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Volume H. 2/3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 15.1918 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
aber ohne zwingenden Grund nicht gelöst wird. Auch wird gewiß von 
der Industrie dem wirklichen praktischen Bedürfnis genau nachgegangen 
und nicht den Siedlern mit schönem Schein etwas vorgemacht, was sich 
vielfach für ihre Lebensverhältnisse, die sie nun einmal nicht durchaus 
andern können oder wollen, als Trug erweist. 
Bei der immer höheren Bedeutung, die das wirtschaftliche, die Be 
dürfnisse richtig deckende Bauen gewinnt, das nach dem Kriege erwartet 
wird, mag 'der folgende Beitrag zum Studium des Aufbaus von Ansiede 
lungen aus Zellen und Adern ln dieser Zeitschrift willkommen sein; um 
so mehr, als es sich nicht um Pläne oder Anfänge, sondern um fertige, 
tm Gebrauch bewährte große Siedelungen dabei handelt, die bei ihrer 
Entlegenheit die wenigsten Architekten in der Wirklichkeit zu sehen be 
kommen werden. 
Bauauftrag: Für einige der Königl, Preußischen 
Bergwerke im westfälischen Kohlengebiet zwischen Emscher 
und Lippe, die zur Heranziehung und Festhaltung der 
Arbeitskräfte schon seit einigen Jahren eigene Siedelungen 
errichteten, sind im Jahre 1908 beträchtliche Mittel für den 
Bau von Kleinwohnungen zur Verfügung gestellt worden, 
nachdem zu sehen war, daß die Mithilfe der privaten Bau 
tätigkeit beträchtlich hinter dem erwarteten Maße zurück- 
blieb. Für die Erbauung der Siedelungen bei drei neu ab 
geteuften Schächten wurde nach dem Vorgang bei einer, 
ebenfalls staatlichen, Bergwerksverwaltung in Oberschlesien 
ein Fachmann im Privatvertragsverhältnis verpflichtet, und 
zwar wurde die Stelle dem Architekten R. Wall übertragen, 
welcher aus seiner mehrjährigen Tätigkeit bei der Krupp 
schen Bauverwaltung in Essen besondere Erfahrungen im 
Kleinwphnungsbau mitbrachte. Im folgenden sollen nur die 
unter Leitung des Architekten Wall erbauten Siedelungen 
beschrieben werden, obwohl die gleichen Bergwerke und 
ihre staatlichen Nachbarwerke — wie oben erwähnt — 
schon vor und gleichzeitig mit jenen einige Weitere Arbeiter 
siedelungen und außerdem einige sehr wohlgelungene Be 
amtensiedelungen geschaffen haben, deren Beschreibung 
einer späteren Veröffentlichung Vorbehalten bleibt. 
Grundstücke: Zur Verfügung standen drei annähernd 
ebene Grundstücke von etwa 56 bzw. 59 und 49 ha Größe, 
unregelmäßig im Umriß, bestehend aus Wiesen- und Weide 
land, durchsetzt mit Gehölzen. Es war der durch Ankauf 
kleinerer Grundstücke aufgerundete Besitz von drei großen 
Bauernhöfen. Dörfer waren nicht zu berücksichtigen; als 
Kernpunkte für die Bebauungspläne kamen die vorhandenen 
Gebäude nicht inbetracht, obwohl sie stehen blieben und 
teils an die früheren Besitzer, teils als Arbeiterhäuser ver 
mietet wurden. Außer der Polsumer Straße, die mitten 
durch die Kolonie Hassel führt, und von der unten noch 
die Rede sein wird, der Berlinstraße am Ostrand der 
Kolonie Scholven und der Marler Straße am nordöstlichen 
Rand der Kolonie Bertlich waren keine Straßenzüge fest 
gelegt, als mit der Aufstellung der Pläne begonnen wurde. 
Die städtebauliche Seite der Aufgabe für den Architekten 
war daher wenig beschränkt durch Rücksichten. Auch 
konnte der Architekt in kurzen Jahren die Fertigstellung 
fast der ganzen Siedelungen erleben und mußte es nicht, wie 
so vielfach sonst, dem Verständnis und guten Willen der 
Nachwelt, den Launen und wirtschaftlichen Anforderungen 
künftiger Grundbesitzer, den kommenden Richtungen in der 
Baukunst und Baugesetzgebung überlassen, den Anbau an 
den Straßen vielleicht ganz anders zu gestalten, als für 
ihre Führung vorausgesetzt war. 
Bebauungspläne: Bel der Betrachtung der Lage 
pläne (Tafel 9) fällt vielleicht eine gewisse Willkürlichkeit 
ln Bildung von Krümmungen und malerischen Kreuzungs 
plätzen in die Augen. Tatsächlich sind nur wenige dieser 
Krümmungen durch dje Umrißlinien der ganzen Grund 
stücke oder der durch Zechenbahn, Wasserläufe oder un 
bebaubare Geländestreifen getrennten Grundstücksteile be 
gründet, andererseits sind wesentliche Höhenunterschiede 
als Anlässe zu Biegungen kaum vorhanden. Für die meisten 
Krümmungen waren also nur die folgenden Erwägungen 
bestimmend: Für großangelegte städtebauliche Anlagen mit 
weiter Ausschau ist der Bergmann, der aus dem Schacht, 
der Arbeiter, der vom Werk kommt, nicht aufnahmefähig. 
Der Blick in die Ferne bietet ihm nichts als Erinnerung an 
seine schwere Arbeit, nichts als Wassertürme, Schornsteine, 
Schachtgerüste, Rauch und Qualm, denen er den künstleri 
schen Eindruck nicht abzugewinnen vermag» den ein ge 
legentlicher Besucher empfängt. Wer ihm schon auf dem 
Weg in die Wohnung eine kleine Erholung und Freude 
bieten will, muß ihm freundliche Häuser, farbige oder nahr 
hafte Gärten, Bäume und einen überall gefällig begrenzten 
Ausblick entgegenbringen. Das wird mit geraden Straßen 
und lang gereihten Häusern nicht erreicht, im Gegenteil, 
man kann gerade an der Polsumer Straße (Tafel 13, Abb. c) 
erkennen, wie trostlos vorstadtmäßig eine gerade Straße 
wirkt, die weder am Anfang noch am Ende eine bedeutende, 
den Blick fesselnde Aussicht zu zeigen hat. (Die Häuser 
an dieser Straße sind mit Rücksicht auf deren große Breite 
und auf Wunsch der Ortsbehörde dreistöckig mit Zwischen 
räumen erbaut) Die Straßenbilder aus den Kolonien» be 
sonders Tafel 26, Abb. n-q und Tafel 17, Abb. r~t mögen 
die Frage beleuchten, ob nicht die, selbst willkürliche, Bil 
dung leichter Krümmungen in vielen Fällen den heute mehr 
gepflegten „Schulrichtungen“ vorzuziehen ist. 
Der Architekt hat sich zur besonderen Aufgabe ge 
macht, den vorhandenen Baumbestand möglichst auszu 
nützen. So sind einerseits zusammenhängende Gehölze 
ganz unverbaut geblieben, andererseits sind Stiaßen so ge 
führt, daß der Blick auf hohe Baumgruppen unmittelbar, 
hingelenkt wurde, und schließlich sind schöne Bäume zum 
räumlichen Zusammenwirken mit den einzelnen Häusern 
geradezu herangezogen worden, (Tafel 17.) Ein solches 
Eingehen auf vorhandene Naturschönheiten ist mühsam 
und gibt weniger glatte Pläne, ist aber gerade im KobJen- 
gebiet besonders nötig, wo unter der Einwirkung der durch 
die Koksöfen ringsum verschlechterten Luft neue -Bäume 
schwer hochzubringen sind. (Auch die bestehenden Baume 
leiden verschieden schwer unter der Einwirkung, der Koks 
ofenluft; am widerstandsfähigsten sind die Birken, nach 
diesen die Buchen.) 
. In der Siedelung Bertlich ist ein so großer Teil des vor 
handenen Birken-, Buchen- und Eichengehölzes stehen 
geblieben, daß man fast von Waldsiedelung sprechen kann; 
das geht allerdings nicht ohne Einbuße an nutzbarer Fläche 
der Hausgärten. Es sind deshalb einzelnen Bewohnern 
etwas abseits auf Flächen, welche schlechten Untergrunds 
wegen frei bleiben müssen, weitere Gärten angewiesen 
worden, ln der Siedelung selbst soll nach sorgfältiger Aus 
wahl des Architekten noch da und dort gelichtet werden. 
Begrenzung der Siedelungen: Wo die Begren 
zung der Siedelungsgrundstücke feststand und keine Straßen 
auf der Grenze gegeben oder von der Ortsbehörde gefordert
	        
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