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Volume H. 10/11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 13.1916 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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keit verloren hat und mit gesenkten Schwingen auf der 
Zivilisation lastet, statt diese zu heben und nach aufwärts 
zu tragen. Der Polizei fällt im Kulturstaat nur die schwere 
Aufgabe zu, dem Sinken der Zivilisation vorbeugende Maß 
regeln entgegenzusetzen, eine Zweckbestimmung, die, theo 
retisch betrachtet, im Kulturstaat gegenstandslos sein müßte. 
Von einem Kulturvolk kann eben nie im umfassenden Sinne 
die Rede sein, und darum ist dies nur von einem Kultur 
staat im Sinne seiner aufstrebenden Kraft ähnlich wie in 
der Luftschiffahrt denkbar. Das künstlerisch veredelte 
Zunftwesen der Baukunst des Mittelalters verhält sich so 
etwa zur heutigen spekulativen Baufreiheit wie der Zeppelin 
zur Flugmaschine, nach dem grundsätzlichen Unterschiede 
schwerer und leichter als Luft. 
Die Stadt in ihrem inneren Wesensbegriff ist aber nun 
einmal da, und es wäre ein müßiges Bestreben, sie als ein 
Übel zu bekämpfen, selbst wenn man sie als ein solches 
anzuerkennen geneigt wäre. Sie als Sitz des Landesfürsten 
oder als Kultusstätte grundsätzlich als ein Übel zu betrachten, 
ist eine kulturpolitische Ansichtssache, und die Gewerbe- 
und Handelstädte als solche zu verbessern, ist Sache der 
Sozialpolitik. Der Künstler schließt auf den Charakter einer 
Stadt etwa nach dem luftschifistechnischen Grundsatz 
schwerer und leichter als Kultur; denn jede Stadt trägt ihre 
Merkmale in ihren Formen, die allerdings gerade in ihren 
Ausdrucksteilen abgestorben sein können und dann aus dem 
Adel der Formen nur auf den Adel ihres ehemaligen Wesens 
einen Schluß gestatten. Dieser Adel geht unter, wenn die 
Formen der Kulturideale mit dem Zunehmen der Zweck 
formen nicht Schritt halten, und er geht verloren wie der 
wasserkopfartige Gesichtsausdruck bei einem Vielfraß, der 
ohne sittliche^Rücksicht und geistige Schwungkraft ist, in 
willensschwacher oder ganz willenloser Fahrlässigkeit. Tat 
kräftige geistige Schwungkraft läßt wohl mitunter sittliche 
Rücksichten vermissen, aber sie gibt sich niemals gleich 
gültiger Fahrlässigkeit preis. 
Über die Kultur eines Volkes kann der Künstler nur 
sehr schwer, über die seiner Zeit aber niemals hinaus, mag 
auch die Kultur sehr tief und die Zivilisation noch so hoch 
stehen. Aber umgekehrt darf er auch niemals hinter seiner 
Zeit Zurückbleiben, ln dem Maße, als der Künstler über 
die hergebrachte Plattform der Zivilisation hinausstrebt, 
äußert sich seine schöpferische Kraft. Diese schöpferische 
Kraft ist die Kraft seiner Zeit, der sie gehört. Eine über 
kulturelle Kunst ist eine Scheinkunst, im städtebaulichen 
Sinne eine Kultur Potemkinscher Dörfer. 
Da mit den Mitteln der Polizei niemals künstlerische 
Schwungkraft erzeugt werden kann, und anderseits jeder 
Versuch eines Vorwurfes, daß die Polizei kunstfeindlich sein 
könne, nicht zweifelsfrei zu beurteilen ist, so ist es von vorn 
herein ausgeschlossen, die Polizei als Karnickel der Schuld 
an unserer verschrienen städtebaulichen Unkultur zu zeihen. 
Wenn die Polizei trotzdem den kümmerlichen Versuch 
macht, mit ihren untauglichen Mitteln im selbstherrlichen 
Verfassungsstaat eine Veredelung des Städtebaues zu be 
wirken, so ist daraus nicht der Polizei ein Vorwurf un 
berufener Anmaßung zu machen, sondern wir müssen uns 
dankbar an Bismarck erinnern, daß er als Jurist nicht die 
vorbildliche preußische Polizei im Städtebau durch irgendein 
unreifes Städtebaugesetz vorzeitig zu ersetzen versucht hat. 
Sind schon Gesetze keine Lehrbücher der Kultur, so 
kann von den Polizeiverordnungen, die eigentlich doch nur 
Dienstanweisungen der Polizeiverwaltung sind, keine kunst 
fördernde Wirkung verlangt werden. Die Aufgabe .der 
Polizei ist es, der Unkultur zu steuern, die jenseits der Zivili 
sation die Grenze von Gut und Bose überschreitet. Die 
Hindernisse, die einem künstlerischen Städtebau entgegen 
stehen, können nur diesseits liegen, auf dem Gebiete der 
Reichsverfassung, nämlich in dem Mangel eines geeigneten 
Reichsstädtebaugesetzes, das die Baukunst von der speku 
lativen Tyrannei des städtischen Baulandwuchers befreit, 
gegen den sich alle Steuermaßnahmen als machtlos er 
wiesen haben. Nur ein Heichsstädtebaugesetz, das der Ver 
dichtung der Menschenmassen angemessene Grenzen setzt, 
die nur nach Grundsätzen von Recht und Billigkeit gegen 
angemessene Entschädigung an das Reich überschritten 
werden dürfen, vermag die Städtebaukunst von der oberen 
Fluchtlinie zu befreien, welche die Ursache der heutigen 
Verflachung und des polizeilichen Schematismus ist. 
Die Freiheit, sich in der Berliner Friedrichstraße ein 
kleines Einfamilienhaus an oder hinter der Fluchtlinie in 
beliebigem Abstand von der Straße zu bauen, ist eine wenig 
verlockende. Dort aber, wo die Baufreiheit über das poli 
zeilich Zulässige hinausstrebt, endigt nicht nur die Freiheit 
des Künstlers und des einzelnen, auf seinem Eigentum zu 
bauen, wie er will, sondern auch die Freiheit ganzer. Ge 
meinden, ihr öffentliches Interesse gesondert wahrzunehmen. 
Was dem einzelnen in der Friedrichstraße gestattet und 
wenig reizvoll ist, ist aber auch den Gemeinden nicht 
verlockend; denn jede Gemeinde ist bestrebt, so viel Mit 
glieder als möglich aufzunehmen und von ihrem Fassungs 
vermögen so wenig als möglich freiwillig preiszugeben. Die 
Maßnahme der Landespolizei, den Gemeinden eine Selbst 
beschränkung in der Besiedelungsdichtigkeit durch geeignete 
Bauweisenabstufung aufzuerlegen, widerspricht eigentlich 
dem Reichswohle, das politisch auf ein land- und stadt- 
wirtschaftliches Gleichgewicht zu achten hat. Das wirk 
samste Mittel zur Beseitigung von Mißständen, die eine 
ungeregelte Stadtentwicklung durch die spekulative Wirkung 
im Gefolge hat, nämlich der wirtschaftliche Regler in 
der staatlichen Verwaltungspraxis zum öffentlichen Staats- 
wohle, steht leider der Polizei nicht zu Gebote. Die 
Regelung der Städteentwicklung ist aber nicht nur wirt 
schaftlich, sondern auch kulturell und damit künstlerisch 
von höchster Bedeutung. 
Das preußische Gesetz vom 2. Juli 1875 betreffend die 
Anlegung und Veränderung von Straßen und Plätzen in 
Städten und ländlichen Ortschaften regelt zwar den Anbau 
an Straßen und Plätzen und zwingt die Gemeinden, dem 
Besiedelungsbedürfnis Rechnung zu tragen. Was aber durch 
das Fluchtliniengesetz erzwungen werden mußte, um dem 
größten Hemmnis, dem Haushesitzerprivileg, entgegenzu 
wirken, das ist heute zu einer Gefahr für das wirtschaft 
liche Gleichgewicht zwischen Stadt und Land geworden. 
Ausgedehnte Fluchtlinien und private Aufschließungsunter- 
nehraungen größten Umfanges fördern eine Überentwick 
lung der Städte, die zu der neuesten Zeiterscheinung, der 
Städtewanderung, geführt hat. Diese Erscheinung äußert 
sich darin, daß die Häuser vorzeitig veralten, so daß sich 
der Stadtkern in der Entwickelungsrichtung verschiebt, in 
welcher der Städteneubau am schnellsten der Aufschließung 
folgt, so daß eine Erneuerung der zwar nicht alten, aber 
doch schon veralteten Stadtteile infolge der Entwertung er 
schwert wird. Diese Entwertung führt zu einer Verwahr
	        
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