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Volume H. 7/8

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 15.1918 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
* 
sich zür Grundlage eines architektonischen Aufbaues eignet. 
Die harmonische Durchdringung von Programm und Archi 
tektur gibt sich am sinnfälligsten in der Grundrißanlage 
eines Baues zu erkennen. Ihr ganzer Wert, ihre letzten 
Feinheiten lassen sich erst ablesen aus der Geschichte des 
einzelnen Baues. 
Wie in der Geschichte der Architektur die liebevoll 
sich betätigende Programmarchitektur abgelöst . wird von 
der überschwänglich sich gebenden rein architektonischen 
Kunst, um einzumünden in eine schöne Ausgeglichenheit, 
wie sich Zwischenstufen, Übergänge einschieben, alles um 
den Pol der Vollkommenheit kreisend, so macht auch jeder 
einzelne Bau eine Reihe von Stadien durch. Die ersten 
Versuche werden sich vielleicht eng an das Programm an 
schließen, um dann in freiere Rhythmen überzugehen, oder 
es mag eine bestimmte Architekturidee am Anfang stehen, 
um nur widerwillig schließlich sich mit dem Programm zu 
verbinden. So wird bei der Betrachtung alter und neuer 
Kunst, einfacher und reich durchgeführter Bauten die Frage 
nach der Durchdringung von Programm und Architektur 
zu einer besonderen Art von Wertschätzung führen. Es 
ist möglich, daß für den oder jenen diese Betrachtungsweise 
ein Weg ist zu den Schönheiten der Baukunst. 
II. 
Über Raumkomposition. 
Wenn das Programm für architektonische Schöpfungen 
die Veranlassung und Unterlage abgibt, so ist es . auf der 
anderen Seite das Streben nach idealen Bildungen, das sich 
mit der Erfüllung des Programms zu verbinden hat, wenn 
anders ein Kunstwerk entstehen soll. Man wird sich fragen, 
was es mit jenen idealen Bildungen auf sich hat, wie sie 
sich darstellen, wie jene Sehnsucht des Architekten be 
schaffen ist, die in jedem Bau wieder einer neuen Erfüllung 
entgegenstrebt. Zu allererst tritt sie uns entgegen in der 
äußeren Erscheinung der Bauten. Der körperhaft geformte 
Bau will durch Mittel der Plastik gegliedert sein, im ganzen 
wie im einzelnen: Große gegensätzlich geordnete Massen oder 
einheitlich geformte Körper, im einzelnen, aufgeteilt durch ein 
fein unterschiedliches Relief; die Massen wie die Einzelgliede 
rung in bestimmte Verhältnisse gefügt, die sich vom Her 
kommen oder vom persönlichen Geschmack herleiten. 
Dann das Innere der Bauten, Räume, die den Gesetzen des 
räumlichen Gestaltens folgen, daran anschließend die äußeren 
Räume, die Höfe und Plätze, die wohl Teile der äußeren 
Architektur zu ihrer Wirkung heranziehen, aber doch viel 
weiter ausgreifen in ihren Wirkungen. Beides aber, äußere 
Erscheinung und Bildung der Innenräume, sind letzten 
Endes nur Einzeläußerungen einer umfassenderen Tätigkeit: 
der Durcharbeitung eines ganzen Baues zu einem künst 
lerisch durchgeführten Organismus. Jeder einzelne Teil 
soll sich auf den anderen beziehen. Die Räume unter sich 
sollen zu harmonischen Raumfolgen verbunden sein und 
gleichzeitig im Einklang stehen zum Äußeren, das wiederum 
nicht in Einzelheiten aufgelöst werden darf, sondern eine 
Komposition mit Unterteilungen darstellen soll. Es sei ver 
sucht, die eine dieser idealen Bildungen, die Raumkompo 
sition, gesondert zu betrachten, um damit einen Schritt 
einzudringen in den stolzen, dunklen Wald architektoni 
scher Schönheit. 
Man kann die räumlichen Gestaltungen betrachten nach 
der Art, wie sie der künstlerisch Empfindende in sich auf 
nimmt, wie sie erlebt werden. So bietetsich zuerst eine Gruppe 
von Räumen zum Durchschreiten. Die ursprünglichste 
Fassung: der Flurgang, der Verbindungsraum vor einer 
Zimmerflucht. Die gleichmäßige Breite und Höhe dient 
dem Vorwärtsschreitenden vergleichsweise als Führung, 
die gleichmäßige Ausbildung der Stirnseiten entspricht 
dem Hin und Her des Gehens. Die Längsseiten sind un 
gleich gebildet; an der Außenwand eine lange Reihe von 
Fenstern, gegenüber eine nur von wenigen Türen unter 
brochene, geschlossene Wand. Dem Rhythmus der Fcnster- 
pfeiler werden auf der gegenüberliegenden Seite Wand- 
pfeiler gegenübergestellt oder angedeutet, die einen Rhythmus 
auf die Türwand übertragen. Das Hell und Dunkel, diese 
Pfeiler und Zwischenpfeiler geleiten nun in besonderer 
Art den Schritt, der den Raum entlang auf und nieder 
führt. Ein großer feil der architektonischen Kraft muß 
auf die Decken gesammelt werden; denn die Längswände 
in ihrer ungleichen Durchbildung vermögen nur unvoll 
kommen den Gang des Dahinschreitenden zu begleiten. Die 
Decke in ihrer gleichmäßigen Breite und Wölbung über 
spannt den Raum dagegen gleichmäßig und wird durch 
starke Betonung, etwa durch Einteilung in rhythmisch an 
geordnete Felder, die Führung zu übernehmen haben. 1 ) 
Die Halle oder Galerie stellt eine höhere Ordnung des 
Flurganges dar. Alle Elemente des Korridors finden sich 
hier gesteigert, weiter entwickelt, der Verbindungsraum ist 
zum selbständigen Raumgebilde geworden. Die Längsseiten 
werden in Pfeiler und Felder gegliedert von stärkerer Be 
tonung. Die Stirnseiten, in reicherer Ausstattung und stär 
kerer Wirkung, haben die beiden äußersten Enden des 
langgestreckten Raumes zusammenzufaseen. Die beschei 
dene Felderteilung der Decke wird in der aufs höchste ent 
wickelten Fassung zur rhythmischen Anordnung von 
Deckengemälden. Die Einseitigkeit der Längswände freilich 
bleibt und damit der besondere Charakter des Raumes, sein 
Reichtum und seine Schwäche. Die Anordnung von fenster 
artigen Nischen den wirklichen Fenstern gegenüber — Spie 
gelgalerie Versailles — zeigt deutlich die innere Hemmung. 
Wenn die Einseitigkeit der Beleuchtung aufgehoben werden 
kann, muß der Raum seiner schönsten Bildung entgegen 
geführt werden. Die Vorhalle des großen Trianon zeigt 
solch eine Galerie mit beidseitiger Beleuchtung; hier dürfte 
die Ausbildung der Decke zurücktreten, hier konnte der 
Rhythmus der Fensterpfeiler, die auf beiden Seiten gleich 
wertig und in gleich schöner Marmorbekleidung auftreten, 
unwidersprochen die Führung übernehmen. Reiner noch 
ist die Aufgabe gelöst im Antikensaal des Vatikans: hier 
sind die Längswände nur durch Nischen unterbrochen, der 
Raum empfängt sein Licht durch langgestreckte Felder im 
Scheitel der tonnenförmigen Überwölbung. Hier ist der 
nutzbauliche Charakter des Raumes bis auf den letzten Rest 
getilgt — der Raum stellt wohl die schönste Bildung dar, die 
sich dem Auf- und Niederschreiten bieten kann. Auch der 
kirchliche Langhausbau gibt eine Raumform, die sich in 
J ) ln der Ungleichheit der Längswände Hegt der Reichtum der 
Möglichkeiten, der schon in diesem einfachsten Raumgebilde gegeben ist. 
Sie schließt aber auch gleichzeitig seine Bedingtheit ein; durch seine Ein 
seitigkeit wird der Raum unwiderruflich zu einem weniger weihevollen 
gestempelt. 
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