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Volume H. 1

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 15.1918 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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liehen erhaltene vorzügliche Straßennetz 
nach deutschem Muster angelegt worden 
sein, welches uns nachher näher beschäftigen wird. Von 
dem weiteren Schicksal der Stadt ist in diesem Zusammen 
hang bemerkenswert, daß sie wiederholt von vernichtenden 
Feuersbrünsten heimgesucht wurde, so in den Jahren 1537, 
1559, I 6io, danach nochmals 1706 in der Schlacht zwischen 
Sachsen, Schweden und Polen, wobei drei Viertel der Stadt 
niederbrannte und nur 34 Häuser übrig blieben und endlich 
1792, wo gleichfalls über die Hälfte der Wohnhäuser zu 
Asche wurden. 
Ein Plan aus dem 18. Jahrhundert gibt Aufschluß über 
die genaue Führung der mittelalterlichen Stadtmauer, von 
der heute nur noch geringe Reste vorhanden sind, desgleichen 
auch über die Anordnung des ursprünglichen Straßennetzes, 
welches sich im Laufe der Zeit mehrfach verändert hat. Die 
Stadtanlage sei daher an Hand dieses Planes von 1785 be 
schrieben, um dann an den folgenden Plänen die späteren 
Veränderungen zu erläutern. 
Plan von 1785: Abb. b, Tafel 5. Die Stadt liegt 
auf einer, durch natürliche und künstlich geschaffene Fluß 
arme der Prosna gebildeten, fast kreisförmigen Insel, um 
gürtet von Mauern und Festungstürmen. Von Südwesten 
führt die Breslauer Straße, von Nordosten die Thorner 
Straße (jetzt Warszawska) über Brücken in gleichnamige 
Tore. Im Norden ist noch ein kleineres Tor vorhanden in 
Verbindung mit einer Fähre, desgleichen ein kleiner Aus 
gang aus dem Garten des Franziskanerklosters im Süden. 
Die in die Stadt einführenden Hauptstraßen spalten sich 
sofort hinter den Toren in auseinander strebende und am 
entgegengesetzten Tor wieder zusammenlaufende Durch 
gangsstraßen, von denen die Wrozlawska-Torunska-Straße 
die breiteste Hauptverkehrsstraße ist. Der Grundzug des 
Straßennetzes gleicht einem gleicharmigen Kreuz, dessen 
Mitte der Marktplatz bildet. Die Arme dieses Kreuzes sind 
die acht von den Ecken des Ringes ausgehenden Haupt- 
richtungsstraßen. Diese Hauptanlage der Durchgangs 
straßen wird in Abständen von etwa 50 bis 80 m rechtwinklig 
von ungefähr 5 m breiten Gassen durchkreuzt, wodurch an 
nähernd winkelrechte Baublöcke erzielt sind. (1785 trugen 
die Straßen zum Teil andere Namen wie heute.) Annähernd 
parallel zur Breslauer Straße verläuft gleichfalls in leichter 
Krümmung die Garbarskastraße, und auf der anderen Seite 
die Sukienicastraße. Letztere ist jedoch nicht ganz durch 
geführt, ein Teil ist im Jahre 1785 schon stark ver 
breitert, offenbar wegen der dort angelegten öffentlichen 
Gebäude. 
Der annähernd quadratische Marktplatz (90X120 m 
groß) ist kein freier Platz, er ist bebaut, jedoch so, daß eine 
etwa 20 m breite Ringstraße um den bebauten Teil belassen 
ist, den das Rathaus und einige Reihen Verkaufsbuden aus 
füllen. Diese bilden ähnlich wie in Breslau parallel zum 
Rathaus schmale Gassen. Die auf die Ecken des „Rings“ 
mündenden acht Straßen liegen mit Ausnahme der Haupt 
verkehrsstraße nicht tangential zum Platz, sondern sind so 
nach außen versetzt, so daß die räumliche Geschlossenheit 
des Marktplatzes gesichert ist. Durch diese Versetzung er 
halten die Mündungsstraßen ihrerseits Kopfbauten, welche 
jedesmal den zur Stadtmitte Gehenden die Nähe des Markt 
platzes ankünden. Außer dem Ring finden wir als Platze 
noch den Roßmarkt im Zuge der Garbarskastraße, sodann 
symmetrisch hierzu die Kirchfreiheit vor der Franziskaner- 
Abb. 8. Rathaus zu Kalisch. Zustand 1785. 
kirche. Auch die Nikolaikirche steht auf einem unbebauten, 
jedoch eingefriedigten Platz. 
Von den auf dem Plan von 1785 vorhandenen öffent 
lichen Gebäuden sind die Kirchen und das ehemalige Rat 
haus mittelalterliche Anlagen (letzteres Ende des 19. Jahr 
hunderts durch einen Neubau ersetzt und 1914 wiederum 
abgebrannt. Das Gouvernement, dem noch der eine Flügel 
fehlt, und die Kasernen sind Anlagen des 18. Jahrhunderts. 
Die Kirchen (Franziskaner-, Nikolai- und Josefskirche) 
liegen sämtlich nahe der Stadtmauer, desgleichen die Syna 
goge. Diese vier Gebäude liegen so geordnet, daß sie un 
gefähr die vier Ecken eines Quadrats bilden. Am Thorner 
Tor lag das jetzt nicht mehr vorhandene Stadtschloß. 
Nach Feststellungen des Baurat Kothe, Berlin (Bau 
denkmäler der Stadt Kalisch) zählte Kalisch damals 217 
christliche und 107 jüdische Häuser. Die Bürgerhäuser, die 
wir uns in der mittelalterlichen Ackerbaustadt aus Holz ge 
baut vorstellen müssen, sind 1785 schon größtenteils massiv 
(die damals noch vorhandenen Reste der hölzernen Stadt 
sind in der Abbildung schraffiert gezeichnet). Wie die 
Stadt im Mittelalter aussah, darüber gibt uns ein in der 
teilweise zerstörten Reformatenkirche befindliches Altarbild 
(Abb. a, Tafel 5) Aufschluß. Das Bild ist von dem linken 
Prosnaufer unweit der Breslauer Brücke aufgenommen. 
Deutlich sind das Breslauer Tor, sämtliche Kirchen und das 
Rathaus zu erkennen, dessen roher Turm die ganze Stadt 
weit überragt. Abb. 8 im Text zeigt das Rathaus im Zu 
stand von 1785, der Ring wurde als Exerzierplatz benutzt. 
Auf dem Bild sind gleichzeitig einige Giebelhäuser zu er 
kennen, wie sie damals am Ring gestanden haben. 
Der Bebauungsplan vom Jahre 1914 (Abb. c, Tafel 5) 
zeigt verschiedene Veränderungen gegenüber dem Plane 
von 1785. Die wesentlichen Veränderungen am Straßen 
netz stammen aus der Zeit nach dem Brande von 1792, als 
die Stadt unter Oberleitung des bekannten preußischen 
Oberbaurats Gilly wieder aufgebaut wurde. Die Stadt 
mauern wurden damals größtenteils niedergelegt. An Stelle 
des Stadtschlosses und des am Warschauer Tor gelegenen 
Häuserblocks entstand ein offener Platz, und die Sukienica-, 
die Kanoica-, Zlota- und Ogrodowastraße wurden über die 
Prosna hinaus verlängert. Die Altstadt ist in engerem orga 
nischen Zusammenhang mit den im Westen und Süden in 
zwischen entstandenen Vorstädten gebracht. Eine Änderung
	        
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