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Volume H. 2/3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 13.1916 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
16 
Stadt, für die Verteilung der Industrien, der Wohn- und 
Erholungsflächen und für die Lage der Plätze. Die ent 
scheidenden Verkehrsrichtungen haben schon die alten Städte 
wesentlich mitbestimmt, nur sind heute diese Fragen viel 
verzweigter und erfordern eine viel eingehendere Prüfung. 
Auch verändern durchgreifende Umgestaltungen heute viel 
mehr das ganze Gefüge der Stadt als früher. Es bleibt 
von entscheidendem Einfluß, ob die Lage am Meere eine be 
stimmte Ausdehnung mit sich bringt oder ein bedeutender 
Fluß Richtung gibt, ob Flachland ungehemmte Ausdehnung 
ermöglicht oder Bergrücken die Stadt modellieren, 
Rüstringen und Wilhelmshaven bilden einen Kreissektor, 
in dessen Spitze die Kaiserliche Werft mit dem Kriegshafen 
von Anfang an lag; zu ihr mündeten die ersten Wege, auf 
sie bezog sich alles. Das hat sich neuerdings verändert. 
Die Entwicklung der Werftbetriebe hat mit der er 
wähnten Eindeichung ein neues Werftzentrum im südwest 
lichen Stadtgebiet geschaffen. Diese Verschiebung macht 
sich bereits in einer Reihe von Verkehrsfragen entscheidend 
bemerkbar und hat z. B. die Verhandlungen über die An 
legung eines neuen Bahnhofes für beide Städte neben 
anderen Fragen wesentlich beeinflußt. 
Rüstringen-Wilhelmshaven bildet die Endstation der 
Bahnlinie Bremen—Oldenburg-Wilhelmshaven; der Reisende 
erreicht es von Bremen in zwei Stunden. Damit ist die Richtung 
des Personenverkehrs angedeutet; es besteht nur die eine 
Hauptlinie, die von Westen in das Stadtgebiet eindringt; 
Abzweigungen von dieser Hauptstrecke, die die Verbindung 
nach Ostfriesland herstellen, liegen zurzeit noch außerhalb 
Rüstringer Stadtgebiet. Gegenwärtig liegt die Bäderlinie des 
Norddeutschen Lloyd, die in Friedenszeiten von hier nach 
den Ostfriesischen Inseln und Helgoland läuft, still. 
Der Güterverkehr benutzt dieselbe Linie. Da die nähere 
Umgebung ein in reiner Viehwirtschaft betriebenes Marsch 
gebiet ist, so liefert es lediglich Nahrungsmittel. Alles, was 
die riesigen Werftbetriebe verarbeiten und was die Städte 
und die stationierten Schiffe verbrauchen, muß von weither 
herangeschafft werden. Der Ems-Jade-Kanal ist nach 
Führung und Beschaffenheit als Handelsweg unbedeutend, 
und von der See her läßt die Kriegsmarine keine Handels 
schiffahrt zu. 
Nach verkehrspolitischer Bedeutung, Flächenbedürfnis, 
Gebundenheit in Lage und Steigungen ergibt sich für 
Rüstringen-Wilhelmshaven die nachfolgende Ordnung der 
modernen Verkehrsmittel: 
1. Güterverkehr, 
2. Fernpersonenverkehr, 
3. Nachbarortverkehr, 
4. Straßenbahnverkehr, 
5. Straßenverkehr. 
Ihrer Art nach erfordern die Anlagen für den Güter 
verkehr die größte Rücksicht auf den Aufbau der Ver 
kehrsmittel. Einmal sind sie räumlich am umfangreichsten; 
sie erfordern auch für mittlere Städte schon große Anlagen 
für Lade- und Entladegleise, Verschiebebetrieb, Lokomotiv 
schuppen und Werkstätten sowie vorbereitende Anlagen 
(Verschiebebahnhöfe, die oftmals außerhalb des eigent 
lichen Stadtgebiets liegen). Aus ihrem Umfang folgt ihre 
Unbeweglichkeit. Umbauten der Güteranlagen bedeuten 
meist schwerwiegende Eingriffe in -den Stadtorganismus, 
die hohe Kosten verursachen und Werte verschieben. Da 
in den meisten Fällen die Personengleise die Güteranlagen 
durchlaufen, so ziehen Veränderungen der ersteren auch 
die letzteren in Mitleidenschaft. In unserem Falle liegen 
die Dinge so, daß Personen- und Güterverkehr auf einem 
gemeinsamen für den jetzigen Umfang der Städte völlig 
unzureichenden Bahnhof endigen. Die militärischen An 
forderungen und die Lage der Hafen- und Werftaniagen 
bringen es mit sich, daß die südlichen und südöstlichen 
Teile des Stadtgebiets unter vielfachen ebenen Schienen 
kreuzungen der Hauptverkehrsstraßen von Gleisen für Per 
sonen- und Güterverkehr durchzogen sind. Eine erste 
Abzweigung von der Hauptlinie versieht die Hafenanlagen 
und die Werft und läuft in einer Schleife zum Hauptbahnhof 
zurück, eine frühere Abzweigung weiter westlich versorgt 
die gesamten Anlagen zwischen Ems-Jade-Kanal und Süd 
deich bis zu den Einfahrten mit Schienensträngen. Die 
ganzen Eisenbahnfragen sind infolge des ebenen Geländes 
und des hohen Grundwasserspiegels, der alle Bahnein 
schnitte und Unterführungen unmöglich macht, außerordent 
lich schwierig und führen zu mannigfachen Unzuträglich 
keiten bei Kreuzung der Hauptverkehrsstraßen; glücklicher 
weise ist nur ein Endverkehr zu bewältigen — Güterdurch 
gangsverkehr würde alle die genannten Schwierigkeiten noch 
erheblich steigern. Die heutigen Anlagen für Personen- 
und Güterverkehr haben sich seit langem als unzureichend 
herausgestellt, und so schweben seit Jahren Verhandlungen 
über die Lage eines neuen Personen- und Güterbahnhofs 
zwischen der preußischen und oldenburgischen Staats 
regierung, der Marine und den Städten. Obwohl mit Rück 
sicht auf die Entwicklung der Gesamtstadt nur eine einzige 
Lage in Betracht kommen kann, so haben die verschiedene 
Staatszugehörigkeit der Gemeinden und die Interessen 
gegensätze der Städte einen höchst lebhaften Kampf durch 
einige Jahre hindurch veranlaßt, der sehr ergötzlich wirken 
könnte, wenn nicht ihre Möglichkeit eine wunde Stelle in der 
Organisation der Gesamtstadt anzeigte; es ist in kleineren 
Verhältnissen der ähnliche Kampf, der sich zwischen Ham 
burg und Altona im großen abspielt. Die Stadt Rüstringen 
hat im Lauf des Kampfes stets den Standpunkt eingenommen, 
daß die Interessen der Gesamtstadt entscheidend sein müßten. 
— Noch im August 1914 heißt es in einer vom Verfasser 
dieser Zeilen bearbeiteten Vorlage der Stadtverwaltung an 
das Großherzogliche Ministerium der Finanzen und des 
Innern mitbezug auf die zwei beim damaligen Stande 
der Frage zur Erörterung stehenden Pläne der Eisenbahn- 
verwaltung: 
„Nach unserer Ansicht müßte die Entscheidung zu 
gunsten desjenigen Planes ausfallen, der: 
1. mit Rücksicht auf die voraussichtliche Entwicklung 
der Gesamtstadt Wilhelmshaven-Rüstringen städte 
baulich die beste Lage aufweist; 
2. unter voller Befriedigung des augenblicklich zu über* 
sehenden Verkehrsbedürfnisses die billigste Lösung 
bietet; 
3. sich am billigsten und besten für die Bedürfnisse der 
Zukunft erweitern läßt. 
Bei Beurteilung der städtebaulichen Frage ist zunächst 
festzustellen, daß die Weiterentwicklung der Gesamtstadt 
zukünftig in nördlicher und westlicher Richtung aui 
Rüstringer Gebiet vor sich gehen muß, da Wilhelmshaven 
nur in ganz geringem Umfange noch Bauland zur Verfügung 
hat Diese Entwicklung wird namentlich einsetzen, sobald 
die Zentralanlagen, die die Stadt Rüstringen unter Be-
	        
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