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Volume H. 8/9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 13.1916 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Abb. 2. Massiv der Festungsmauer. 
verrät auch in der Senkrechten 
durch eine verzweigte Graben 
anlage, deren einzelne Gräben 
Tiefen bis zu 10 m erreichen 
können, seine Anwesenheit. Bei 
näherem Zusehen beherbergen 
die sich nur wenig über das 
Vorgelände erhebenden Wälle in 
ihrem Innern aus kräftigstem 
Mauerwerk bestehende bomben 
sichere Unterkunfts- und Lager 
räume, während die die Graben 
wände stützenden hohen Mauern 
mittlere Stärken von 2 l j 2 m auf 
weisen. 
Nach den gleichen Grund 
sätzen sind die einzelnen Festen 
errichtet, die in einem Gürtel 
von 600- 900 m Abstand den ge 
nannten Hauptwällen vorgelagert 
sind und im Grundrisse eine 
stumpfe Mondsichelform mit be 
deckten Laufgräben und Schanzen 
bilden. Als weitere Eigentümlich 
keit des Festungsgebietes zeigen 
sich mehr oder weniger wert 
volle Baumbestände auf den 
Flächen der Feldbrustwehr. 
Weil die zur Auflassung oder richtiger gesagt zur Nieder 
legung bestimmten Festungsanlagen das unmittelbar an die 
bewohnte Stadt angrenzende Gelände einnehmen, können 
diese bei Aufstellung des Bebauungsplanes nicht umgangen 
werden; vielmehr ist vom Standpunkte wirtschaftlicher, 
architektonischer und schönheitlicher Erwägungen die Frage 
zu prüfen, ob die Einebnung der Festungsanlagen ganz oder 
nur teilweise erfolgen soll. 
Im ersteren Falle würde die Beseitigung der Gräben und 
Wälle zwar ein für das Auge übersichtliches und infolge 
seiner ebenen Gestaltung für die Bebauung günstiges Gelände 
ergeben. Das Bild erweist sich jedoch als ein trügerisches; 
denn das verfüllte Grabengelände ist der Feind jeden Anbaues. 
Häuser können in ihm nur mit besonderen Sicherungen 
errichtet werden. Der Straßenbau hat trotz voraufgegangener 
schichtenweiser Abstumpfung und Abwalzung mit Setzungen 
noch auf Jahre hinaus zu rechnen. Beim Kanalbau sind 
die Röhren auf eine Kiesschicht zu lagern, welche bis auf 
den gewachsenen Boden der Grabensohle hinabführen soll. 
Gas- und Wasserleitungen müssen beim Durchschreiten des 
früheren Festungsgrabens aus Schmiedeeisen auf Unter 
fangungen gelagert werden, um die Bruchgefahr abzuwenden. 
Wenn also ein ehemaliges Festungsgebiet so mancherlei 
unerwünschte Spuren bei der Baureifmachung hinterläßt, 
so drängen die vorerwähnten Gesichtspunkte von selbst auf 
den Weg einer teilweisen Beibehaltung der Festungsanlagen. 
Leider waren von einer Anzahl das Schicksal von Mainz 
teilenden Festungsstädten, die zur Auflassung bestimmt sind, 
deren Einebnungskosten nicht erhältlich. Um welche Erd- 
und Mauerabbruchmassen es sich aber allein bei einem 
Teile der Mainzer Stadterweiterung von 178 ha Größe handelt, 
kann aus dem Voranschläge des Städtischen Tietbauamtes 
entnommen werden. Hiernach stellen sich: die Erdmassen 
bewegung auf 2081000 cbm und der Mauerabbruch auf 
301000 cbm, während die baufertige Herstellung der Bau 
blöcke in dem genannten Gebiete den Betrag von 3100000 Mk. 
ergibt. 
Diese Zahlen gewähren einen Einblick in die Größe der 
baulichen Anlagen, welche die Militärbehörde zur Sicherung 
des Reiches errichtet hatte. Der Fortschritt der Zeit ist 
nirgends besser erkennbar als an der Umgestaltung der 
Stadtbefestigungen, die, von der malerischen mit Türmen und 
Zinnen bewehrten mittelalterlichen Stadtmauer ausgehend, 
unter dem Einflüsse der Angriffswaffen die heutigen Formen 
angenommen haben. 
Die schon erwähnte teilweise Beibehaltung der Festungs 
anlagen verschafft gegenüber der vollständigen Einebnung 
erfreulichere Ausblicke sowohl hinsichtlich der Kosten, wie 
der anderen Forderungen. Es kann natürlich nicht die 
Rede davon sein, den Bebauungsplan nach den Festungs 
anlagen einzurichten. Durchgehende Verkehrsstraßen, Ge 
schäftsgegenden oder gar Industriesiedelungen haben nichts 
in dem zu erhaltenden Festungsgebiete zu suchen; wohl aber 
können Festungsteile, einem ruhigen Stadtviertel einverleibt, 
durch alte Grabenmauern, geschmückt mit Blattwerk, durch 
erhöhte, zu Aussichtspunkten oder Spielplätzen umgewandelte 
Basteien und durch Gräben, deren Flächen gärtnerich herge 
richtet werden, eine stimmungsvolle Wirkung hervorrufen. 
Der Wall ist an sich schon ein landschaftliches Motiv; 
er gibt die Grundlage für die ringförmig um die Stadt an 
zulegende „Promenade“. Im Bestreben, ihn zu erhalten, 
sind Städte wie Soest, Lüneburg in öffentlichen Wett 
bewerben so weit gegangen, die Aufgabe zu stellen, Radial 
straßen im Tunnelbau durch den Wall zu führen. Die 
Wallanlagen in Braunschweig sind zu einer Zierde der Stadt 
geworden. Es sei hier weiter an die glückliche Verwendung 
von Festungsgräben und -mauern in Dresden, Magdeburg, 
Bremen und anderen Städten erinnert.
	        
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