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Volume H. 5/6

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 15.1918 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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sonst aber ihre Freistellung einschließlich Rückvergütung 
von allen Lasten und Abgaben, die ihnen als „spekulatives 
Bauland“ unter dementsprechender Veranlagung eines zu 
hohen „gemeinen“ Wertes aufgebürdet waren. 
In ähnlicher Weise müssen alle sonstigen als Freiflächen 
geeigneten Gebiete mit Baugrund behandelt (d. h. bevorzugt) 
werden, nötigenfalls zu Lasten des übrigen Grundbesitzes 
oder besser der Allgemeinheit. Mit Zins- und Steuerauflauf 
würden sie nach einigen Jahrzehnten unerschwinglich teuer 
werden gemäß einer einfachen Formel, die städtebaulich und 
bei den Steuerbehörden leider viel zu w€nig gewürdigt wird. 
Rohes und baureifes Land ist um Berlin laut amtlicher Aus 
weise in solcher Fülle und Billigkeit angeboten, daß es ein 
leichtes wäre, hier vorbereitende Maßnahmen für Erhaltung 
von Freiflächen fast nur durch Steuerbefreiungen oder 
-erleichterungen durchzuführen. 
Femer fehlt es in Groß-Berlin an einem genügenden 
Schutz der bestehenden Ausfallstraßen von beengender 
Verbauung. Anscheinend wird noch manche schöne Dorf- 
aue Groß-Berlins verschandelt oder vernichtet werden. Neue 
Verkehrspläne werden später an teuerem Grunderwerb, also 
an den Unterlassungen von heute scheitern müssen, min 
destens aber die Allgemeinheit unnötig mit gesteigerten 
Kosten belasten oder teuere Tarife erfordern. Die von mir 
auf Grund einiger Ortskenntnis mit Mühe gerade noch 
herausgefundene Möglichkeit einer Ausfallstraße über 
Reinickendorf—Wittenau—Hermsdorf—Frohnau ist erfreu 
licherweise kurz vor Kriegsbeginn grundsätzlich in einer 
Sitzung der beteiligten Gemeinden und Besitzer beim 
Zweckverband beschlossen worden. Ähnlicher Möglich 
keiten gibt es in Groß-Berlin S und O noch genug, min 
destens durch FluchtUnienverbreiterurfg der bestehenden 
alten Heerstraßen, wie ein Blick auf die Karte zeigt. 
Nach meinen Erfahrungen bedarf es nur eines orts 
kundigen ideenbegabten Städtebausachverständigen, der die 
Gemeindevertreter und Grundbesitzervereine an diesen alten 
Heerstraßen zu Sitzungen im Beisein von Vertretern der 
Regierung und des Zweckverbandes einladet und hierbei mit 
wohlbereiteten Plänen und Lichtbildern in erster Linie die 
wirtschaftlichen Opfer und Vorteile vorträgt. Ohne die 
lebendige Mitarbeit der örtlichen Kleinbesitzer wird die 
Arbeit der tüchtigsten Zentralämter Stückwerk bleiben, oft 
auf Mißtrauen und Widerstand stoßen. Genaue Ortskennt 
nis, Umgangsgewandtheit, Nachweis der Vorteile, Beweis 
der Schädlichkeit von Eigensinn und Kurzsichtigkeit an 
anderen Vororten (mit Besichtigung an Ort und Stelle) 
werden die Gemeindevertreter und Grundeigentümer zu 
regelmäßigem Besuch solcher Vorträge anreizen, ihren Ge 
sichtskreis erweitern und schließlich zu rühriger Mitarbeit 
anspornen. Mit den Bauberatungsstellen liegen ähnliche 
Erfahrungen vor. An geeigneten Persönlichkeiten für eine 
derartige werbende und fördernde Tätigkeit fehlt es gewiß 
nicht, Der hierfür erforderliche Zeitaufwand ist gering, der 
Geldaufwand weit geringfügiger als die Preise einer einzigen 
Wettbewerbsausschreibung von Belang. Unter den be 
teiligten Gemeindebaubeamten finden sich gewiß arbeits 
freudige, ehrenamtliche Mitarbeiter zur Unterlagenlieferung 
und örtlicher Werbetätigkeit. Groß-Berlin darf sich nicht 
länger von anderen Städten und Gemeinden beschämen 
lassen. Mit Wettbewerben und Städtebauausstellungen 
^wird da nichts geholfen, wie ja der Erfolg genugsam gezeigt 
hat. Der Kleinbürger und Gemeindeverordnete geht an den 
schönsten Bildern und Modellen verständnislos vorüber. Ihn 
reizen zunächst lediglich die in Geldwert ausgedrückten 
Opfer und Vorteile für sich selbst oder allenfalls für den 
Gemeindesäckel. Diese muß man ihm mit allerhand Bei 
werk volkstümlich schmackhaft machen. Man wird ihn oft 
kaum bewegen können, eine Ausstellung in Berlin über 
haupt zu besuchen. Die Begründung muß ihm, womöglich 
bei Bier und Zigarre in den Ort gebracht werden. Für den 
Erfolg glaube ich mich alsdann verbürgen zu können. 
Nur auf diesem Wege würden die neuen Fragen über 
Kleinsiedelungen, Wohnungserstellung, Kriegerheimstätten, 
billigen Straßenbau, sinnlose steuerliche Überbürdung von 
billigen Kleinwohnungsboden usw. dem allgemeinen Ver 
ständnis nähergerückt werden, so daß es künftig nicht immer 
erst unendlicher Verordnungen und Gesetze bedarf. Ge 
sunder Menschenverstand züchtet dann ^allmählich schon in 
selbstverständlicher Betätigung die richtige Bodenpolitik 
und Wohnform, also wahren Städtebau, wie es in früheren 
Zeiten war. 
Die seit Jahren zu Vorbereitungen der Vororteisehbahn 
wünsche und sonstiger Verkehrsfragen bestehenden Strecken 
verbände des Vereins der Vororte wären meines Erachtens 
die gegebenen Stellen zur Vorbereitung künftiger Ausfall 
straßen und Grünflächen, Ihre ortskundige Mitarbeit würde 
oft wichtigere Erfolge zeitigen als die bestechendsten Wett 
bewerbspläne. 
Die Sichtung und weitere städtebauliche Verarbeitung 
der Vorbereitung wäre dann Sache zentraler Weiterbearbei 
tung. Aus einer großen Summe von Kleinarbeit, die ein 
fernstehender Sachkundiger gar nicht leisten, wohl aber ver 
arbeiten kann, ergibt sich erst die Verwirklichung einer ein 
zigen Idee. 
IST DAS WOHNHAUS GEBRAUCHSGEGENSTAND 
ODER KUNSTWERK? 
Von Regierungs- und Baurat Moormann, Münster (Westf.). 
Um die Frage zu entscheiden, ob das Wohnhaus ledig 
lich als Gebrauchsgegenstand oder auch als Kunstwerk aus 
zubilden ist, bedarf es zunächst der Feststellung, was unter 
einem Kunstwerk zu verstehen ist. 
Ein Kunstwerk ist die vom Künstler *m Sinne der 
Schönheit durchgeistigte Wiedergabe sinnlicher Eindrücke. 
Schön ist dasjenige, das in unsangenehme Vorstellungen 
oder doch solche, die unsere Teilnahme finden, möglichst 
leicht und lebhaft erregt. 
Der Menschengeist Vird von dem Triebe beherrscht, 
neue Bilder und Eindrücke aufzunehmen. Die Befriedigung 
dieses Triebes kostet im allgemeinen eine mehr oder weniger
	        
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