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Volume H. 6/7

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 13.1916 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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nicht jene Beachtung und Würdigung gefunden hat, die 
ihm, wie im nachstehenden nachgewiesen werden soll, in 
hohem Maße zukommt Es ist dies ein durch die Gesetz 
gebung vernachlässigtes Recht, das Recht auf Aussicht. 
Das österreichische bürgerliche Gesetzbuch kennt diesem 
Recht überhaupt nicht, und ich glaube annehmen zu können, 
obzwar mir die gesetzlichen Vorschriften der deutschen 
Bundesstaaten nicht genug bekannt sind, daß dieses Recht 
auch im Deutschen Reiche nicht anerkannt wird, sonst 
hätte man sich seiner, als eines sehr wichtigen und dabei 
überaus wirksamen Mittels, in gar vielen Fällen bei den auf 
die Erhaltung alter Städtebilder abzielenden Bestrebungen 
bedient. Dieser Mangel der Gesetzgebung ist sehr zu beklagen, 
weil er die Außerachtlassung eines unanfechtbar feststehenden 
Rechtes bedeutet; denn das Recht auf Aussicht war es, 
welches die Anlage zahlreicher schöner und malerischer 
Ansiedlungen, Orte und Städte in früheren Zeiten ermöglichte, 
und zwar zu einer Zeit, wo das Raumgefühl weniger im 
Munde und am Papier, dafür aber um so tiefer in den natür 
lichen Empfindungen und Bedürfnissen der Menschen selbst 
zu finden war, welche dann ebendeshalb, weil sie immer 
und überall räumlich empfunden haben, nicht einmal anders 
bauen konnten, als daß sie das einzelne Haus, die Straße 
oder den Platz, die ganze Ortschaft, mit der Umgebung in 
räumlichen Zusammenhang brachten. Viel geklügelt und 
gekünstelt haben unsere Vorfahren dabei allerdings nicht; 
sie haben ihr Raumgefühl einfach dadurch zum Ausdruck 
gebracht, daß sie sich, jeder für sein eigenes Haus, so viel 
Aussicht zu sichern verstanden, als sie es eben für nötig 
und unter den obwaltenden Umständen erreichbar fanden. 
Was war nun die Folge davon, wenn einer an der 
Lehne sein Haus so gebaut hat, daß es von den Fenstern 
aus freie Aussicht auf die unter der Berglehne sich windende 
Landstraße behielt? Und was war die Folge, wenn ein 
anderer sein Haus in einer dem Marktplatze zustrebenden 
Straße so aufgeführt hat, daß er aus den Fenstern un 
gehinderten Ausblick auf den Marktplatz erhielt? — Das 
erstere Haus war von der Landstraße, das letztere vom 
Marktplatz aus sichtbar, und es fiel den Nachbaren, welche 
ihre Häuser später errichteten, nicht ein, die eigenen 
Wohnstätten anders zu stellen als so, daß dadurch die 
bereits erworbenen Rechte der ersteren nicht berührt oder 
geschmälert wurden. Jeder suchte für sein eigenes Haus 
so viel Aussicht auf wichtige Punkte der Landschaft oder 
der Stadt zu gewinnen, als es eben unter Berücksichtigung 
der bereits erworbenen Rechte seiner Nachbaren nur Irgend 
möglich war. Die Folge davon war dann aber wieder die, 
daß von den wichtigen Punkten der Stadt aus, welche sich 
der erhöhten Aufmerksamkeit der Bürgerschaft erfreuten, sich 
die freundlichsten und schönsten Aussichten auf das neu 
gierig herüberblickende Häusergewirre der Umgebung dar 
boten. Die Fenster der nahen und entfernten Häuser blickten, 
manchmal in scheinbar planlosem Durcheinander, aber alle 
gleich neugierig herüber, um möglichst viel von dem bunten 
Treiben auf einem belebten Punkte der Stadt zu erhaschen. 
So sind denn manchmal auch noch sehr entfernte Häuser 
zu den wichtigen Punkten einer Stadt in räumlichen Zu 
sammenhang gebracht worden. Bei ansteigendem Boden 
war es natürlich auch auf größere Entfernungen möglich, 
sich die Aussicht auf wichtige Stellen der Stadt zu sichern, 
indem sich nicht selten die Häuser ganzer Stadtteile um 
solche wichtige Stellen amphitheatralisch aufbauten. 
Wer möchte nun bestreiten, daß die Besitzer der so 
angelegten Wohnstätten auch das volle und unbestrittene 
Recht hatten, die mitunter mit nicht unerheblichen Opfern 
erkaufte Aussicht für immerwährende Zeiten als ihr gutes 
Recht zu beanspruchen und als einen wichtigen Teil vom 
Werte der Häuser selbst, für deren Anlage und Gestaltung 
sie doch in hervorragenderjWeise mitbestimmend war? Oder 
besteht vielleicht ein Grund dafür, dieses Recht geringer zu 
bewerten als zum Beispiel jenes „dingliche Recht“, welches 
sich jemand dadurch erwirbt, daß er durch eine Reihe von 
Jahren die Wiese oder den Garten eines Nachbars durch 
quert, um sich einen längeren Weg auf der Landstraße ab 
zukürzen, oder dadurch, daß er das Regenwasser vom Dache 
seines Hauses auf das Nachbargrundstück abfließen läßt? 
Es ist klar, daß eine zufällige Lücke in der Gesetzgebung 
die später eingetretene Verunstaltung alter Stadt- und Orts 
anlagen überhaupt in ganz hervorragender Weise verschuldet 
und gefördert hat; denn nie wäre es sonst möglich gewesen, 
die „zufälligen“ Biegungen der Straßenzüge mit dem Lineal 
gerade zu machen, wenn die Gesetze das Aussichtsrecht 
der Besitzer von Häusern an solchen Straßenbiegungen ge 
schützt hätten; nie hätten die alten Stadtteile in ansteigendem 
Boden ihren malerischen Reiz einbüßen müssen, wenn 
die moderne Gesetzgebung den Geist der nachbarlichen 
Duldsamkeit, welcher durch die lange Dauer seines Be 
standes längst Rechtskraft erlangt hatte, pflichtgemäß über 
nommen hätte. 
Es gibt auch gegenwärtig genug Beispiele in den er 
haltenen alten Teilen von Städten, aus welchen man die 
Ursachen und Wirkungen des einstens anerkannten Rechtes 
auf Aussicht unschwer ableiten und herauslesen kann. Viel 
leicht wäre es sogar möglich, in alten städtischen Archiven 
die Aussicht betreffende Vorschriften zu finden; aber das 
eine steht zweifellos fest, daß auch die stillschweigende, 
ohne geschriebene Gesetzesparagraphen bewirkte, freund 
nachbarliche Duldsamkeit, welche in der allgemeinen Ach 
tung des Aussichtsrechtes durch die Art der Verbauung 
alter Städte zum Ausdruck gebracht wurde, in unserer Zeit 
der Paragraphierung jedweden Rechtstitels hätte nicht 
unberücksichtigt bleiben sollen und dürfen. 
Wenn es nun auch unschwer möglich gewesen wäre, zum 
Beweise des vorne angeführten Beispiele aus Österreich- 
Ungarn, Deutschland, Italien usw. anzuführen, so halte ich 
es für womöglich noch lehrreicher, solche Beispiele der 
bosnischen Hauptstadt Sarajevo, also einer Gegend zu ent 
nehmen, deren Bewohner noch vor wenigen Jahrzehnten 
außer der gegenseitigen, nachbarlichen Rücksichtnahme 
eigentlich nur sehr geringen gesetzlichen Zwang gekannt 
hatten, und wo zufolge der kulturellen Zustände die Bau 
weise selbst mit ihren naiven Ausdrucksformen jeden Ver 
dacht ausschließt, etwas anderes als eine dem allgemein 
empfundenen Bedürfnisse entsprungene Überzeugung zum 
Ausdruck gebracht zu haben. Allerdings darf in diesem 
Falle der eine Umstand nicht übersehen werden, daß in 
Ländern mit vorwiegend mohammedanischer Bevölkerung 
sich die Aussicht einer erhöhten Wertschätzung erfreuen 
mußte, wo die Frauen aus dieser einen großen Teil ihrer 
Zerstreuung zu schöpfen bemüßigt waren. Dieser Umstand 
muß aber als ein weiterer Beweis dafür gelten, daß dem 
Rechte auf Aussicht nicht allein die Bedeutung eines wohl 
erworbenen Rechtes von Einzelpersonen, sondern geradezu 
die eines öffentlichen Interesses zukam.
	        
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