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Volume H. 4/5

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 14.1917 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Baumwege (Alleen) und Haine einen Raumteil, und die 
verschiedenen Baumstrukturen von Wall zu Wall steigend, 
ergeben dabei eigenartige rhythmische Wirkungen. 
Unterpflanzung ist nicht häufig vorhanden, nur im 
„Bois de Boulogne“ ist sie landschaftlich ausgebildet, kann 
aber nicht mehr ganz die alte Form verdecken, deren Schön 
heit überwiegt. Stutzt man die jetzige Unterpflanzung ein 
wenig und läßt einige unwesentliche, später hinzugekommene 
Pflanzungsteile weg, so ergeben sich tektonisch-rhythmische 
Gartenbilder, wie sie einzelne wenige Skizzen zeigen. Da 
bei ist nichts an der vorhandenen Bodenplastik von damals 
geändert. 
Die spitz aufeinander zulaufenden Sternteile und Wall 
formen ergeben in der Pflanzung oft recht eigenartige Ver 
schneidungen, die ständig sich ändern und sich herauslösen 
aus der Baummasse und von großem malerischen Wert sind. 
Oft ist die Alleebepflanzung nicht am Weg entlang geführt, 
sondern läuft in zackigen Ausbuchtungen neben dieser her. 
Als Wegemotiv immerhin beachtenswert. Voll malerischer 
Schönheit und etwas für rhythmische Feinschmecker ist die 
stufenartig ansteigende und wechselnde Wallbepflanzung 
außerhalb der Zitadelle, Die Sternspitze an der Bastei ist 
durch zwei Pappeln betont. 
Wundervoll wirken die grünen Sternzacken des Bois de 
Boulogne von der freien Seite von Lambersart her, manche 
Spitzen sind noch betont. Ich habe die sternförmige An 
ordnung auch kulissenhaft in der „Flandria Illustrata“ ge 
funden, und zwar bei einem Klosterpark bei Alt-Brüssel. 
Die Sternform war hier als Rasenfläche ausgenutzt; die 
großen und kleineren Zacken bildeten bei der Prozession 
die einzelnen Stationen. 
Abb, io. Sternzacke der Zitadelle, Polygon-Platz und Lindenhain 
am Deule-Kanal. 
Wenn eine Stadt, wie Lille, das Vorgelände der Wälle, 
das frei ist und zum Teil aus Wiesen besteht, erwirbt, um 
diese als größere Freiflächen zu Spiel- und Sportzwecken in 
den grünen Ring einzubeziehen, hat es jetzt noch Gelegen 
heit, auf geschichtlicher Grundlage sich einen Volksring zu 
schaffen. Aber die Geldmänner sind schon an der Arbeit, 
und Lille wird wohl bald nach dem Kriege seinen grünen 
Ring verlieren, und die rasche Industrie wird ihren Eisen 
gürtel dem grünen Ringe folgen lassen. Noch aber gehören 
die grünen Wälle der Jugend, und der Volkshunger nach 
dem Grün ist groß. Hat doch Lille neben seinen allerdings 
wundervollen Esplanaden, neben seinem Hain am Kanal von 
Vaubans Zeiten her, außer dem Garten beim Palais Vauban 
keine nennenswerten Volksgärten. 
DOMFREILEGUNG IN MAGDEBURG. 
Von Geheimem Baurat PETERS. Stadtbaurat in Magdeburg. 
Die Frage der Freilegung unserer Kathedralen hat 
bekanntlich vor etwa zwei Jahrzehnten alle Welt, nicht 
nur die mit städtebaulichen Fragen sich beschäftigende 
Fachgenossenschaft, zur Erörterung angeregt, ob die da* 
maligen Bestrebungen zur Steigerung der monumentalen 
Wirkung der großartigen Bauwerke durch ungehinderte 
Öffnung des Blicks, durch Aufschließung der Nachbarschaft, 
Niederlegung der sich herandrängenden Gebäude, Be 
seitigung ganzer Baublöcke nicht arg verfehlt waren. 
Klärend und bahnbrechend wies Camillo Sitte in seinem 
klassischen Werke: „Der Städtebau nach seinen künst 
lerischen Grundsätzen“ auf die höchst bedenklichen ästhe 
tischen Schädigungen hin und betonte, daß die alten go 
tischen Dome gerade zu ihrem Vorteil rings herum so eng 
verbaut sind, daß sie nur zum Hauptportal einen freien Zu 
gang behalten sollten, was durchaus der Bewegung des 
Volkes zur Kirche, dem Einzuge von Prozessionen bei hohen 
kirchlichen Feierlichkeiten entspräche. Dafür genügte aber 
eine auf den Haupteingang führende Straße von ange 
messener Breite, die zugleich den Charakter der „Aussichts 
straße“ erhielte, vollkommen! Die Freilegung einer ehr 
würdigen, alten gotischen Kirche darüber hinaus gereicht 
dem Eindruck der gewaltigen Verhältnisse des Bauwerks, 
deren Vergleich mit Gebäuden gewöhnlichen Maßstabs nicht 
mehr möglich erscheint, entschieden zum Nachteil. „Die 
Wiener Stefanskirche würde, auf den endlos leeren Votiv 
kirchenplatz versetzt, ihre ganze jetzige mysteriöse Wirkung 
einbüßen, während die herrliche Votivkirche, an Stelle des 
Straßburger Münsters oder an Stelle von Notre Dame zu 
Paris versetzt, eine viel mächtigere Wirkung hervorbringen 
müßte als in ihrer jetzigen unpassenden Umgebung.“ C. Sitte 
schlug für die Wiener Votivkirche eine Verbauung vor der 
Turmfront nachträglich vor, um für das Bauwerk erst die 
Umrahmung und den Maßstab zu gewinnen. Auf die be 
kannten Beispiele von jetzt als fehlerhaft allgemein be 
dauerten Freilegungen soll hier nicht weiter eingegangen 
werden! 
Der Magdeburger Dom bedarf keiner eigentlichen Frei 
legung mehr. Im Norden breitet sich von jeher ein überaus 
weiträumiger Platz vor ihm aus, viel zu groß, so daß die 
Gesamtwirkung des Domes viel eindringlicher sein würde, 
wenn man eine Schätzung der gewaltigen Längen- und 
Höhenabmessungen nach den Verhältnissen von Gebäuden 
in näherer Umgebung vornehmen könnte. Das ist nicht der 
Fall und wird auch niemals erreicht werden können, wie man 
seit dem frühen Mittelalter hier immer mit einer „Dom 
freiheit“ — merkwürdigerweise und ganz abweichend von 
sonstigen Beispielen — zu tun gehabt hat. Die seit Jahr
	        
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