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Volume H. 2/3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 13.1916 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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noch um ein Geschoß erhöhte, nur drei bts vier Fenster 
breite Häuser umstehen den Markt. Eiserne Schlagläden 
vor den Erdgeschoßfenstern erzählen von Unsicherheit ihrer 
Bewohner. Der Höhenunterschied zwischen der eigentlichen 
Stadthochfläche und dem Weichselufer wird hier in der 
Altstadt durch steile Treppen zwischen schmalen Mauer- 
schlitzen überwunden (Textbild 7). Fast italienisch mutet 
eine solche Situation an. Von den Terrassen des Königs 
palastes senkten sich gewölbte Treppenläufe zur Weichsel 
brücke herab (Abb. h der Tafel 17). 
Um diesen alten Stadtkern in breitem Halbring ent 
wickelten sich nun mehr oder weniger unregelmäßig die 
Straßenzüge der Vorstadt bis an den Sächsischen Garten 
und nach Süden noch ein Stück über ihn hinaus. Die 
Bezeichnung „Krakauer Vorstadt“, welche heute noch die 
Hauptstraße Warschaus führt, ist Beweis dafür. In dem ehe 
maligen Vorstadtring, um das alte Königsschloß haben sich 
ja auch in der Barockzeit, der Zeit Augusts des Starken, 
die Großen des Reiches ihre Paläste gebaut. Der Brühlsche 
Palast am Sächsischen Garten ist der sprechendste Ausdruck 
dieses Zeitabschnittes, der mit der Neuentstehung der Alt 
stadt zusammen und in die Mitte des 17. Jahrhunderts fällt. 
Jenseits dieses ersten Wachstumsringes, dessen Grenze nach 
Westen etwa die Nalewski bildet, nimmt die Folgezeit das 
alte Rechteckschema wieder auf. Schmale, bis auf 36 m 
Tiefe heruntergehende, sehr lange Baublöcke werden ge 
bildet, die nur selten durch Querstraßen unterbrochen 
werden. Auf Entfernungen bis zu 800 m ist manchmal zur 
Nebenstraße keine Verbindung möglich. Nur die Annahme, 
daß früher Hausdurchgänge, die später weggefallen sind, 
den Verkehr vermittelten, macht derartige Verhältnisse er 
klärlich. Die geringe Tiefe einzelner Blöcke führt zu sehr 
ungünstigen Hofabmessungen. Der Sächsische Garten mit 
seiner Ostwestiage hat sich in früheren Jahrhunderten offenbar 
weiter nach Westen noch vorgeschoben und der Ausdehnung 
dieses Rechteckschemas nach Süden ein Halt geboten. 
Südlich von ihm hat dasselbe Straßensystem eine etwas ver 
änderte Hauptachse bekommen. Zwischen der Elektoralna 
und des Panska finden wir deshalb noch einmal eine un 
regelmäßigere Geländeaufteilung, deren Entstehung mit der 
Bebauung eines großen Teiles des Sächsischen Gartens 
zusammenfällt. Erst weit im Süden des Stadtgebietes, da, 
wo für die Bewohner des Kaiserlichen Gartens, des Ogrod 
Lazienki, das Bedürfnis entstand unmittelbarer Verbindungen 
zu den neuerstandenen Bahnhöfen, haben die Straßen noch 
einmal eine andere Neigung zur Flußachse erhalten. 
An Hauptverkehrsadern ziehen sich durch dieses Straßen 
netz nach dem bedeutsameren und wohlhabenderen Süden 
hin in der Verlängerung der Krakowski, der Krakauer Vor 
stadt, der Nowi Swiat bis zur Alexanderkirche und jenseits 
dieser die Aleja Udjasdowska, die bis über die Lazienki- 
gärten hinausreicht. Der Straßenzug begleitet zuerst die 
obere Grenze des Steilufers der Weichsel in einem solchen 
Abstande, daß gerade noch die Tiefe eines großen Grund 
stücks übrigbleibt zwischen ihm und der Straße. Erst der 
Nowi Swiat rückt weiter von der hohen Kante ab, derart, 
daß östlich von ihr noch Stichstraßen möglich werden zum 
Flußufer hin, die zum Teil vor Gartengrundstücken endigen. 
Die Flächen auf dem hochliegenden Ufer haben innerhalb 
der Krakauer Vorstadt zunächst für öffentliche Gebäude sehr 
vorteilhafte Verwendung gefunden. Das Gouvernements 
gebäude, die Universität, Kirchen und Herrenhäuser schauen 
von ihren dortigen Standplätzen weit über den Strom und 
ergeben in ihrer Gesamtheit vom jenseitigen Praga aus ein 
großartiges Stadtbild (Doppeltafel 14/15), das an Basel 
und Ofenpest erinnert. Erst die Flächen östlich des Nowi 
Swiat sind für Wohnhausviertel aufgeteilt und gewähren 
vom Strome her einen weniger günstigen Anblick. 
Annähernd parallel zu dieser einen Ausfallstraße ist 
eine zweite durchgeführt, westlich, in einem Abstande von 
etwa800m, die Marszatkowska (Abb. i Tafel 18). Sie läuft 
nach Norden in einer besorgniserregenden Weise auf den 
Sächsischen Garten gerade zu, augenblicklich stumpf vor 
der Krolewska endigend. Nördlich des Gartens stoßen in an 
nähernd gleicher Richtung die Nalewki und die Pokorn 
in das Vorstadtgelände vor. Wenn man berücksichtigt, 
daß auch noch eine zweite Ausfallstraße, die Dzika, die 
allmählich in die Powaskowska übergeht, in ausgesprochen 
nordwestlicher Richtung aus der Stadt hinausführt, so sieht 
man die Gefahr vor sich, daß eines Tages zwischen den 
südwärts führenden und den beiden nach Norden gehenden 
Hauptverkehrszügen, deren Endpunkte heute nur auf Zick 
zacklinien um den Park herum miteinander in Beziehung 
gesetzt sind, eine gerade Verbindung angestrebt werden 
wird, und daß zur Erzielung einer solchen ein weiterer 
Teil des Sächsischen Gartens geopfert werden muß. Sollte 
der Zeitpunkt wirklich einmal eintreten, dann wird hier eine 
städtebauliche Aufgabe ersten Ranges zu lösen sein. 
Gegenüber diesen beiden Nordsüdlinien verbinden den 
Osten mit dem Westen zwei andere Straßenzüge, deren 
östliche Anfangspunkte gegeben sind durch die beiden 
Weichselfahrbrücken. Von der älteren, der Alexanderbrücke, 
westwärts führt der allerdings in der Altstadt und auch 
weiterhin mancherlei Windungen durchmachende Zug der 
Senatorska, Elektoralna, Chlodna, Wolska, Kaliska. Von 
der neuen, erst in den letzten zehn Jahren über den Strom 
geschlagenen Trzecibrücke führt dagegen eine um so 
geradere Prachtstraße, die breite, baumbesetzte Aleja 
Jerosolimska nach Westen, und zwar gleich zu den wich 
tigsten Verkehrspunkten dort, dem Wiener und dem Kalischer 
Personenbahnhöfe und damit auch zu dem mit letzterem 
verbundenen Warschauer Güterbahnhof. Die Jerosolimska 
bildet mit ihrer stattlichen Länge von 4,5 km bis zur Fluß 
grenze und ihrer schon einen Kilometer vorher beginnenden 
Viaduktbildung aus Eisenbeton ein Ingenieurwerk ersten 
Ranges, bestimmt, vor allem auch mit Hilfe der Weichsel 
brücke die großen Parkflächen der Vorstadt Praga näher 
an Warschau heranzuziehen. 
Sowohl der letztgenannte wie der oben beschriebene 
Straßenzug haben sich organisch aus dem Stadtplan heraus 
entwickelt. Anders die einzige Schrägverbindung, die Dwarda, 
die in der Zabia und der Graniszna ihre Fortsetzungen findet 
um den Sächsischen Garten herum zur Senatorska. Ganz 
brutal zerschneidet sie in spitzem Winkel die Häuserblöcke, 
hervorgegangen aus dem Bedürfnis, den Güterbahnhof mit 
dem Stadtinnern und durch dieses hindurch mit der Alexander 
brücke in Beziehung zu setzen. 
Auch an anderer Stelle hat man in wenig rücksichts 
voller Weise einen Straßendurchbruch ausgeführt. Die 
Wierzbowa mußte nach Errichtung der russischen Kathe 
drale auf dem Saski-Platz nach der Laienmeinung die 
Bielanska mit diesem Platz ganz verbinden. Kaltblütig 
wurde demnach der Durchbruch vollzogen, ganz unbe 
kümmert um die Verwüstungen, die man an dem Brühlschen
	        
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