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Volume H. 10/11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 13.1916 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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beinahe verlernt hatten. Die städtebauliche Entwicklung hat Ihm eine 
wertvolle Anregung zu verdanken: 
Der äußerst verdienstvolle „Verein für Verbesserung des Wohnungs 
wesens in Bayern“ wandte sich mit einer Eingabe an den Magistrat 
München: „daß im Anschluß an die erworbenen Kruppgelände und unter 
Beachtung der im Zusammenhang mit jenen Unternehmungen zu er 
wartenden neuen Arbeiter- und Kleinhaussiedelungen für das ganze Gebiet 
zwischen Leopold- und Ungererstraße ein den neuesten städtebaulichen 
Errungenschaften gemäßer Bebauungsplan in Bälde geschaffen werden 
soll, unter Ausschluß jeglichen Mietskasernensystems Und möglichster An 
wendung des Flachbaues.“ 
Es ist für die städtebauliche Entwicklung Münchens nur zu wünschen, 
daß diese höchst zeitgemäßen und mit der Überlieferung der Kunststadt 
übereinstimmenden Forderungen im künftigen Bebauungsplan jenes Ge 
ländes aozialwirtschaftlich wie städtebaulich ästhetisch voll erfüllt werden! 
Dafür bietet eine Gewähr die Person des diesen Bezirk bearbeitenden 
rechtskundigen Beamten, sowie die der Leiter der Abteilung für Städte 
bau im Stadtbauamt München, deren Anregung München ja auch zum 
großen Teil die Schöpfung seines Luitpoldparkeg verdankt! 
(Aua „Handel und Industrie“, München, von Dr. Helberg.) 
D AS NEUE WIEN, von Zeit zu Zeit wandelt auch dem mo 
dernsten, praktischsten, weltstädtisch fühlendsten Wiener etwas von 
einem elegischen Vorgefühl an, wenn er sieht, wie mit Hacke und Spaten 
das alte Stadtbild umgeworfen wird, um einem kalten Geschäfts- und 
Mictsblock zu weichen. Gewiß: Verkehrs- und Bequemlichkeitsfragen, 
Zentralisations- und Vereinfachungsmittel,' Grundausnutzung und Raum 
gewinn sind für die Großstadt wichtiger als Bedenken wehleidiger Pietät. 
Aber das gewohnte alte Umbild stückweise fallen und von heute auf 
morgen von fremden Riesenmassen verdrängt zu sehen, rührt dennoch an 
unser die idyllische Farbe nie ganz verlierendes Heimatsgefühl. Wird 
man dereinst im Umkreis der stolzen Straßenzüge und umgewandelten 
Szenerien das Bild der Vergangenheit aufbauen und sich im Geist Alt 
wiens zurechtfinden können? . . . Stimmungen, die aus dem Anblick vor 
geschrittener Bauarbeiten und der Verlautbarung stadträtlicher Beschlüsse 
vorzugsweise dem alten und dem neuen Naschmarkt gelten. 
Die langgestreckte Hütten- und Hallensiedelung zwischen den eng 
herandrängenden Häusern der Wienzeile ist nicht mehr weit von der 
Vollendung entfernt. Auf dem unteren, bei der Sezession gelegenen 
Teil sind die Holzgerippe der Kioske, die wie eine Kreuzung aus attischen 
Tempeln und Autoschuppen anmuten, schon gänzlich mit Backstein und 
Mörtel ausgefüllt und könnten bald lebendiges Markttreiben empfangen. 
Weiter nach oben aber sieht es noch durchsichtiger, luftiger aus — eine 
Akropolis von niedrigen, numerierten Verschlagen, die vorerst den Ein 
druck leerstehender Käfige machen, und zierlichen holzgezeichneten Säulen 
hallen, in denen die Anstreicher und Zimmerleute ihre Arbeit verrichten, 
eine unabsehbare Reihe , . . Aber alles siebt schon glatt, geebnet und 
geordnet aus, und die Bewohner der Umgebung wandeln getrost, statt sich 
der bisherigen Übergangsstellen zu bedienen, mitten durch die reinlichen 
Hallen. Der gesteigerte Verkehr an dieser Grenzscheide zwischen dem 
fünften und dem sechsten Bezirk gibt einen Vorgeschmack des künftigen 
Treibens. Am äußersten Ende des neuen Marktes, der sich weit über die 
Haltestelle „Kettenbrückengasse“ hinzieht, mündet dann die Gruppe der 
fiachgewölbten Hallen in eine weite Asphaltfläche. Wahrscheinlich soll sie 
zur Auf- und Abfahrt der Bauernwagen. dienen, die einmal die Nahrungs 
mittel hierherschaffen werden. Aber geben wir uns immerhin der Vorstellung 
hin, daß dieser freundlich-helle, von alten, windschiefen Häusern umsäumte 
Platz — man merkt übrigens ihrem traulich ineinanderfließenden und dick 
wandigen Aussehen die alte Uferstreichung an — ohne Zweck ist und bloß 
eine Rückkehr zu der vorzeitlichen Freude an freien und unbebauten Flächen 
bedeutet! Wer weiß übrigens, ob nicht eine Zeit kommt, wo sich die 
einstige Vorliebe als gesundheitliche oder verkehrstechnische Notwendigkeit 
herausstellt und man dann so beherzt niederreißt, wie man jetzt aufbaut. 
Vom neuen Naschmarkt zum alten! Er freut sich noch immer jahr- 
marktsrührig und krabbelemsig seines Bestehens, ohne eine Ahnung von 
der baldigen Zukunft. Man möchte sich das Bild immer fester einprägen, 
damit man später einmal kein buntes Aquarell für die Erinnerung braucht, 
wie dieser Überrest des mittelalterlich umschwebten Groß-Wien ausgesehen 
hat. Laut bauamtlichen Beschlusses wird davon nicht einmal der Platz 
als solcher Übrigbleiben, sondern einem stattlichen, in die Gegend des 
Freihauses verlaufenden und zu beiden Seiten mit Bäumen bepflanzten 
Straßenzug Raum geben. Das bedeutet ohne Zweifel einen erheblichen 
Zuwachs an Großstadtwirkung, an Kaffeehaus-, Kino- und sonstigen Be- 
triebsmöglichkeiten, eine Erweiterung des Begriffes der „Inneren Stadt“; 
sie wird überhaupt kein Ende nehmen ... In die Erwartung dieser Zu 
kunft, die ja allerdings neue Zonen dekorativer Stattlichkeit erschließt, 
mischt sich nicht allein wegen des alten Naschmarktes, der zuvor als 
Opfer fallen muß, ein leises Bedauern. Wird man nicht später nach der 
baulichen Neugestaltung des großen, auch die Freihausgründe umfassen 
den Geländes den freien, halb ländlichen Ausblick aus der Kärntner Straße 
vermissen? Man begriff ganz unmittelbar das Geschichtliche ihres Namens, 
wenn man aus ihrer vornehmen Enge heraus hügelig gehäuft und in vor 
städtischer Breite die Häuser verschwimmen sah und fühlte: Landstraße, 
Bahnhof, Süden ... Wird diese eigenartige und für die Stadt bezeichnende 
Angrenzung von Weltgetriebe und Landschaftsstimmung nicht früher oder 
später dem Auge genommen werden? ,,, 
Auch das Schicksal einer anderen Wiener Nobelstraße, der Herren 
gasse, beginnt sich allmählich zu vollziehen. Ihre vornehm-ruhige Schmal 
heit ist längst aufgeborsten und spatmoffen. Die altehrwürdigen grauen 
Barockbauten zur Rechten, gegenüber dem niederösterreichischen Land 
haus, sind teils in Schutt gelegt, teils schon durch strotzende Zinshäuser 
ersetzt. Die Verwandlung wird jetzt noch schneller vor sich gehen. Schon 
ist man daran, an Stelle des weitläufigen Liechtensteinpalastes, auf dessen 
Gründen sich bekanntlich seit geraumer Zeit ein üppiges, die Kanzleien 
der Kriegsgetreideverkehrsanstalt beherbergendes Haus erhebt, nunmehr 
auch andere moderne Industriehäuser aufzuführen. Es ist das Ende der 
Herrengasse, die damit vollends ihr antiquarisch-amtliches Gepräge verlor. 
Es ergeht ihr damit ähnlich wie dem Schwarzenbergplatz, dessen adelige 
heitere Palastwürde schon seit langem durch die verplankte Fassade des 
neuen Gasthofbaues gestört ist. Vor dem Krieg gab es über die neue, be- 
triebslaute Zukunft des Platzes mannigfache Erörterungen. Ein Gasthof, 
hieß es, paßt nicht in seinen überlieferten ruhigen Charakter, nicht in 
seine symmetrische Festlichkeit, die hier von Natur aus gegeben scheint. 
Andere wiesen demgegenüber wieder auf Weltstadtbedürfnis und Raum 
mangel. So verblieb es bei dem Bauentwurf, jedoch unter der Bedingung, 
daß die Front der an Stelle des neuen Gasthofes gestandenen Häuser 
nicht weiter vorgeschoben werden dürfe. Man begann also das Haus, 
beziehungsweise die beiden Häuser, von innen umzubauen und entzog 
die Veränderung dem Blick der Vorübergehenden. Sie konnten nur so viel 
erschauen, daß nunmehr ein trübseliges Gemäuer die ehemalige Harmonie 
zerriß. Was weiter geschehen wird, ist noch ungewiß. Die Bauarbeiten 
kommen langsam in Fluß, und so bietet der Schwarzenbergplatz ein 
architektonisches Übergangsbild. 
Die Großstadt muß herzlos gegen sich selber sein, das ist das traurige 
Gesetz ihres Wachstums. Ob es irgendwie zu umgehen oder abzumindern 
gewesen wäre, zu .diesem Gedanken ist es jetzt zu spät. 
I n der EINGABE DES VEREINS HEIMATSCHUTZ ZUM 
BAUPOLIZEIGESETZ VON HAMBURG heißt es: 
„Eine Frage, die unbeschadet der Interessen der Allgemeinheit von 
der Staatsverwaltung nicht außer acht gelassen werden kann, ist die, ob 
die Beschränkung der zulässigen Stockwerkzahl nicht für die betroffenen 
Grundstücke eine erhebliche Wertverminderung bedeuten würde. Eine 
Wertverminderung für den Zeitpunkt der Bebauung ist zugegeben, sie 
beträgt aber nicht etwa ein Fünftel, entsprechend der Verminderung der 
bisher gestatteten fünf Geschosse um eins, sondern weit weniger. Infolge 
der geringeren Wandhöhe kann die Hofbreite ermäßigt, die Grundstücks 
tiefe daher verringert werden, vorausgesetzt, daß man bei Bemessung der 
Blockbreiten den Häuserhöhen Rechnung trägt. Sodann steigen die Bau 
kosten bei Häusern mit mehr als drei, nach anderen Berechnungen sogar 
schon mit mehr als zwei Obergeschossen über das Verhältnis der Geschoß 
zahl. Endlich sind die Mieten für die höheren Geschosse niedriger als 
für die unteren, auch stellen sich die Mieten bei vielgeschossigen Häusern 
etwas niedriger als bei Häusern mäßiger Höhe. Alle diese Umstände wirken 
dahin zusammen, daß die Wertverminderung des Bodens infolge der Be 
schränkung der Geschoßzahl statt mit einem Fünftel etwa mit einem
	        
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