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Volume H. 9/10

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 15.1918 (Public Domain)

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DfcR STÄDTEBAU 
all der Unterschiedlichkeit: auf sie alle findet die gleiche 
Bauordnung Anwendung. Gewiß, diese Bauordnung trifft 
außer allgemeinen Bestimmungen auch Sondervorschriften 
für jede einzelne Bebauungsart (Bauklasse). l ) Aber auch diese 
Sonderregeln können doch nur einen weiten Rahmen dar 
stellen, der einzig die allgemeinsten Erfordernisse trifft und 
gerade die für die künstlerische Gestaltung notwendigsten 
schon um deswillen nicht in sich schließt, weil sie stets 
andere sind, die sich zudem ihrer Art nach nicht in ein all 
gemein gültiges System pressen lassen wie etwa die For 
derungen für die Standfestigkeit und Feuersicherheit. Es 
ist daher erforderlich, daß die Bauordnung des Kommunal 
verbandes nur allgemeine Bestimmungen enthält und im 
übrigen Sonderbauordnungen für die einzelnen Baubezirke 
erlassen werden; nicht für einzelne Bauklassen, denn die 
künstlerischen Aufbaubedingungen für die derselben Bau 
klasse zugeteilten einzelnen Bezirke sind stets verschieden. 
Dem Bebauungsplan eines bestimmten Geländes entsprechen 
ganz bestimmte Anforderungen an die Gebäude, wenn der 
Aufbau im Sinne des Bebauungsplanes erfolgen soll. 
Diese Anforderungen gilt es in ein System zu bringen, 
das eine Ergänzung (Sonderbauordnung) der allgemeinen 
(Haupt-)Bauordnung für den Teil des Siedelungsgebietes dar- 
stellt, für das der besondere Bebauungsplan aufgestellt ist. 
Dieser Gedanke ist durchaus nicht neu. Wenn man 
davon absieht, daß hier eine polizeiliche Maßnahme ver 
langt wird, so unterstellt die treffliche allgemeine Bauord 
nung für Hessen vom 30. April 1881, die Ortsbaupläne für 
Ortsteile vorsieht (Artikel 4), daß zu jedem Ortsbauplan ein 
besonderes Ortsstatut gehört (Artikel 29). Auch das allge 
meine Baugesetz für Sachsen vom 1. Juli 1900 bestimmt, 
daß derartige Ortsgesetze für Teile des Gemeindebezirks 
erlassen werden können (§ 9). Und endlich bewegt sich 
der obengenannte § 4 des preußischen Verunstaltungsge 
setzes im gleichen Rahmen. 
Wenn man nun aber glauben würde, mit Rücksicht auf 
diese ortsgesetzlichen Möglichkeiten bestünde kein Bedürfnis 
nach polizeilicher Regelung, so verkennt man zwei Schwierig 
keiten. Die eine liegt in der Gesetzgebungsart und die 
zweite in der Anwendung des Gesetzes. Die Schaffung einer 
derartigen Ortssatzung ist fast unmöglich, da die Anlieger 
von ihm (ohne jede Veranlassung) eine starke Belastung des 
Grundeigens und eine Erschwerung des Bauens erwarten, 
so daß sie meist mit Erfolg in den Gemeindevertretungen 
das Zustandekommen des Statuts verhindern. Soweit sie 
von dem Gesetz eine Beeinträchtigung ihrer Baulaunen er 
warten, ist ihre Sorge allerdings begründet. Aber es handelt 
sich ja gerade darum, die Belange der Allgemeinheit in 
durchaus berechtigter und wirtschaftlich unbedenklicher 
Weise gegenüber den persönlichen Schrullen einzelner durch 
zusetzen. Wenn aber ein derartiges Ortsgesetz selbst be 
steht, wird seine Durchführung nicht so erfolgreich sein 
können, wie die Erzwingung polizeilicher Vorschriften. 
Wenn das Ortsgesetz beispielsweise ebenso wie eine Polizei 
verordnung Bedenken trägt, zu bestimmen, daß die Grund 
stücke an einer bestimmten Straße alle bis zu einer bestimmten 
Höhe zu bebauen sind, so wird dies Ziel zwar durch Ver 
handlungen auf Grund eines Ortsgesetzes sich in vielen 
Fällen erreichen lassen; dies wird aber in viel leichterer und 
J ) Besser Zweckbaugebiete. D. S. 
nachdrücklicherer Weise bei dem Vorhandensein bestimmter 
polizeilicher Aufbaubestimmungen durchzusetzen sein. 
Welche Gegenstände sind nun dieser Sonderbauordnung 
vorzubehalten? Es kann in keine Erörterung dieser ganzen 
Frage eingetreten werden, da es sich hier nur um eine 
Stellungnahme zu diesem Vorschlag handelt, soweit künst 
lerische Gesichtspunkte inbetracht kommen. In dieser 
Hinsicht muß zunächst Einigkeit darüber herrschen, inwie 
weit der Aufbau den künstlerischen Gedanken des Bebauungs 
planes zu fördern und zu beeinträchtigen imstande ist. 
Demnach müssen sich die Gebäude vor allem ln folgenden 
Richtungen dem Bebauungsplan anpassen: 
I. Beim Reihenbau hinsichtlich 
1. der Frontlänge der Häuser, 
2. ihrer Höhe und 
3. ihrer Farbe, 
4. der Dachformen und Deckungen, 
5. besonderer Ausbildungen, wie der 
a) Risalite, 
b) Vorbauten sowie Baikone und Erker, 
c) Haustüren; 
6. endlich müssen die Vorgärten, ihre Einfriedigungen 
und Bepflanzungen beachtet werden. 
II. Bei der offenen Bauweise kommen noch folgende 
Gesichtspunkte hinzu: 
7. die Gebäudegröße nach der Tiefe hin, 
8. die Größe des Bauwichs, 
9. die Zwischengebäude im Bauwich, wie Küchen 
flügel und Waschhäuser, und zwar in der gleichen 
Hinsicht wie die Hauptgebäude, 
10. die Gartenhäuser, in der gleichen Weise wie die 
Hauptgebäude. 
Es erübrigt sich, zur Begründung ^dieser Forderungen 
ein Wort zu sagen. Zu ihrer Erfüllung dient zunächst das 
Umlegungsverfahren, das günstig zugeschnittene Grundstücke 
schafft, die so. an den Straßen liegen, daß eine künstlerische 
Wirkung der Aufbauten überhaupt möglich ist. Dies setzt 
zunächst nicht voraus, daß die Grundstücke mit möglichst 
gleichen Fronten an die Straße grenzen, sondern nur daß 
die Grundstücksbreiten in gewissen Beziehungen zueinander 
stehen, sei es, daß die Parzellenbreiten einer Blockseite sich 
symmetrisch um einen ideellen Mittelpunkt gruppieren, sei 
es, daß sie auf beiden Straßenseiten im gleichen Rhythmus 
ablaufen. Eine derartige Ordnung ist bei der offenen Bau 
weise notwendiger als beim Reihenbau, da hier die Störung 
durch ein unverhältnismäßig schmales oder breites Haus 
leicht durch die Gestaltung seiner Außenfläche aufgehoben 
werden kann. Bei der offenen Bauweise wirkt eine solch 
unharmonische Bildung meist viel unangenehmer, trotzdem 
es auch hier vor allem durch Anordnungen im Vorgarten 
möglich ist, den Schönheitsfehler zu verdecken. 
Das zweite Erfordernis ist, die Bebauung der Grund 
stücke (ob sie nun restlos künstlerisch miteinander ver 
bunden sind oder nicht) tunlichst im Sinne des Bebauungs 
planes herbeizuführen. Zu diesem Ziele müssen zunächst 
die Hausformen in ein enges Netz gepreßt werden, das nicht 
nur ein Bauen in den Straßenraum hinein verbietet, sondern 
auch die Füllung seiner Maschen erzwingt. Es muß also 
zunächst für die Gebäudehöhen eine Grenze gezogen werden, 
die nicht überbaut werden darf, die aber auch erreicht 
werden muß. Dies wird regelmäßig dann geschehen, wenn
	        
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