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Volume H. 10/11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 13.1916 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
losung älterer Stadtteile, der nun wieder neuerdings durch 
ein preußisches Wohnungsgesetz entgegengewirkt werden 
soll. Durch diese Städtewanderung verlieren ganze Stadt- 
teile zwar nicht ihre Zweckbestimmung als Wohnsiedelung, 
aber sie wechseln die Art ihrer Bewohnerschaft, welcher 
die Häuser nicht angepaßt sind, ln dieser Wanderung läßt 
sich daher weiterhin untrüglich die üble Erscheinung er 
kennen, daß das Bedürfnis an Kleinwohnungen vorwiegend 
nur in dem Maße bestritten wird, als den gehobeneren Ständen 
neuerbaute Wohnungen zu Gebote stehen. Zufolge dieser 
besonderen Wesenserscheinung in der Städtewanderung 
macht sich ein Mangel an Kleinwohnungen bemerkbar, 
gegen welchen auch der geschmackvollste Bebauungsplan 
keine Abhilfe zu bewirken vermag, und gegen den auch ein 
umfassendes Reichswohnungsgesetz im Sinne des preußi 
schen Vorbildes unwirksam sein würde. Künstlerische Städte 
unter Vergeudung alter wirtschaftlicher Werte zu schaffen 
und unter völliger Nichtachtung der Hausbesitzerinter 
essen zugunsten einer im öffentlichen Interesse höchstbe 
denklichen Baulandspekulation, ist als ein mehr als frag 
würdiger Kulturfortschritt zu erkennen. Diese Art Städte 
kultur mußte unvermeidlich zu einem Rückschlag führen, 
der in dem Vorwurf der Städtefeindschaft, den die durch 
die Wirkungen des weltwirtschaftlichen Aufschwungs ver 
wöhnten Städte gegen die preußische Staatsregierung erhoben 
haben, seinen Ausdruck gefunden hat. 
Eine künstlerische Kultur des Städtebaues ist daher 
nicht, wie es neuestens in einer sonst sehr verdienstvollen 
wissenschaftlichen Arbeit*) versucht wird, von einer Reform 
auf dem Wege einer weitergehenden, ausschließlich polizei 
lichen Anweisung des Städtebaues durch das Fluchtlinien 
gesetz zu erwarten, sondern nur von einer Befreiung des 
Städtebaues aus dem Bereich der unzulänglichen Macht 
mittel der polizeilichen Verwaltungspraxis durch eine Rechts 
grundlage, die vom Kulturstandpunkt in sozialpolitischer 
Weise unter öffentlichem Interesse auch den wirtschaft 
lichen Interessen der Nation, sowie des seßhaften Grund 
besitzes und des freizügigen Stadtbewohners Rechnung trägt. 
Die Verflachung des Städtebaues durch den polizeilichen 
Staffelschematismus, der nun einmal in Ermangelung eines 
zweckmäßigeren Städtebaugesetzes für die heutige Planungs 
praxis als grundlegend maßgeblich ist, darf nicht der Polizei 
als unberufene Anmaßung zur Last gelegt werden; vielmehr 
Ist die Tatsache, daß eine so gewaltige KuUuraufgabe wie das 
städtische Siedelungswesen in so verständnisvoller Weise 
von der preußischen Polizei gerade in seinem größten Auf 
schwung mit anerkennenswertem Takt, trotz der unzuläng 
lichen Rechtsmittel, bewältigt wurde, als die Leistung einer 
meisterhaften Verwaltungspraxis nur anerkennend zu wür 
digen. Diese gerechte Würdigung einer juristischen Leistung, 
darf uns aber nicht über die Nachteile täuschen, die mit 
dieser ebenso bequemen wie veralteten Rechtspflege ver 
bunden sind, nicht allein inbezug auf die künstlerische 
Kultur der städtischen Siedelung als geschlossenes Bauwerk, 
sondern auch, wie schon angedeutet, von sozialen juristischen 
und gemeindepolitischen Gesichtspunkten aus, am durch 
greifendsten aber doch wohl vom Standpunkt des öffent 
lichen Reichsinteresses am inneren wirtschaftlichen Gleich 
gewicht zwischen Land und Stadt. 
*) Dr,*Ing. Hans Heckner, Stadtbaurat, Die Baufluchtlinie im Straßen' 
Innern und die preußische Baugesetzgebung. 
Inbezug auf Groß-Berlin ist noch weiterhin auszu 
führen, in welcher Weise die Zweckgebiete vom Zweck- 
verbande festzusetzen sind; in welcher Weise die Auf 
schließung der Vororte durch Hauptverkehrsstraßen (Ausfall 
straßen) von Berlin aus im allgemeinen öffentlichen Interesse 
des Zweckverbandsgebietes wünschenswert wäre, und in 
welcher Weise ferner zwischen den Zweckverbandsge- 
meinden untereinander ein wirtschaftlicher Ausgleich für 
Baubeschränkungen erreicht werden könnte, der dem unge 
sunden Wettbewerb der einzelnen Vororte mit Fluchtlinien 
festsetzungen über das öffentliche Bedürfnis hinaus vorbeugt. 
Auch Berlin muß sich, so wie im Kielgan-Viertel und 
anderen Orts, vornehme Wohnviertel schaffen, um sich 
starke Steuerkräfte zu erhalten. Andererseits würde cs ihm 
nützen, der starken Bauentwicklung nach Westen zu 
hemmend entgegenzuwirken, um seine innere Gesundung 
zu beschleunigen und die Bebauung des Scheunenviertels 
zu erleichtern. 
Aber auch Weißensee muß an einer Einigung mit dem 
Westen liegen, ebenso Lichtenberg mit Stralau-Rummelsburg, 
sowie die Vororte Johannisthal und Köpenick und die Vor 
orte an der Görlitzer Bahn bis Königswusterhausen. Wenn 
nichts unternommen wird vom Zweckverband, so dürfte 
die Oberhavel, Jungfernheide, Tegel als Gewerbegebiet bis 
Spandau bevorzugt werden und das östliche Südhavelgebiet 
zum Nachteil der westlichen Vororte an der Potsdamer Bahn. 
Es erscheint die Frage wichtig, ob nicht die Grenzen 
eines Zwangszweckverbandes an den Eisenbahnen und 
Wasserstraßen weiter zu stecken sein würden, und ob 
ferner nicht ein Verkehrsnetz nach Maßgabe einer verein 
barten Besiedelungsdichtigkeit für die zukünftig aufzu 
schließende Umgebung auf Grund einer einheitlichen Zweck 
gebietsfestsetzung als Grundlage des öffentlichen Wohles 
Groß-Berlins festzusetzen wäre, von dem jede Abweichung 
einer Genehmigungspflicht des Zweckverbandes unterstellt 
würde. Die Einnahmen aus weitergehenden zulässigen 
Bauvorhaben könnten als Einkommen des Verbandes 
dienen. Zu diesem Zwecke müßten sich die Gemeinden 
über die Grundsätze der Bewertung der künstlichen Nutz 
flächen einig werden, so daß es Berlin ermöglicht würde, 
u. A. selbst die Wolkenkratzerbauweise gegen angemessene 
Entschädigung oder als Gesundungsbegünstigung zu ge 
währen, zu Gunsten des gesamten wirtschaftlichen Zweck 
verbandes. 
Es empfiehlt sich folgende Einteilung der Werte: 
1. Wohnräume zu dauerndem Aufenthalt. 
Wirtschaftsräume für den Haushalt. 
Lagerräume für den Haushalt. 
2, Gewerberäume zu dauerndem Aufenthalt. 
Wirtschaftsräume für Gewerbezwecke, in denen mit 
der Lagerung notwendig verbundene Arbeiten ver 
richtet werden. 
Wirtschaftsräume (Lager), die nur Speicherzwecken 
gewerblich dienen. 
Verbandsflskalische Nutzungsaufsicht. 
Die Gemeindeeinnahmen beschränken sich auf die Ein 
kommen- und Umsatzsteuern. Von der Nutzflächenabgabe 
kommt der Betrag der einmaligen Anliegerbelträge zugunsten 
der Gemeinde in Abzug. Der Zweckverband übernimmt 
die Kosten des Ausbaues der Aufschließungs- und Über 
landstraßen bis zur Grenze der äußersten Gemeinde, soweit 
sie dem Durchgangsverkehr dienen. 
in
	        
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