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Volume H. 2/3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 15.1918 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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handliche Leitergerüste sind noch viel zu wenig im Ge 
brauch. Man vergleiche damit, wie unendlich viel besser 
die Arbeitsbetriebe der Schwerindustrie ausgerüstet sind. 
Ein einziger guter Gedanke zur Vereinfachung einiger Hand 
griffe, Beförderungsmittel usw. kann ungeheure Ersparnisse 
bedeuten und hat manchem Betriebsingenieur und denken 
dem Arbeiter Ansehen und Vermögen gebracht. Gleichwohl 
scheint man uns in Amerika darin noch weit voraus zu 
sein. Geniale Betriebsleiter steigerten dort die Billigkeit 
ihrer Erzeugnisse trotz Lohnsteigerungen, Einführung einer 
Gewinnbeteiligung ihrer Arbeiter, Erhöhung des eigenen 
Gewinns und großer gemeinnütziger Stiftungen- aus den 
Überschüssen. Im deutschen Baugewerbe wäre für kauf 
männisch rechnende und denkende Bautechniker noch ein 
weites Feld zur Mechanisierung der Arbeitsvorgänge. Ich 
gehe so weit, nur auf diesem Wege überhaupt die Lösung 
der Wohnungsfrage zu erhoffen, nämlich daß die private 
Bautätigkeit und der Hausbesitz überhaupt wieder begehrens 
wert, d. h. einträglich wird infolge hinreichender Verbilli 
gung der Baukosten. 
Nach Züricher Vorbild dürfte es keine Planwettbewerbe 
für irgendwelche Siedelungen ohne gleichzeitige Beifügung 
verbindlicher Kostenanschläge geben. Das ist der beste 
Schutz gegen bestechende Phantasiepläne mit bestenfalls 
schönen Erläuterungsberichten. Der Preisträger muß ge 
wärtig sein, den Bauauftrag zu erhalten. Nun wird es sich 
nicht immer um Massensiedelungen handeln. Einzelne oder 
Gruppenbauten müssen von Amts wegen in billigen Vor 
lagen geliefert werden, nebst Baubeschreibung und mit allen 
Vordersätzen einer genauen Massenberechnung, die von dem 
einfachsten ortsansässigen Unternehmer leicht auszufüllen 
sind. Welche Haustypen je nach Lage in Frage kommen, 
wissen die Baubeamten der Behörden und Gemeinden ganz 
genau. Je kleiner Ort und Bau, um so weniger wird die 
Lohnteuerung von Bedeutung sein. Oft, besonders auf dem 
Lande, wird der Bauherr nebst Familie selbst zugreifen. 
Ist doch der Gedanke nicht mehr neu, die im Grabenkrieg 
technisch geschulten Krieger selbst zum Bau ihrer Heim 
stätten heranzuziehen, z. B. -auf dem Lande beim Fachwerk 
bau mit Drahtlehmfüllung. 1 ) 
Solange es noch Kleinwohnungen zu bauen gibt, darf 
es in Deutschland keine arbeitsfähigen Stellungsuchenden, 
Obdachlosen, Landstreicher, Bettler oder Arbeitsscheuen 
geben, während andererseits hohe Baulöhne gezahlt werden 
müssen. Auch die Heranziehung von Strafgefangenen, welche 
oft eine wenig einträgliche Arbeit verrichten müssen, käme 
in Frage. Bei guter Leistung würden sie selbst und außerdem 
der kostgebende Staat davon den Vorteil haben. Als letztes, 
wenn auch mit Vorsicht anzu wendendes, Hilfsmittel käme die 
Heranziehung ausländischer billiger Arbeitskräfte in Frage. 
Bei durchgeführter Typisierung der Bauten werden sie sich 
schnell einarbeiten und trotz Sprachschwierigkeiten unter 
guter Leitung Brauchbares leisten. Unserer heranwachsen- 
den Jugend wäre es sehr nützlich, sich in schulfreier und 
Ferienzeit auf Kleinhausbauten zu betätigen, wie sie es im 
Kriege in der Landwirtschaft tat. Dabei werden praktische 
Kenntnisse aller Art gesammelt, die nützlich sind für das 
*) Auf die Mitarbeit des Siedlers beim Bau dürfte nicht allzu 
viel Hoffnung zu setzen sein, ganz abgesehen davon, daß die weniger 
sachgemäße Arbeit auch mehr Ausbesserungen erfordern wird. 
D. S. 
ganze Leben, ganz zu schweigen von der damit erworbenen 
Hochachtung und Wertschätzung der Handwerkerleistung, 
der Erziehung zu guter Wohnungspflege und zur Liebe von 
Eigenheim und Garten, zur Selbstanfertigung aller Ausbesse*) ** 
rungen in Haus und Wohnung u. a. m. Auch die Erziehung 
zur bessere» Pflege der gemieteten Wohnung ist ein er 
strebenswertes Ziel zur Beseitigung der leider nur zu häufig 
künstlich geschürten Spannung zwischen Mieter und Ver 
mieter. Weiterhin käme in Frage, besonders den jungen 
Arbeitern einen Teil des Lohnes zur Beschaffung einer An 
zahlung einzubehalten und damit den Anreiz zur Begrün 
dung einer eigenen Häuslichkeit und Heimstätte zu geben. 
Den glücklichen Eigentümern wäre durch regelmäßige 
Arbeitsgelegenheit bei neuen Siedelungsbauten die Schulden 
tilgung zu erleichtern, wenn möglich unter Gewährung an 
reizender Begünstigungen. Sparzwang und Lebensversiche 
rung wären als selbstverständliche ergänzende Wirtschafts 
faktoren einzuführen. 
Rohes Bauland muß für Kleinhausbau etwa bis zum 
Werte von 3 Mk., für dreigeschossige Bürgerhäuser etwa 
bis zum Werte von 5—10 Mk. für 1 qm von jeder Steuer 
befreit werden. Eine gerechte, nicht schematische und mit 
Härten behaftete Wertzuwachssteuer mag den etwaigen 
Gewinn (zu trennen in unverdient und verdient) erfassen, 
sobald er tatsächlich, d. h. in bar, erzielt ist. Bis dahin 
muß Sicherheitsleistung genügen. Für das gesamte Klein 
wohnungsgelände müssen die Bebauungspläne mit sorgfäl 
tigen Erläuterungsberichten für die zwangläufige Boden 
preisbildung bis zur voraussichtlichen Besiedelung versehen 
werden. Man wird hierbei unter den bisherigen Verhält 
nissen auf betrübende Ergebnisse stoßen hinsichtlich Steuer 
überlastung, schlechter Aufteilung und Straßenbaukosten. 
Über die Aufteilung und andere Fragen gibt Behrens (Vom 
sparsamen Bauen — Bauweltverlag 1918) dankenswerte An 
regungen. Vom Staate darf Bauland erst dann gefordert 
werden, wenn das vorhandene billige Privatland Aussicht 
auf Verwertung hat. Erschließung von staatlichem Bauland 
mit neuen Verkehrsmitteln dürfte es in den meisten Fällen 
von vornherein teurer machen als das vorhandene Privat« 
iand in guter Verkehrslage. Die unverkennbare Absicht 
mancher Bodenpolitiker, jedwedes Privatland, das womög 
lich schon seit Jahrzehnten der Besiedelung vergeblich 
harrt, steuerlich zu erdrosseln, in der Hoffnung, es dann 
um so billiger zu halten, hat sich längst als verhängnis 
voller und schädlicher Irrtum erwiesen. Die Wirtschaft 
lichkeit neuer Verkehrsmittel kann nach sorgfältigen Be 
rechnungen von erfahrenen Fachleuten (z. B. v. Völcker 
und Serini) allein durch Kleinsiedelungen mit Arbeiterfahr 
karten nicht erzielt werden, auch wenn es durch Aufschläge 
auf den Boden versucht wird. In wirklichen Bedarfsfällen 
mag natürlich staatliches Land trotz alledem gefordert und 
gewährt werden. Der Nachweis dieses Bedarfs dürfte z. B. 
in Großberlin schwerlich zu erbringen sein, am wenigsten 
gerade bei den Industrievororten. Nur im Westen Berlins 
bildeten sich bisher Luxusbodenpreise. 
Das Erbbaurecht wird erst lebensfähig, wenn seine Be- 
leitibarkeit aus Öffentlichen und privaten Mitteln gesichert 
ist. Staatliche und kommunale Bürgschaften würden das 
am besten fördern. Selbst Baugenossenschaften bezeich- 
neten neuerdings den Bodenerwerb wünschenswerter als 
die Erbpacht, Spielt doch bei billigem Boden der Erwerb 
eine sehr nebensächliche Rolle neben den Baukosten und
	        
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