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Volume H. 8/9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 14.1917 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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durch praktische Mitarbeit zur Durchführung zu verhelfen. Bei Beurteilung 
der Wohnungsfrage müsse angesichts der starken Gegensätzlichkeit der 
Interessen der Grundeigentümer und Hausbesitzer auf der einen und der 
Mieter auf der andern Seite versucht werden, eine mittlere Linie zu 
finden. Jedenfalls habe aber als das Ziel einer gesunden Wohnungs 
politik zu gelten, daß jeder eine seinen Verhältnissen und Bedürfnissen 
entsprechende gesunde Unterkunft dauernd finde, und daß dies insbesondere 
auch den kinderreichen Familien aus den Kreisen der minderbemittelten 
Bevölkerung möglich sei. Daß an vielen Orten, sowohl was die Zahl 
als namentlich die Beschaffenheit der verfügbaren Wohnungen anbetreffe, 
ein ernster Notstand obwalte, sei nicht zu bestreiten. Nach Lage der 
gegebenen Zuständigkeiten würde es nicht angängig sein, alle hier ein 
schlagenden Fragen innerhalb des Beirats zur Erörterung zu bringen, da 
dieser allein vom Minister der öffentlichen Arbeiten berufen und dieser 
nicht für alle jene Fragen zuständig sei. Die Verhandlung von Fragen 
aus dem Geschäftsbereiche anderer Zentralstellen, insbesondere also 
namentlich auch der Kreditfragen, werde deshalb nur nach Zustimmung 
dieser Stellen erfolgen können. 
Übergehend zu Punkt i der Tagesordnung; 
Allgemeine Maßnahmen zur Besserung des praktischen Städtebaues, 
insbesondere Beratung von Gemeinden, Siedelungsgesellschaften, 
Bauvereinen und sonstigen Interessenten, in Fragen der Gestaltung 
von Bebauungsplänen und von Bauordnungen sowie der Wohnungs 
fürsorge im allgemeinen und im besonderen unter Berücksichtigung 
der Bedürfnisse kinderreicher Familien (Bildung von Ausschüssen 
für Städtebau, für Bauordnungen und für Kleinhaustypen), 
wies der Berichterstatter, Geheimer Regierungsrat Dr. K roh ne, zunächst 
auf die große Bedeutung hin, die sich aus dem Sinken der Volkszahl 
und Volkskraft infolge des Krieges gerade für die Aufgaben des praktischen 
Städtebaues ergebe. Es gälte vor allem, dafür zu sorgen, daß die Er 
fahrungen, die im Laufe der Zeit aus der ungünstigen Entwickelung des 
Städte- und Wohnungsbaues in der zweiten Hälfte des vergangenen 
Jahrhunderts gewonnen seien, für den Städtebau der Zukunft Verwertung 
fänden. Daß in dieser Beziehung in einer sehr großen Reihe namentlich 
mittlerer und kleiner Städte und den Vororten großer Stadtgemeinden, 
denen es an geeigneten, städtebaulich ausreichend vorgebildeten Kräften 
fehle, noch vieles im argen liege, sei bekannt. Aufgabe des Beirates solle 
es sein, hier ratend und helfend einzugreifen. An die Schaffung einer 
neuen Aufsichtsinstanz sei dabei nicht gedacht. Da der Beirat selbst mit 
seiner großen Mitgliederzahl naturgemäß zur Erledigung der Einzelaufgaben 
nicht wohl geeignet sei, so werde empfohlen, aus seiner Mitte heraus die 
nötigen Ausschüsse zu bilden. Fürs erste dürften deren zwei ausreichen, 
von denen dem einen die Fragen der Bebauungsplan- und Bauoidnungs- 
gestaltung zugewiesen werden sollen, während der zweite sich im be 
sonderen mit der Frage der Kleinhaustypen zu befassen haben werde. 
Die Aufgabe des ersten Ausschusses ist, wie auf Anfrage aus der 
Versammlung heraus regierungsseitig erläutert wurde, so gedacht, daß er 
einmal praktische Arbeit leistet, d. h. vorgelegte Bebauungspläne oder 
Bauordnungen auf Wunsch der betreffenden Gemeinden sachkundig be 
gutachtet, auf einschlägige Fragen Rat erteilt, Städtebauer, die zur Auf 
stellung von Bebauungsplänen in bestimmten Fällen geeignet sind, 
empfiehlt, gegebenenfalls auch bei Meinungsverschiedenheiten der Be 
teiligten mit örtlichen oder provinziellen Beratungsstellen vermittelnd 
eintritt und im übrigen die vorhandenen und von ihm selbst gesammelten 
Erfahrungen zu geeigneter allgemeiner Verwertung zusammenfaßt. Von 
einzelnen Seiten (namentlich Schmidt-Essen) wurde eine praktische 
Betätigung des Ausschusses in dem erläuterten Sinne für nur schwer 
durchführbar erachtet, da die Beurteilung von Bebauungsplänen im all 
gemeinen zeitraubende, zum Teil sogar an Ort und Stelle vorzunehmende 
Vorarbeiten erfordere, die von den nur nebenher im Ausschüsse tätigen, 
hauptamtlich in der Regel stark in Anspruch genommenen Mitgliedern 
kaum geleistet werden können. Es werde deshalb eine besonders wichtige 
Aufgabe des Ausschusses sein, in den Landesteilen, in denen örtliche 
und provinzielle Beratungsstellen noch nicht bestehen, für die Schaffung 
solcher Stellen zu sorgen. Da diese den örtlichen Verhältnissen näher 
ständen, würden sie im allgemeinen leichter als die Zentralstelle in der 
Lage sein, die in Betracht kommenden Bedürfnisse zu übersehen und 
danach einer gesunden Bebauung die Wege zu ebnen« Von anderer 
Seite (Körte-Königsberg) wurde diese Auffassung mit der Begründung 
unterstrichen, daß eine eingehende Einzelarbeit im Berliner Ausschuss^ 
eine Gleichmacherei begünstige, die vermieden werden müsse. Der 
Siegeszug, den die Berliner Bauordnung mit der Begünstigung der Miets 
kaserne sehr zum Schaden unseres Bau- und Wohnwesens durch das 
ganze Land genommen habe, könne hierfür als warnendes Beispiel dienen, 
Gewünscht wurde vor allem (Sonnen-Münster) die Heranbildung ge 
eigneter Siedelungstechniker, damit die örtlichen und provinziellen Stellen 
auch tatsächlich mit tüchtigen Kräften besetzt werden könnten. Bis jetzt 
seien solche nicht in der nötigen Zahl vorhanden. Weiter sei nötig, 
sich im Ausschüsse über die Gesichtspunkte zu einigen, nach denen die 
zur Aufstellung von Bebauungsplänen erforderlichen Unterlagen zu be 
arbeiten wären. Eine Hauptfrage sei endlich die Beschaffung der Mittel 
für die Unterhaltung der Beratungsstellen. 
Zusammenfassend wies der Herr Vorsitzende darauf hin, daß «ich 
ein festes Programm für die Tätigkeit der Ausschüsse nicht von vorn 
herein geben lasse, sich ein solches vielmehr aus der Praxis heraus selbst 
nach und nach bilden werde. Zunächst Sei nach dem Verlauf der Er 
örterungen festzustellen, daß die Aufgabe des ersten Ausschusses darin 
bestehen solle, 
a) die auf dem Gebiete des Bebauungsplan- und Bauordnungswesens 
vorhandenen Erfahrungen zusammenzufassen und zu bearbeiten, sowie 
die sich aus der entwickelnden Erkenntnis heraus ergebenden all 
gemeinen Gesichtspunkte festzustellen und für ihre Übertragung in 
die Praxis zu sorgen, 
b) auf Wunsch von Beteiligten oder von Behörden in bezug auf prak 
tische Fragen der Bebauungsplan- und Bauordnungsgestaltung zu 
begutachten oder Rat zu erteilen — soweit nicht örtliche oder 
provinzielle Stellen in erster Linie dafür in Betracht kommen — 
oder auch Sachverständige zu bezeichnen, die zur Aufstellung von 
Bebauungsplänen geeignet sind, 
c) auf die Schaffung örtlicher oder' provinzieller Beratungsstellen hin 
zuwirken. 
In den ersten Ausschuß selbst wurden nach längerer Aussprache 
gewählt; 
1. Oberbürgermeister Scholz-Danzig, Vorsitzender, 
2. Landesrat, Geheimer Regierungsrat Alt ho ff-Münster, 
3. Stadtbaurat a, D. Beuster-Berlin, 
4. Geheimer Baurat Professor Frentzen-Aachen, 
5. Geheimer Baurat Professor Goecke-Berlin, 
ö. Geheimer Baurat Dr.-Ing. Hoffmann-Berlin, , 
7. Abgeordneter Hu e-Essen, 
8. Stadtrat a. D. Dr. Luther-Berlin, 
9. Generalsekretär Dr, v, Mangoldt-Berlin, 
10. Oberbürgermeister Roesler-Schmalkalden, 
11. Beigeordneter, Stadtbaurat Schilling-Trier. 
12. Beigeordneter Dr.-Ing. Schmidt-Essen, 
13. Stadtsyndikus Sem britzki-Charlotten bürg, 
14. Syndikus Dr, Schmude-Steglitz, 
15. Geheimer Oberbaurat Dr.-Ing, Stübben-Berlin. 
Für den zweiten Ausschuß wurde die Uber den Regierungsvorschlag 
hinausgehende Bezeichnung „für Kleinwohnungsbau“ empfohlen und an 
genommen. Hineingewählt wurden die Herren; 
1. Oberbürgermeister Koch-Cassel, Vorsitzender, 
3. Generalsekretär Behrendt-Bethel, 
3. Staatssekretär a. D. Dr. Dernburg-Berlin. 
4. Kommerzienrat Haberland-Berlin, 
5. Landesversicherungsrat Hansen-Kiel, 
6. Gustav Hartmann-Berlin, 
7. Architekt Kindt-Hindenburg, 
8. Oberregierungsrat Köppel-Brealau, 
9. Baurat Schmobl-Bssen, 
10. Diplomingenieur Sonnen-Münster. 
Dabei wurde festgestellt, daß die Vorsitzenden der beiden Ausschüsse 
berufen sein sollen, sich gegenseitig im Vorsitz zu vertreten* Oie Aus 
schüsse haben dem Beirate Uber ihre Tätigkeit Bericht zu erstatten. Die 
Geschäftsführung beider Ausschüsse wird im Ministerium der öffentlichen 
Arbeiten wahrgenommen werden.
	        
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