichtspunkte oder auch 
Gesichtspunkte einer politischen Systematik, nach der man 
sich Deutschland neu eingeteilt zu denken vermag. Alle 
diese Gesichtspunkte haben ihre Verfechter gefunden, und 
für jeden läßt sich vielerlei sagen. Hier sollen sie zunächst 
einmal sämtlich ausgeschaltet werden, und ein Gesichts 
winkel höchst einfacher und nüchterner Art soll maßgebend 
sein: das Hamburger Bedürfnis. 
Also ein Interessengesichtspunkt? Gewiß, aber nicht 
etwa aufgefaßt im Sinne des materiellen Erwerbsinteresses, 
sondern auf gefaßt im Sinne der Frage: Was ist nötig, da
	        
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