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Volume H. 6/7

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 14.1917 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Zeit erschienenen Werke über- Hausbau keine unbedingte 
Gewähr gegen Rückschläge zu bieten scheinen. 
Das Wohnhaus ist der Baustein des Städtebauers; es 
ist daher notwendig, in dieser Hinsicht zur allgemein 
gültigen, völligen Übereinstimmung der Anschauungen zu 
gelangen* An Vorschlägen, wie dies erreicht werden könnte, 
mangelt es nicht, und ist besonders die Notwendigkeit der 
Durchbildung von Typen für Familienhäuser von vielen 
Seiten wiederholt betont worden. Die sich darauf beziehenden 
Vorschläge hatten meist den gemeinsamen Fehler, daß sie 
von irgend einer stets strittigen, weil persönlicher Auffassung 
entspringenden Stilforderung, also von der äußeren Er 
scheinung statt vom inneren Wesen der Sache, ausgingen. 
Die Schuld lag an der in allen Dingen den äußeren Schein 
über Gebühr bevorzugenden Zeitströmung. 
Nun war es ebenfalls Muthesius, der in seinem im Jahre 
1908 im Verein für Kunst in Berlin gehaltenem Vortrage über 
„Die Einheit der Architektur“ l ) zu dem Schlüsse gelangte, 
daß die Baukunst der Zukunft „nur auf der Grundlage einer 
neuen Tradition sich entwickeln könne, welche nicht so sehr 
artistische Einzelnleistungen erstrebe als die Durchbildung 
des guten Typs“. In dieser Forderung lag nun schon, un 
bestimmt ausgedrückt, der Sinn des in dem neuen Buche 
„Wie baue ich mein Haus?“ in bestimmter Form aus 
gesprochenen Grundsatzes, wonach „ein Wohnhaus vor 
allen Dingen ein Gebrauchsgegenstand und nicht ein Vor 
wand zu einer Kunstübung“ sei. 
Der Wert des Buches liegt zum großen Teil darin, daß 
dessen Inhalt eine überzeugende, aus reicher Erfahrung 
kommende Bekräftigung des Leitgedankens bildet, trotzdem 
Muthesius in dem Absätze über „Das Äußere des Hauses“ 
nicht ganz folgerichtig verfährt und dem selbst aufgestellten 
Grundsätze, dessen Richtigkeit nicht gut angezweifelt werden 
kann, untreu wird. Der Verfasser tritt da mit Entschieden 
heit der Stilwütigkeit der Bauherren entgegen und entwickelt 
sodann das Verfahren des mit Bedacht und Verständnis 
arbeitenden Architekten in folgender Weise: 
„Was der Architekt, abgesehen von der Erfüllung des 
Bedürfnisses, erstrebt, ist nicht, einen historischen, einen 
ausländischen oder etwa den sogenannten ,modernen* Stil 
anzuwenden, sondern gute Architektur zu machen. Worin 
gute Architektur besteht, darüber gibt es im allgemeinen 
kaum zweierlei Meinungen. Geschlossener, wohlgeordneter 
Aufbau der Massen, gute Verhältnisse im ganzen und im 
einzelnen, Einheitlichkeit des Bauwerkes in Form und Farbe, 
das sind einige Kennzeichen der guten Architektur. Der 
Architekt erstrebt darüber hinaus, das innere Wesen des 
Bauwerkes in dessen äußerer Erscheinung sich treu wider 
spiegeln zu lassen; er verabscheut jede Vortäuschung falschen 
Scheines;“ — gegen all diese Ausführungen ist nicht das 
geringste einzuwenden; in dieser Weise entwickelt sich der 
Gedankengang und die mit Überlegung geführte Arbeit des 
Technikers ab. Künstlerische Phantasie ist hierbei keine 
Notwendigkeit. Aber in der Fortsetzung derselben Aus 
führungen heißt es dann weiter: „er (der Architekt) wünscht 
das gewählte Material so zu verwerten, daß es die beste 
künstlerische Wirkung ausübt.“ Das würde nun soviel 
heißen, daß das Haus als Gebrauchsgegenstand durch 
die Art der Baustoffverwertung zu einem Kunstwerk 
umgewandelt werden könne, da künstlerische Wirkung 
*) Erschienen als Bd. IV. in der Sammlung „Berliner Vortrage“. 
einem Gebrauchsgegenstande schwer abzugewinnen sein 
dürfte. 
Die Ursache des Widerspruches, in welchen der Ver 
fasser gerät, scheint in der unüberlegten Anwendung des 
Ausdruckes Architektur zu liegen, unter welcher im all 
gemeinen ein Kunstzweig verstanden wird. Ist aber der 
Hausbau kein Kunstgebiet, dann wäre es wohl besser im 
vorliegenden Falle von Architektur nicht zu sprechen, und 
zwar deshalb, weil es sich hier lediglich um die gefällige 
Gestaltung, beziehungsweise Schmückung von Erzeugnissen 
technischer Arbeit handelt, was nicht mit Kunst verwechselt 
werden darf. Es wäre demnach richtiger gewesen, vom 
Geschmack zu sprechen, welchen die Technik des Haus 
baues nicht gut entbehren kann. 
In den darauffolgenden weiteren Ausführungen desselben 
Absatzes häufen sich um weitere, aus der unzutreffenden 
Anwendung des Wortes Architektur entstandene Begriffs 
verwechselungen und Widersprüche: „Die architektonische 
Gestaltung ist ja nicht eine ganz freie künstlerische (!) Tätig 
keit, wie sie der Maler und Bildhauer ausübt, sondern sie 
ist eingeschränkt durch bestimmte Forderungen des Bau 
herrn, durch die Baukosten, durch die besondere Art und 
Natur des Bauplatzes, durch die Baustoffrage und viele 
andere Wirklichkeiten. Wehn auch diese Einschränkungen 
für den schöpferischen Architekten kaum eine Fessel be 
deuten, er vielmehr gerade aus den gegebenen Bedingungen 
heraus eine reizvolle Architektur schaffen kann, so bleibt 
ein Bauwerk, besonders aber ein Wohnhaus, eine von 
gegebenen Größen abhängige Leistung.“ 
Wenn der Hausbau kein Kunstgebiet ist, dann sind alle 
diese bedauernd anmutenden Vorbehalte gegenstandslos; das 
Ziel technischer Arbeit, in deren Gebiet der Wohnhausbau 
fällt, muß aber in der möglichst vollkommenen Berück 
sichtigung und Ausnutzung aller, auch der schwierigsten 
Umstände, zum Vorteile des Werkes erblickt werden. 
Das Wohnhaus war in früheren Zeiten ein Erzeugnis 
des Handwerks und ist zufolge der allgemeinen Entwicklung 
in der Neuzeit eine technische Aufgabe geworden, welche, 
ebenso einfach in seinen Zweckmäßigkeitszielen als viel 
fältig in den zur Erreichung der letzteren aufzuwendenden 
Mitteln, die größte Wesensverwandtschaft mit einer Maschine 
aufweist. Diese Feststellung dürfte so selbstverständlich 
sein, daß man sich der Erörterung der hieraus sich ergebenden 
Folgen zuwenden kann. Als erste ergibt sich die Erkenntnis, 
daß der entwerfende Architekt vor allem ein Techniker, also 
ein mit wissenschaftlichen Hilfsmitteln ausgerüsteter Prak 
tiker zu sein hat, der durch seine technische, praktischen 
Zwecken dienenden Arbeit, und durch diese allein, den Weg 
zur Kunst zu suchen hat, wo durch die Art der gestellten 
Aufgabe die Vorbedingungen hierfür gegeben sind. Das ist 
so in Zeiten des Handwerks gewesen und kann in Zeiten 
der Technik nicht anders sein. 
Daß der Hausbau eine technische und keine künstlerische 
Aufgabe ist, empfindet längst jeder praktisch tätige Architekt, 
und Muthesius spricht es in seinem Buche endlich mit jener 
Offenheit aus, welche gegenüber den, durch zahlreiche 
literarische Erzeugnisse irregeleiteten Bauherren ganz be 
sonders wertvoll ist. Die Widersprüche, auf welche oben hin 
gewiesen wurde, wären in einer neuen Auflage, deren Not 
wendigkeitsich bald einstellen dürfte, unschwerauszuschalten, 
Über die Gestaltung des Hausbaues herrscht nun im 
allgemeinen bisher keine. so völlige Klarheit, wie es
	        
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