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Volume H. 6/7

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 14.1917 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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wünschenswert und notwendig wäre; es ist demnach sehr 
wichtig; wenn endlich festgestellt wird, daß das Wohnhaus 
ein Gebrauchsgegenstand und als solcher auch dement 
sprechend zu gestalten sei. Daraus folgt, daß das Äußere 
eines Gegenstandes unmöglich eine künstlerische Aufgabe 
bilden kann, wenn dessen Bestimmung und inneres Wesen 
für die Hervorbringung künstlerischer Ideen ungeeignet ist. 
Eine Hausbaukunst im strengen Sinne gibt es nicht und hat 
es auch nie gegeben; was als solche bisher verstanden 
wurde, gehört nicht in das Kunstgebiet. 
Es mag zugegeben werden, daß die gelegentliche oder 
dauernde Ausschmückung von Gebrauchsgegenständen dem 
gleichen Bedürfnisse nach Schönheitsempflndung entspringt, 
welches beim Eintreffen gewisser Voraussetzungen die Kunst 
hervorbringt. Es wäre aber falsch, aus diesem Grunde 
einen geschmückten Gegenstand oder auch ein selbständiges 
Schmuckstück als Kunstwerk erklären zu wollen, wie es 
in den Kunstgeschichtsbüchern allgemein üblich ist, und 
durch welche auch tatsächlich die bestehende Verwirrung 
verursacht wurde. Die beim Hausbau seit undenklichen^ 
Zeiten üblichen und von der jeweiligen Kunstrichtung ab 
hängigen Schmuckformen sind unter einem ganz anderen 
Gesichtswinkel zu betrachten als Architekturwerke, welche 
idealen, in der Weltanschauung begründeten Zwecken der 
inneren Sehnsucht dienen, in deren Wesen die Vorbedingungen 
zur Entwicklung künstlerischer Ideen enthalten sind, 'wie denn 
jenes selbst außerhalb der Verstandesgrenzen gelegen ist. 
Es wird keine Baukunst geben, solange wir so an 
spruchslos sind, in jedem Arbeiterhause und in jeder Zins 
kaserne einen geeigneten Gegenstand künstlerischer Gestal 
tung erblicken und aus dem Begriffe der Kapital Verzinsung 
künstlerische Ideen herauspressen zu wollen; andererseits 
wird die Hausbautechnik hinter den anderen, streng sach 
lich und praktisch aufgefaßten technischen Gebieten, nach 
hinken, so lange sie ‘sich durch falsche Behandlung ver 
meintlicher, gar nicht vorhandener Kunstaufgaben beirren 
läßt und sich nicht zur freimütigen Bekennung ihres wahren 
Wesens entschließt. 
Der Mangel wahrer künstlerischer Kultur in der Neu 
zeit bedarf keiner weiteren Beweise als der neuerlich so 
beliebten, in den Mantel der Volkstümlichkeit gehüllten 
Profanisierung wahrer oder vermeintlicher Bestrebungen 
auf dem Gebiete der bildenden Kunst in einer Zeit, die noch 
nicht besitzt,- was sie zu spenden vorgibt: Die erste Vor 
bedingung zur Entwicklung und zum Ausreifen der bildenden 
Kunst, die neue Weltanschauung, ist in Kristallisierung be 
griffen und wird erst von einzelnen mehr geahnt als bewußt 
empfunden. Musik und Dichtung mögen immerhin, weil 
nicht an 1 Körperlichkeit gebunden, ihrer Zeit vorauseilen- 
diese Fähigkeit besitzen aber nicht die an Gestaltung starrer 
Körper gebundenen Künste, deren Ausdrucksmittel erst beim 
Vorhandensein einer gefestigten Weltanschauung ausgebildet 
werden können. Die Schönheit und die Kunst auf die Stufe 
der Volkstümlichkeit bringen zu wollen, ist unter allen Um 
ständen ein müßiges Beginnen. Ihrer teilhaftig zu werden, 
bleibt immer ein unveräußerliches Vorrecht der wenigen, 
welche sich durch die innere Kraft derNotwendigkeitzu jenen, 
die weitgehendste Demokratisierung der menschlichen Ge 
sellschaft überragenden Höhen emporzuschwingen vermögen. 
Man verzeihe eine Abschweifung, welche notwendig 
erschien, um das Verständnis für das Wesen der Kunst, im 
Gegensatz zu jenem des Alltags, zu erleichtern. Der Haus 
bau als ein den Bedürfnissen des Alltagslebens dienender 
Arbeitszweig hätte künftig in dem Gebiete der Technik be 
wußt seinen Platz einzunehmen, trotzdem allezeit das Be 
dürfnis nach reicherer oder bescheidener Ausschmückung 
der Häuser empfunden wird. Die letztere wird immer dann 
von gutem Geschmack Zeugenschaft ablegen können, wenn 
in der Ausschmückung jene Grenzen ‘eingehalten werden, 
innerhalb welcher das Haus als Gebrauchsgegenstand und 
als Werk der Technik unzweifelhaft erkenntlich bleibt und 
auch nicht als etwas anderes gelten will. 
Es ist nicht anzunehmen, daß sich in der Zeit einer auf 
nüchternen Berechnungen beruhender Entwicklung aller 
technischen Gebiete gerade nur die Hausbautechnik durch 
falsche Voraussetzungen und Schlagworte dauernd beirren 
und von ihrer natürlichen Entwicklungsbahn abdrängen 
lassen könnte. 
Die Menschheit liefert soeben die gewaltigste Probe aut 
die einzig richtige Auffassung der Freiheit, weiche Kraft 
genug besaß, die alte Weltanschauung zu sprengen, aber 
die in Wirbel geratenen Kräfte noch nicht zu binden ver 
mochte: sie wird nur in der Unterordnung des Einzelwillens 
unter die Gebote des Gesamtwohls zu suchen sein. Auch 
auf dem Gebiete des Geisteslebens und der Kunst ist die 
schrankenlose Freiheit aller gleichbedeutend mit der stetig 
wechselnden Herrschaft weniger zum Nachteil der Gesamt 
heit, im vorliegenden Falle mit dem unerfreulichen Ergeb 
nisse, daß die vielgepriesene künstlerische Freiheit eines 
ganzen Jahrhunderts in der Baukunst, trotz des größten 
Kraft- und Willenaufgebotes, nicht den Wert jener landes 
fürstlichen Weisheit zu erlangen vermochte, welche in 
früheren Zeiten durch Machtworte Ortsbilder von vorbild 
licher Harmonie geschaffen hatte. 
Es müßte möglich werden, die Architekten zu einer 
Verständigung über die Hauptfragen der äußeren Gestaltung 
des Wohnhauses und zur Abschwörung aller hinderlichen 
Stilformeln zu bewegen. Im Anfang würde es vollauf ge 
nügen, wenn für einzelne Gegenden mit klimatischen und 
sonstigen Verschiedenheiten von grundlegender Bedeutung 
eine Einigung über die Gestalt und Deckungsart der Dächer 
erzielt werden würde. 
Man möchte dem Muthesius’schen Buche wünschen, 
da es durch seinen Inhalt den ersten entscheidenden Schritt 
zur Durchbildung des neuzeitlichen Wohnhaustyps in Mittel 
europa bedeutet, daß es auch noch den Anlaß biete zum 
weiteren Fortschritte in derselben Richtung. 
Schlußbemerkung der Schriftleitung: 
Mit diesem Beitrage eröffnen wir mit der Bitte um eine möglichst 
lebhafte Beteiligung die Erweiterung einer Frage, die den gesamten 
Nutzbau betreffend bereits von unserem Herausgeber im Jahre 1895 im 
Ergänzungsheft Nr. 6 zum Handbuche der Architekiur (Darmstadt, Verlag 
von Arnold Bergsträsser) angeschnitten, seit Dezember nicht weiter ver 
folgt worden ist.
	        
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