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Volume H. 11/12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 15.1918 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
121 
EINGEBAUTE ODER FREIGELEGTE KIRCHEN? 
Geschichtliche und künstlerische Probleme. 
Von Dr. FRITZ HOEBER, Frankfurt (Main). 
2. Die künstlerische Wirkung mittelalterlicher 
Kirchen im Stadtbild. 
Der Wandel der verschiedenen Stile hat ebensoviele 
verschiedene Wirkungsarten des architektonischen Kunst 
werks gezeitigt. 1 ) Die drei stereometrischen Faktoren der 
Fläche, des Körpers und des Raumes, letzterer eine Ver 
einigung der wesentlich optischen Flächenwirkung mit den 
taktisch körperhaften Massen, erscheinen, sich nacheinander 
ablösend, in Führerstellung in der Kunstgeschichte. In 
Führerstellung wohlgemerkt, denn Architektur wird immer 
Raumkunst bleiben und auch bei Flächen- oder Körper 
architekturen wird das Räumliche mitempfunden werden 
müssen. Nur tritt es dann gegenüber jenen anderen Fak 
toren als nur untergeordnet zurück. 
Der frühchristliche und der romanische Stil baut seine 
Architekturen noch wesentlich flächenhaft auf, sowohl in 
dem er die Wände als solche in reliefmäßig glatter, einheit 
licher Oberfläche eines Gebäudes beläßt, ohne sie in zu 
starken Vertiefungen oder Vorsprüngen körperhaft zu be 
wegen, als auch indem er die verschiedenen Ansichten für 
den Betrachtenden scharf voneinander trennt: Auf diese 
Weise gibt es nur streng frontale Fassaden 
bilder, aber keine Übereckansichten, 
Je mehr nun die romanische Flächenkunst sich durch den 
Übergangsstil zur Gotik hin entwickelt, desto mehr gelangt 
der Grundgedanke des Körperhaften zu reicher Ent 
faltung. Das Relief der Raumwände nimmt in mannigfacher 
Weise zu durch immer stärker werdende Gliederungen: die 
Portale tiefen sich stufenförmig ein, den Mauern werden 
Strebepfeiler, Halbsäulen, Lisenen usw. vorgelegt, im Grund 
riß gebrochene Chöre und Erker treten aus der Wandfläche 
hervor. Die schlichte Planprojektion wird zugunsten der 
mehr verwickelten, lebendig kraftvolleren Übereckansicht 
für die künstlerische Betrachtung aufgegeben. 
Es ist das für die Gotik Eigentümliche, daß sie vor 
zugsweise Eckansichten zeigt. Auch die Kathe 
drale will möglichst schräg gesehen werden, der Chor nicht 
nur als ein in seiner polygonalen Form besonders reizvoller 
Teil, sonderp auch die Fassade, um die Türme in ihren 
plastischen Massen, die Portalgeschosse in dem Licht- und 
Schattengegensatz ihrer tief ausgebuchteten Laibungen, der 
reichen Galerien und großartigen Maßwerkrosen stark zu 
unterscheiden. ~~ Die mannigfaltig gekrümmten Gäßchen 
des gotischen Stadtgrundrisses unterstützen noch diese 
architektonischen Schrägwirkungen und die daraus folgende, 
gesteigerte Körperlichkeit. 
Die Renaissance endlich und die sich ihr formal an 
schließenden Stile des 17. und 18. Jahrhunderts vereinen das 
körperhafte Empfinden der Gotik mit dem klaren Flächen- 
*) Ich verweise hier dankbar auf das vorzügliche Werk von Re- 
glerungsbaumelster Hermann'Sörgel; Einführung in die Architektur- 
Ästhetik. Prolegomena zu einer Theorie der Baukunst. München 19x8, 
VZ. Kap. 8. [48 f.; Wesen der Architektur als raummäfilge Kunst. 
bewußtsem der frühmittelalterlichen Baukunst zu einem 
neuen räumlichen Ausdruck. Die kubisch fest begrenzten 
und gegliederten Massen werden in ein bewußtes System 
von Vertikal- und Tiefenachsen, von stark horizontal wir 
kenden Verbindungen eingestellt, das auch dem Betrachter 
an jedem Punkt des stadtbaulichen Ganzen seinen bestimmten 
Platz anweist. Es ist die starke und unlösbare Verknüpfung 
aller Einzelglieder mit dem Ganzen, der geometrisch-musi 
kalische Organismus, dessen erster Verkünder Leon ßattista 
Alberti war. 1 ) — Sobald freilich das Gefühl für diese auch 
wesentlich räumliche Einheit nachläßt, wird die groß 
gedachte Form zum leeren Formalismus: Diesen Weg ist, 
wie oben bereits angedeutet, der Stadtbau des 19. Jahr 
hunderts leider gegangen, indem er die plastisch gebundene 
Symmetrie der monumentalen Renaissance- und Barock 
bauten, z, B. auch der Kirchen, zu einer völlig haltlosen 
Isolierung verflüchtete und damit jeden organischen 
Zusammenhang von körperhaftem Architekturwerk und um 
gebendem Luftraum auflöste. * 2 ) 
Der ästhetische Grundgedanke des neueren Stadtbaus 
besteht in der Schaffung geschlossener Architekturbilder. 3 ) 
In der Gotik herrscht ein noch unbewußtes Gefühl dafür, das 
erst in der Renaissance, mehr noch im Barock zu vollem Be 
wußtsein, vor allem aber zu mannigfaltig sich betätigendem 
Ausdruck gelangt. 
Daß schließlich auch unsere Zeit für solche Bildhaftig 
keit im Stadtbau wieder Organe gewonnen hat, verdanken 
wir den erfolgreichen Arbeiten von Camillo Sitte, Karl 
Hocheder (nicht zum geringsten auch wohl unserer Zeit 
schrift. D. S.), A. E. Brinckmann 4 ) u. a.: Der Platz, der Archi- 
tffkturraum im allgemeinen wird als ein künstlerisches 
Ganzes auf gef aßt, in welchem zwischen dem Nahen und dem 
Abgerückten, den Seiten und der Mitte das bildähnliche Ver 
hältnis von Rahmen und Füllung besteht. In solchem ge 
schlossenen „Architekturbild“ herrschen dann naturgemäß 
auch bestimmte feste Maßstäbe nach allen drei Richtungen: 
ein Tiefenmaßstab durch Wiederholung des gleichen Bau 
*) ln einem Schreiben an Matteo de Paatl vom 18.November 1453: 
Le miaure e proporzionl de’pilastrl, tu vedl onde eile nascono. Ciö che 
tu muti discorda tntta quelle musica. 
a ) S, August Grisebach, Die Baukunst im ig. und 20. Jahrhundert 
(Handbuch der Kunstwissenschaft, Lief. 59, Berlin-Neubabelsberg), S. 22ff. 
Denkmalpflege: Daß man gotische Kathedralen von Gebauten säubert 
und auf weitem Platze freilegt, beruht auf der klassizistischen Vor 
stellung, die Lage eines antiken Tempels sei auch für die gotische Kirche 
maßgebend. 
s ) Vgl. Professor Karl Hocheder: Gesichtssinn und baukünstlerisches 
Schaffen. Festrede, gehalten bei der Akademischen Jahresfeier der Tech 
nischen Hochschule zu München am 7. Dezember 1909. — Internationale 
Wochenschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik. 4. Jahrgang, Nr» a, 
8. Januar 19x0, S. 34—50. 
4 ) A, E« Brinckmann: Platz und Monument, Berlin 1908, Deutsche 
Stadtbaukunst in der Vergangenheit. Frankfurt (Main) 1911. Stadtbau 
kunst des 18. Jahrhunderts (Städtebauliche Vorträge aus dem Seminar 
für Städtebau an der Technischen Hochschule zu Berlin. Bd. VII, Heft x) 
Berlin 19x4.
	        
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