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Volume H. 2/3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 14.1917 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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GEDACHTNISMALE ALS 
IM STRASSENBILDE. 
Von Prof. RICHARD MICHEL, Architekt, B. D. A., Görlitz. 
Mit der Errichtung eines Gedächtnismales an der Ecke 
Lipsiusstraße und Stübelallee in Dresden, das dankbare 
Schüler und Freunde dem bedeutenden Meister und ver 
dienstvollen Lehrer der Baukunst an der Dresdner Kunst 
akademie Prof. Constantin Lipsius am 15. Juni 1913 gewidmet 
und dem Rate der Stadt zum ferneren Schutze übergeben 
haben, wurde erstmalig der Gedanke verwirklicht, durch 
künstlerisch geformte, sichtbare Dankeszeichen für hoch 
verdiente Männer einen sinnigen Straßenschmuck dort zu 
schaffen, wo es örtliche Verhältnisse erlauben. 
Dieser Versuch, die jetzt gebräuchlichen blechernen, mit 
Schmelz überzogenen Erklärungstafeln unter den Straßen 
namenschildern durch monumental gestaltete Gebilde zu er 
setzen, dürfte Anregung zu weiterer Nachfolge geben, an 
Straßen mit Namen berühmter, gemeinnützig oder wohltätig 
gewesener Männer ähnliche Zeichen der Dankbarkeit erstehen 
zu lassen, sofern nicht selbständige in der Stadt oder im 
Ort errichtete Denkmäler diesen Zweck schon erfüllen. 
Aber auch mit bescheideneren Mitteln könnte an solchen Stellen 
ein von Künstlerhand gebildeter, sinnvoller Straßenschmuck in 
Hermen-, Kartuschen-, Tafel- und Plattenform mit oderohne 
Reliefschmuck aus Bronze, Kupfer, Stein, Terrakotta und 
Edelholz geschaffen werden, der das Auge wohltuend reizen 
und dadurch die Anziehung für den Zweck erhöhen würde. 
Wie wäre es zu begrüßen, wenn künftighin, wie es zu 
Vorväterzeiten war, eine gesunde, volksverständliche Kunst 
frei bilden und schreiben könnte an Straßenecken, Straßen- 
raauern und Häusern, die orts-, kunst-, zeit- und kultur 
geschichtliche Bedeutung jeglicher Art von bleibendem Werte 
haben, und wenn die zum Teil uralte Sitte, Denk-, Dank-, 
Wahr- und Gedächtniszeichen aufzustellen, von neuem auf 
leben und wirklichen Künstlern Gelegenheit geben würde, 
der Volksgesinnung und gesundem Volksgeschmack ur 
eigenen Ausdruck zu verleihen. 
Es sei nur hingewiesen auf die hie und da noch er 
haltenen alten Hausdenktafeln aus Holz und Stein mit Schutz- 
und Sinnsprüchen, Jahreszahlen, Namen und sonstigen Mark- 
und Merkzeichen, die Inschriften an Balken und Pfosten 
Abb. 9. Gedächtnismal für Constantin Lipsius in Dresden. 
SCHMUCKKUNST 
als Erinnerungsmale einfacher Art und weiter auf die zum 
ehrenden Gedächtnis errichteten Gedenk- und Bildstöcke 
in Feld und Wald, die als kleinste Werke der freien 
Denkmalskunst trotz ihrer oft rührenden Bescheidenheit den 
großen Wert haben, unverfälschte Zeugen bodenständiger 
Volkskunst zu sein und gerade dadurch den Wanderer 
anlocken zum Sehen, Empfinden und Nachdenken. Lebt 
dieser Sinn und mit ihm diese Art der zugehörigen künst 
lerischen Betätigung wieder auf, so wird zur Verschönerung 
des Straßen- und Wegbildes in Stadt und Land ein wesent 
licher Teil beigesteuert und auf diese Weise ein gut Stück 
Volks-, Orts- und Heimatsgeschichte durch die Hand des 
volkstümlichen Künstlers ins Volk getragen werden. 1 ) 
Daß je nach der Bedeutung des zu Ehrenden und der 
hierfür zur Verfügung stehenden Mittel sich ins Große ge 
steigerte Lösungen an den Straßenzügen, Platz- und Straßen 
ecken erzielen lassen, die nicht nur dem Standort, sondern 
dem ganzen Stadt- oder Landteile einen besonderen Charakter 
wie auch straßenbildlichen bedeutenden Wert verleihen, da 
für zeugen ausgeführte Werke der Denk- bzw. Ziermalkunst, 
von denen als anregende Beispiele genannt sein mögen: die 
Rolandsäulen zu Halberstadt von 1433 und zu Brandenburg 
von 1404, das Moritzmonument an der Brühlschen Terrassen 
mauer in Dresden um 1570, der Straßenbaudenkstein bei 
Zörbig (Prov. Sachsen) von 1688, das Wegedenkmal auf dem 
Loiblpaß(Krain) von 1728, das Molieredenkmal in Paris von 1844, 
das Graefedenkmal in Berlin von 1882, das Körner-Schiller - 
Denkmal an hoher Straßenfuttermauer in Loschwitz von 1912. 
Erweckung und Förderung des uneigennützigen Gemein 
sinnes zum Stiften von Mitteln fürs Gemeinwohl mit weit 
herzigem Sinne sind aber Vorbedingungen zur Hervor 
bringung solcher städtebau-künstlerischer Werke, solcher 
Wunschgebilde aus Erz oder Stein. Derartige Dankes 
oder Erinnerungsmale dürfen nicht anklingen an Grabmäler. 
Sie sind, wenn irgend möglich, in Verbindung zu bringen 
mit der den Ehrennamen tragenden Straße, wodurch der 
Wert der Ehrung, der Benennung der Straße, gesteigert 
wird. Auf passender Eckstelle, in oder an Wandflächen 
der Straßenecken oder in und an einspringenden Winkeln 
solcher, wird solch ein Gedächtnismal gut zur Wirkung 
kommen, vielfach besser, als so manches wirkungslos hin 
gestellte auf einem meist alle Wirkung tötenden Platz. 
So könnten vielen im jetzigen Weltkriege erstandenen 
Helden Zeichen dieser Art an solchen Stellen errichtet 
werden, und erfreulich würde es sein, wenn die verschiedenen 
Gemeinden das Bestreben fördern wollen, in dieser auch 
mit wenig Mitteln zu ermöglichenden Weise die Ortsge 
schichte, die Geistes- und Heldentaten ihrer Väter, Mütter und 
Heldensöhne einmeißeln zu lassen durch kunstgeübte Hände 
an ihrer Orte Straßenecken, Straßenwinkel und Wände! 
Noch einer Anregung zur Erweiterung dieses dankbaren 
in Frage kommenden Aufgabengebietes im Sinne der Heimat 
schutzbewegung, sowie zur Förderung volkstümlicher Kunst- 
l ) Hierhirf'gehören auch die sogenannten Sühnekreuze, Wegscheide' 
kreuze usw. D. S.
	        
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