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Volume H. 9/10

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 15.1918 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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die Bauordnung so viel Stockwerke zuläßt, wie aus wirtr 
schaftlichen Gründen notwendig sind und wie im Rahmen 
der Gebäudehöhe untergebracht werden können. Daß trotz 
dem ein Eigenbrötler nun unter der zugelassenen und er 
wünschten Gebäudehöhe zurückbleibt und die erlaubte 
Breite mit seinem Bau nicht ausfüllt, ist leider auf Grund 
der heutigen Gesetzgebung nicht zu verhindern. Derartige 
Fälle dürften jedoch dann sehr wenig zahlreich sein, wenn 
eine strenge Aufteilung des städtischen Geländes im Zweck 
gebiete erfolgt ist, so daß die Bedürfnisse und Wünsche der 
Anbauer im allgemeinen miteinander übereinstimmen. 
Hieran schließt sich die Sorge für die Einheitlichkeit 
der Dachformen. Diese kann unter der Voraussetzung der 
Sonderbauordnung leicht erzwungen werden, wenn sie für 
das Siedelungsgebiet nur die den künstlerischen Anforde 
rungen des Bebauungsplanes entsprechenden Dachformen 
zuläßt. 
Unter diesem Gesichtspunkt erledigt sich auch die Frage 
hinsichtlich der Form der „besonderen Ausbildungen“ ohne 
weiteres. Die Risalite und Vorbauten finden ihre Stütze in 
den Baufluchtlinien, die Erker und Baikone sowie die Haus- 
türausbüdungen ihre Berücksichtigung in der Sonderbau 
ordnung. Das gleiche gilt für die Größe der Bauwiche, 
sowie für die Zwischengebäude im Bauwich und die Garten 
häuser, hinsichtlich ihrer Breite, Höhe' und Dachform. Auch 
die Vorgartengestaltung wird, soweit Form und Baustoff 
der Einfriedigung in Frage stehen, durch die Bauordnung 
leicht in bestimmter Weise geregelt werden können. 
Nicht so einfach erscheint es dagegen, den künstlerischen 
Bebauungsplan davor zu schützen, daß im Aufbau nicht 
durch die Farbe der Gebäude und Vorgarteneinfriedigungen 
sowie durch eigenwillige Fassadenausbildungen, Dach 
deckungen und Vorgartenanlagen Störungen der schönheit- 
lieben Wirkung des §traßenbildes erfolgen. 
Gemäß dem bereits" erwähnten § 1 Artikel 4 des Woh 
nungsgesetzes kann der Anstrich der Wohngebäude zwar 
vorgeschrieben werden. Wie ist es aber, wenn etwa bei 
halbländlichen Siedelungen von der Straße aus sichtbare 
Ställe hinter den Wohngebäuden liegen? Kann hier Verputz 
in einer bestimmten Farbe verlangt werden? Kann der ein 
heitliche Anstrich der Vorgarteneinfriedigungen durchgesetzt 
werden? Diese Fragen sind, wenn sie auf Grund der An 
strich- und Ausfugungsbestimmung entschieden werden, für 
die Stallgebäude jedenfalls zu verneinen. Für die Vorgarten 
einfriedigungen mag die Beantwortung zweifelhaft sein. 
Jedenfalls kann aber die Bepflanzung der Vorgärten, die für 
die künstlerische Wirkung der Straße von erheblicher Be 
deutung ist, auf Grund der bezeichneten Bestimmung ein 
heitlich nicht geleitet werden. Hier muß sich der Städte 
baukünstler dadurch helfen, daß er die Vorgartenstreifen 
zur Straße zieht, so daß ihre Bepflanzung durch den Kom 
munalverband erfolgt. Die entstehenden Kosten sind dann 
ortsgesetzlich den Anwohnern aufzuerlegen. Da die Sonder 
bauordnung die Dachdeckung auch wegen der zu ver 
wendenden Stoffe regelt, ist es möglich, hier hinsichtlich 
der Farben Einheitlichkeit zu erreichen. 
Es ergibt sich somit schließlich zunächst, daß es im 
Rahmen des geltenden Rechts in Preußen möglich ist, Ein 
heitlichkeit in die Straßenbilder zu bringen, soweit die Form 
und Höhe nnd das farbige Äußere der Häuser, ihre Dachform 
und Dachdeckung und die Vorgarteneinrichtung in Frage 
stehen. Es kann dagegen die künstlerische Gestaltung der 
Außenflächen der Häuser einer Straße nach einem einheit 
lichen Plan, wie ihn Artikel 4 § .1 Ziffer 4 des Wohnungs 
gesetzes anscheinend im Auge hat, nur dann erfolgen, wenn 
für die Hausfassadeu strenge Regeln gegeben werden, etwa 
durch General- oder Modellfassaden, wie dies ortsgesetz 
lich gemäß § 4 des Verunstaltungsgesetzes auch bisher , 
schon geschehen konnte, und nun polizeilich möglich ist, 
da die Bauordnung „die einheitliche Gestaltung des Straßen 
bildes“ regeln darf. Manche Polizeibehörden werden jedoch 
schwer überwindliche Bedenken {tragen, derartig „strenge 
Regeln“ zu erlassen, so daß die Frage aufzuwerfen Ist, ob 
das Fehlen solcher „strengen Regeln“ als ein empfindlicher 
Mangel zu betrachten ist. 
Schon eingangs wurde darauf hingewiesen, daß polizei 
liche Vorschriften auf dem Gebiet, auf dem die Individualität 
der Schaffenden sich tunlichst frei entfalten soll, leicht zu 
einer Unterbindung künstlerischer Entwicklung und zu einer 
Verknöcherung und Erstarrung, ja zu einer Ertötung des 
Lebendigen führt. Diese Gefahr bergen die Musterfassaden 
ohne Zweifel in erheblichem Maße in sich. Wenn es Mittel 
gäbe, das mit ihnen erstrebte Ziel annähernd mit weniger 
strengen Vorschriften zu erreichen, so müßten diese auf das 
freudigste begrüßt werden. Erwägt man nun, inwieweit 
dem Architekten überhaupt Freiheit unter Berücksichtigung 
der für das Gebäude erzwungenen Einfügung in den beab 
sichtigten künstlerischen Eindruck der Straße gelassen ist, 
dann dürfte sich ergeben, daß zu einer das Gesamtbild 
störenden Betonung seiner Individualität nur mehr wenig 
Platz ist. 
Der Zweck, den der Anbauer mit dem Hausbau ver 
folgt, deckt sich im allgemeinen mit dem der Nachbarn. 
Der Baufluchtlinienplan bestimmt die 'Lage von Risaliten 
und Vorbauten, vielleicht auch die der Haustüren und bei 
der offenen Bauweise die der Zwischengebäude und Garten 
häuser. Da im Regelfall auch die Stockwerkzahl die dem 
Bebauungsplan entsprechende ist, werden die Fenstersimse 
auf gleicher Höhe liegen, so wie der gemeinsame Zweck 
der Häuser eine gleichmäßige achsiale Verteilung der Fenster 
über die Außenseite mit sich bringt. Hiermit ist das Gerüst 
der Hausfassade gegeben. Dazu tritt nun ein Moment von 
äußerster Bedeutung: die „städtebildende“ Dachfrage ist 
nach Form und Farbe polizeilich gelöst. Mag die künst 
lerische Gestaltung des Außengerüstes .des Hauses auch auf 
mannigfache Weise möglich sein: unter einem einheitlichen 
Dach können nur Fassaden gedacht werden, die auch einen 
bestimmten einheitlichen Typus tragen. Gewiß, die unter 
ein Giebeldach sich fügenden Häuser haben oft wenig 
Gemeinsames miteinander und dünken uns Kinder ver 
schiedener Eltern; wenn wir sie aber neben den Fassaden 
sehen, die unter flachen oder Mansarddächern stehen, dann 
springt uns das die Giebelfassaden Verbindende sogleich 
ln die Augen, wie wir gegebenenfalls auch das Gemeinsame 
der Häuser mit Mansarddächern leicht erkennen bei ihrqm 
Vergleich mit den Fassaden, die zu anderen Dachformen 
gehören. Vermählt sich nun dieser Zwang zu bestimmter 
künstlerischer Gestaltung mit dem Fassadengerüst, dann 
ergibt sich, daß die Aufbauenden zu Fassadenformen ge 
führt werden, die den Ideen des Bebauungsplanes nicht 
gar zu sehr entgegen sind. Und man darf schließen, daß 
sie sich ihnen im allgemeinen anschließen werden, wenn 
man ein wenig Optimismus walten läßt, ohne den man 
auch hier nicht auskommt, selbst wenn weitgehende polizei-
	        
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