Path:
Volume H. 8/9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 14.1917 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
93 
Erscheinen begriffen sind, sowie daraus, daß die Baudenk 
mäler, deren Vernichtung nicht zu verhüten war, in um 
fassendster Weise aufgenommen und so wenigstens in 
verläßlichen Darstellungen der Nachwelt erhalten worden 
sind. Ganz besondere Ergebnisse fiir die wissenschaftliche 
Forschung sind auch in Kleinasien, Palästina und Arabien 
erzielt worden. Dort übt Geheimrat Dr. Th. Wiegand^ 
Direktor der Antikensammlungen der Berliner Museen, als 
Hauptmann d. L. seit einem Jahre im Aufträge Djemal 
Paschas den Denkmalschutz aus. Er berichtete von einer 
ganzen Reihe wertvollster Feststellungen zur Geschichte des 
Städtebaus. So wurden die bisher faßt unbekannten, beim Ein 
brüche des Islam vernichteten frühbyzantinischen Wüsten 
städte der Sinaihalbinsel und das gesamte Stadtgebiet von 
Petra aufgenonimen, wobei zum ersten Male Fliegerauf 
nahmen ln umfassender und nutzbringendster Weise zu Hilfe 
genommen wurden. ^In Palmyra wurden die fünf Nekropolen 
vermessen und ein großer römisch-korinthischer Tempel 
entdeckt, in Antiochia der Hafen vermessen, in Seleucia ein 
großes Theater aufgedeckt, in Jerusalem die Via dolorosa 
und die Burg erforscht; ebenso sind aus Läodicaea, Beirut, 
Baibeck u. a. O. wichtige Ergebnisse zu verzeichnen. Ins 
besondere konnte überall der Plünderung der antiken Bauten 
und ihrer Benutzung als Steinbrüche für Straßenbauten usw. 
nachdrücklich gesteuert werden. Auch dort ist auf Befehl 
Djemal Paschas eine umfassende Veröffentlichung eingeleitet, 
die in weitesten Kreisen Syriens Teilnahme und Achtung für 
die Denkmäler der Vergangenheit verbreiten und mehren soll. 
Von der kleinasiatischen Küste und aus Mazedonien 
berichtete Prof. Dragendorf. In Mazedonien ist ein 
Ausschuß deutscher Gelehrter mit der Erforschung des 
Landes und im Verein mit den bulgarischen Behörden mit 
der Sorge für den Denkmälerschutz beschäftigt. 
Ein wirklich wirksamer Schutz der Denkmäler gegen 
Kriegszerstörungen durch völkerrechtliche Vereinbarungen 
wird sich aber auch in Zukunft nicht erreichen lassen. 
Schon auf der Kriegstagung für Denkmalpflege in Brüssel 
1915 ist darüber von den deutschen und österreichischen 
Vertretern der Denkmalpflege gesprochen worden. Cornelius 
Gurlitt hatte versucht, eine Formel für ein völkerrecht 
liches Abkommen zu finden; Prof. Zittelmann (Bonn) hatte 
einen förmlichen Entwurf zu einem solchen aufgestellt und 
Prof. Ferd, Vetter (Bonn) eine dem Roten Kreuz ähnliche 
Einrichtung dafür vorgeschlagen. Aber je länger je mehr 
erweisen sich alle derartigen Vorschläge als undurchführbar. 
Kein militärischer Befehlshaber kann sich durch Rücksichten 
auf noch so wertvolle Denkmäler davon abhalten “lassen, 
sich selbst die geeignetste Beobachtungsmöglichkeit zu ver 
schaffen und sie andererseits dem Gegner zu entziehen. 
Und mit der Weiterentwickelung des Luftkriegs muß dem 
Gegner erst recht jede Orientierungsmöglichkeit, zu der 
eine weithin sichtbare Kennzeichnung der zu schützenden 
Denkmäler in erster Reihe dienen würde, genommen 
werden. 
So schmerzlich deshalb die unvermeidlichen Verluste an 
unersetzlichen Denkmälern auch sein mögen, sie müssen 
als unabwendbar hingenommen und getragen werden in 
dem Bewußtsein, daß daneben geschieht, was in mensch 
licher Macht steht, daß aber auch das wertvollste Denkmal 
nicht in Frage kommen kann, wo es die Sicherheit des 
Heeres und des Vaterlandes gilt. Diese Grundstimmung 
kam in allen Ausführungen zum Ausdruck; sie gewann auch 
in den Erörterungen über die Beschlagnahme der 
Glocken und Metallgeräte am zweiten Verhandlungs 
tage die Oberhand über alle Bedenken“ im einzelnen, die 
aus Rücksichten auf Denkmalpflege, Heimatliebe, Volks 
kunde und Kunst hervorgegangen, in einzelnen Bundes 
staaten zu teilweise erheblich abweichender Umgrenzung 
und Handhabung der Ausführungsvorschriften für die Be 
schlagnahme geführt haben. In erfreulichster Weise wurde 
von verschiedenster Seite die unbedingte Opferwilligkeit als 
vaterländische Pflicht der Heimat gegen das Heer in den 
Vordergrund gestellt. Auf die Einzelheiten dieser Erörte 
rungen kann hier nicht eingegangen werden. Als von Be 
deutung für die Erhaltung des Stadtbildes sei nur der von 
Prof. Clemen beantragte und einstimmig angenommene Be 
schluß angeführt; 
„Der Tag für Denkmalpflege ersucht den Geschäfts- 
führenden Ausschuß, an zuständiger Stelle dafür vorstellig 
zu werden, daß auch bei der Beschlagnahme die durch die 
letzte Verordnung vom 30. Juni d. J. betroffenen Metall 
gegenstände, wie Türklopfer, Ttirbeschläge usw., etwa bei 
weiteren, noch etwa zu erwartenden Metallbeschlagnahmen 
Gegenstände von künstlerischem und geschichtlichem Werte 
ausgenommen werden, wie das dankenswerterweise gegen 
über dem Hauskupfer und den Glocken geschehen ist, und 
daß für das weitere Vorgehen in der Richtung der Metall 
beschlagnahme allgemeine Richtlinien unter Berücksichti 
gung der Forderungen der Denkmalpflege und des Heimat 
schutzes aufgestellt werden. 44 
Von den Aufgaben der Denkmalpflege im Frieden behan 
delten Generalkonservator Dr. Hager (München) die 
Wiederherstellung barocker Kirchenausstattungen, 
Konservator Prof. Alois Müller (München) die Erhaltung 
alter Fassadenmalereien, Geheimer Oberbaurat Dr.-Ing. 
K. Schmidt (Dresden) die Wiederherstellungsarbeiten 
an der katholischen Hofkirche und am Zwinger in 
Dresden. Bezüglich ihrer eingehenden, besonders auch 
durch technische Einzelheiten wichtigen Ausführungen muß 
hier auf den inzwischen .erschienenen stenographischen 
Bericht der Verhandlungen verwiesen werden. 
Zum neuen preußischen Wohnungsgesetze, über 
dessen endgültige Fassung demnächst im Landtage beraten 
werden soll, machte Geheimer Oberbaurat Dr.-Ing. Stübben 
(Grunewald bei Berlin) Verbesserungsvorschläge im Sinne 
der Denkmalpflege. Auf Grund seiner Darlegungen wurde 
folgender Beschluß angenommen: 
„Der Tag für Denkmalpflege ersucht seiden Geschäfts 
führenden Ausschuß, bei den preußischen gesetzgebenden 
Körperschaften dahin vorstellig zu werden, daß in dem 
zur Verhandlung stehenden Wohnungsgesetze, worin das 
Interesse des Denkmals- und Heimatschutzes bereits in er 
freulicher Weise berücksichtigt ist, noch folgende Wünsche 
berücksichtigt werden: 
1. Bei Abänderung des § 11 des Fluchtliniengesetzes 
möge das Recht der Polizeibehörde, die Erlaubnis zum Um- 
und Ausbau von Gebäudeteilen, welche die festgesetzte Flucht 
linie überschreiten, zu untersagen oder an Bedingungen zu 
knüpfen, nicht beseitigt werden für solche Gebäude, welche 
Denkmalswert besitzen. 
2. Es möge für baupolizeiliche Anordnungen über Ver 
putzen,. Anstreichen und Ausfugen von Bauten ausdrücklich 
die Berücksichtigung des Denkmal- und Heimatschutzes 
vorgeschrieben werden.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.