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Volume H. 9/10

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 15.1918 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
V 
101 
Es ist richtig, daß das Wohnungsgesetz der fraglichen 
Bestimmung in § 3 des Baufluchtliniengesetzes eine vor 
sichtige Fassung gegeben hat, indem es im Gegensatz zu 
der zu gleicher Zeit zum Ausdruck gebrachten bedungenen 
Rücksicht auf das Wohnungsbedürfnis die Verunstaltung 
des Orts- und Landschaftsbildes nur verbietet. Es ver 
lohnt jedoch vielleicht einer Betrachtung, ob sich in diesem 
negativen Kleide nicht doch etwas Positives verbirgt. 
Zunächst muß davon ausgegangen werden, daß der 
Artikel 1 des Wohnungsgesetzes, in dem der § 3 steht, 
die Überschrift „Baugelände“ trägt. Hierdurch wird 
deutlich, daß sich die Vorschriften jedenfalls auch, und 
zwar in erster Linie, auf die Grundstücke in solchen Be 
zirken beziehen, in denen bisher Gebäude noch nicht er 
richtet sind, also auf neue Siedelungen. Die Bebauungspläne 
für solche Anlagen können auf Straßen, Plätze und Orts* 
bilder keine Rücksicht nehmen, da solche nicht vorhanden 
sind. Wohl aber müssen sie bei der Führung und An 
ordnung der Straßen und Plätze und bei der Feststellung 
der Straßen- und Baufluchtlinien darauf bedacht sein, daß sich 
der Plan und die Siedelung harmonisch dem Landschafts 
bilde einfügen, schönheitliche Werte der Natur erhalten und 
für die künstlerische Erscheinung der Siedelung verwerten. 
Es ist selbstverständlich, daß dem Städtebaukünstler 
bei der Schaffung des Bebauungsplanes ein bestimmter 
Aufbau vorschwebt, daß der Plan gleichsam einen abstrakten 
Begriff von der baukünstlerischen Wirkung der Siedelung 
gibt. Dies ist nicht so zu verstehen, als ob nun nur der 
Aufbau, wie der Künstler ihn sich denkt, die künstlerischen 
Werte des Planes voll entfalten kann. Das wäre ein 
schlechter Bebauungsplan, der allen zeitgenössischen Archi 
tekten und Städtebaukünstlern sowie ihren Nachfolgern die 
Flügel bände und sie in ein starres System entwicklungs- 
und abwandlungsunfahiger Formen sperrte. Die Beweg 
lichkeit, die für jeden Bebauungsplan mit Rücksicht auf die 
anderen gleichzeitig lebenden Künstler verlangt wird, kommt 
zugleich der Fortentwicklung des Entwurfs in der Zukunft 
zugute. Sie gibt aber trotzdem nicht jedem Anbauenden 
das Recht, sich in den Grenzen seines Grundstückes so 
aufzuführen, wie es ihm beljebt. Hier verlangt die All 
gemeinheit, daß er sich ihren berechtigten Wünschen an- 
bequemt; und diese sind die Regeln, die der Bebauungs 
plan für den Aufbau stellt. Nur im Rahmen des Be 
bauungsplanes steht dem einzelnen Freiheit zu. Sowie er 
nicht über die Grenze seines Grundstücks in das Siedelungs 
gebiet hineinbauen darf, in das Grundstück des Nachbars 
oder in die Straße, so muß er sich auch in den künst 
lerischen Grenzen des Bebauungsplanes halten. Er darf 
nicht in den Raum hineinbauen, der für das Siedelungs 
gebiet gemeinsam ^ geschaffen und künstlerisch gestaltet 
worden ist. Er muß aber auch den ihm überlassenen 
Raum erfüllen. Er darf aus dem gemeinsamen Straßen 
raum keine Stücke reißen oder ihm Beulen schlagen. 
Wenn also hei der Feststellung der Fluchtlinien darauf 
Bedacht zu nehmen ist, daß eine Verunstaltung des Land 
schaftsbildes nicht eintritt, dann muß außer der sorgsamen 
Schaffung des Bebauungsplanes Vorsorge getroffen werden, 
daß die im Bebauungsplan abstrakt beruhenden allgemeinen 
Aufbaugesetze beachtet werden, und daß die künstlerische 
Abhängigkeit des Aufbaues vom Bebauungsplan in Siche 
rungen zum Ausdruck kommt, die die Erfüllung der Forde 
rungen des Planes gewährleisten. 
Zu diesem Zwecke enthält das Gesetz nun im Artikel 4 
§ 1 zunächst nur die magere Bestimmung, daß der Ver 
putz, der Anstrich und die Ausfugung der Wohngebäude 
geregelt werden können, und dehnt diese Befugnis in ganz 
unbestimmter und unbegrenzter Weise auf „die einheitliche 
Gestaltung des Straßenljildes“ aus. Es darf nicht verkannt 
werden, daß diese Beschränkung und Vorsicht zum Teil 
ihren Grund in der Schwierigkeit derartiger Bestimmungen 
haben, die selbst dann, wenn sie vollkommen wären, in 
böswilliger oder ungeschickter Hand in einzelnen, aber 
bedeutungsvollen Fällen, zur Unterbindung künstlerischen 
Schaffens oder zur Fortschleppung eines verfehlten Planes 
durch lange Zeit führen könnten. Aber es wäre doch wohl 
möglich gewesen, nicht nur die für Verputz und Anstrich 
gegebenen Regeln auf die Form und die Höhe der Gebäude 
auszudehnen, sondern darüber hinaus wenigstens in großen 
Linien die Wege zu zeigen, auf denen die Auswertung der 
im Bebauungsplan steckenden schönheitlichen Werte er 
folgen könnte. Es hätten vielleicht auch die Baupolizei 
behörden daran erinnert werden müssen, daß es. ihre Pflicht 
ist, nun das zu tun, wovor der Gesetzgeber sich scheute. 
Er nahm mit einer gewissen Berechtigung von einer all 
gemeinen Regelung Abstand. Aber die ihm zur Seite 
stehenden Gründe sind für die Stadt- und Kreisverwaltungen 
keine ausreichende Entschuldigung. Die genaue Kenntnis 
der Örtlichkeit, der herrschenden Baugewohnheiten und 
Bauweisen, Baustoffe und Bauformen machen es ihnen 
leicht, für die Kommunalverbände die Vorschriften zu 
finden, deren Festsetzung für das ganze Gebiet Preußens 
fast unmöglich ist. Wenn dies von den berufenen Ver 
waltungen in ausreichendem Maße geschähe, so stände zu 
hoffen, daß es auch mit den dürftigen Gesetzen gelingen 
würde, Befriedigendes in den Neusiedelungen zu schaffen, 
ohne daß die polizeilichen Baugenehmigungen von schön 
heitlichen Voraussetzungen abhängig gemacht werden. Daß 
dies allerdings wünschenswert ist, ist füglich nicht zu be 
zweifeln, wenn auch die Bedenken gegen eine derartige 
Regelung nicht übersehen werden dürfen. In keinem Falle 
dürfen aber die Stadterweiterungen und Neusiedelungen, die 
ein neues Geschlecht baut, so aussehen, wie die aus der 
Zeit nach 1870. Auch auf diesem Gebiete müssen wir den 
Hinweis unserer Väter auf „die gute alte Zeit“ zurückweisen 
und zeigen, daß wir etwas gelernt haben und danach han 
deln können, auch wenn uns gesetzliche Vorschriften nicht 
dazu zwingen. 
Was die Frage angeht, wie auf Grund der geltenden 
Gesetze ein dem Bebauungsplan künstlerisch entsprechender 
Aufbau herbeigeführt werden kann, so ist zunächst auf das 
in ihrem Wesen durchaus verschiedene Gepräge neuer 
Stadtteile hinzuweisen. Hier soll ein Wohn- und dort ein 
Gewerbevicrtel entstehen. Hier ist eine Neustadt geplant mit 
Reihenhäusern und vielen Stockwerken, bald für Wohnungen 
mit acht bis fünfzehn, bald für solche mit zwei bis drei 
Zimmern, dort eine Landhaussiedelung im Einzel- oder 
Doppelbau, Und selbst wenn zwei Viertel dem gleichen 
Zwecke dienen sollen und diesen in derselben Weise zu er 
füllen streben, so sind doch ganz verschiedene künstlerische 
Gesichtspunkte für ihre Entstehung, selbst unter Berück 
sichtigung des künstlerischen Gepräges der alten Stadt maß 
gebend, wenn die eine vielleicht im Süden der Stadt am 
Abhang eines Hügels liegt und die andere im Osten an einem 
Wasserlauf. Und das ist nun der seltsame Gegensatz zu
	        
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