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Volume H. 10/11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 13.1916 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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willen kundtaten, die, durch die Bebauung fortgewiesen, 
stets aufs neue, wenngleich unter weit ungünstigeren Be 
dingungen für ihre Pächter, Wurzeln schlugen, verlangen 
nunmehr, durch den gewaltigsten aller Kriege von neuem 
zu stärkerem Lebensdrang angefacht, mit elementarer Ge 
walt nach Daseinsberechtigung. Schon sind die Nutznießer 
der „Kriegskleingärten“ ängstlich besorgt um das Fortbe 
stehen des ihnen überlassenen unter den schwierigsten Be 
dingungen urbar gemachten Landes, und die Städte werden 
zeitig genug darauf bedacht sein müssen, ihren seit Jahren 
bestehenden Grünflächen für Sport und Spiel solche für die 
Gartenarbeit anzugliedern. 
Das wäre so ein rechter Weg, unseren Söhnen und 
unserem Volke zu danken für all die Aufopferung, für all 
das Blut, mit dem sie unser Vaterland vor den Feinden 
ringsum geschirmt und beschützt haben. Danken wir 
freudig mit dem, was dem Volke zur Gesundung von Leib 
und Seele not tut, danken wir so, daß auch unsere Jugend, 
auf welcher all unsere Hoffnung für des deutschen Volkes 
Machtstellung ruht, die Möglichkeit zur Ertüchtigung seines 
Geistes und seiner Seele gegeben wird. Schaffen wir neben 
Sport- und Spielflächen Laubenparks, schaffen wir aus 
Laubenparks und Freiflächen, gebettet im grünen Wald, 
und Wiesengürtel unserer Städte so den deutschen Volks 
park, den Park für das beschauliche Gartenleben der Familie, 
den Park für das Spiel der Jugend, für das Wett- und 
Kampfspiel der Jünglinge und werdenden Männer. Können 
wir würdiger unsere gefallenen Helden ehren, als daß wir 
den Lebenden, dem mit gleicher Kampfesfreude beteiligten 
Alter, der heran wachsenden Jugend diese Stätten schaffen? 
Würdiger, meine ich, können wir auch nicht danken. 
Mit nicht ganz zu verstehender Scheu ist man dem 
Kleingartengedanken als Teil des dauernden Grünbestandes 
unserer Städte seither ausgewichen. Mag sein, daß die seit 
her üblichen Laubensiedelungen, deren Äußeres nicht immer, 
meist wenig vertrauenerweckend auf den Unbeteiligten ge 
wirkt haben mag, daran einen Schuldanteil haben. Ich glaube 
aber, daß mit einigem Willen die Stadterweiterungsämter 
sich in den Gedanken einer Laubengartengemeinschaft hinein 
zuarbeiten vermögen, die würdig all den Grünflächen an 
die Seite gestellt werden kann, die in früherer und neuerer 
Zeit zur Ausführung gelangt sind. Die vor allen Dingen 
durch ihre verkehrlichen Entwicklungsmöglichkeiten mehr 
als jede andere Grünform geeignet ist, überall gut und 
organisch eingefügt werden zu können. 
Ich habe in den beigefügten Skizzen — siehe Tafel 63 — 
eine Möglichkeit organischer Verbindung von Kleingarten- 
gemelnschaften mit Kleinwohnungssiedelungen, Wald, Grün 
flächen und Wasser näher auseinandergesetzt Diese Skizzen 
— fußend auf Verhältnisse, wie sie hierin Lübeck anklingen — 
waren bereits vor dem Kriege festgelegt. Sie zeigen heule, wo 
wir im Zeichen der Kriegerheimstätten stehen, die Möglich 
keit einer Gemeinschaft zwischen diesen und den Klein 
gärten, die von Grünflächen und Sportplätzen begleitet sind. 
Die Nähe des Flusses fordert die Anlage einer Bade 
anstalt unter freiem Himmel. 
Dieses nur ein Beispiel des Ineinandergreifens verschie 
dener Grünanlagen unter Berücksichtigung von dauernden 
Kleingartenparken. Schon in meiner Schrift „Der deutsche 
Volkspark der Zukunft“ (Verlag Trowitzsch & Sohn, Frank 
furt a. O.) habe ich die Eingliederungsmöglichkeiten und die 
Mittel der äußeren Gestaltung eingehend erläutert, und erst 
kürzlich wies ich in einer kleinen Sonderdruckschrift des 
„Vortrupp“ (Verlag Alfred janßen, Hamburg) auf die Be 
deutung der Kleingärten für die Kriegerheimstättenfrage hin. 
Nichts scheint mir wichtiger, insonderheit nach dem 
Kriege, wo erhebliche Lasten auf den Schultern der Ge 
meinden und jedes einzelnen im Volke ruhen werden, als 
die Aufnahme von Kleingärten in den Bebauungsplan unserer 
Städte. Grünanlagen wie diese, an deren Entstehen und 
Ausbau unser Volk mitarbeitet, in denen es gesundet und 
erntet, in denen es seine Jugend mit der Scholle in Fühlung 
bringt; Ihm so ein starkes Heimatgefuhl einflößt, An 
lagen wie diese tun unseren Städten mit ihrem Wohnungs 
elend not. 
Schaffen wir den Heimkehrenden Kriegerheirastätten 
zum dauernden Wohnen unter menschenwürdigen Verhält 
nissen, Heimstätten mit Bäumen und Blumen und Früchten 
in Gärten gemeinsam, so schaffen wir auch für die, die da 
in Miethäusern weiterleben müssen, Möglichkeiten, ihren 
Garten zu bebauen und zu pflegen. Ich meine, wo wir 
jahrelange Parkpolitik getrieben haben auf Wegen über 
Amerika, da sollte es uns nicht schwerfallen, endlich zu 
einer vollkommenen zu gelangen, deren Wesen im deutschen 
Volke begründet liegt, und deren Wege so klar und offen 
vor uns liegen, wenn wir nur die Augen nicht immer noch 
verschließen möchten den Tausenden von Gärten gegenüber, 
die da vor den Toren kümmerlich ihr Leben fristen, die 
da nach Lebensdauer verlangen — nach gesicherter Zu 
kunft — nach weiter nichts! 
ÜBER DEN KÜNSTLERISCHEN STÄDTEBAU 
ALS KULTURFRAGE. 
Von FRANZ STEINBRUCKER, Architekt, Berlin-Friedenau. 
Ist die Stadt begrifflich als Kulturerrungenschaft zu be 
trachten oder als ein Übel der Zivilisation? Die Stellung 
nahme auf einem dieser beiden grundsätzlichen Standpunkte 
ist entscheidend für diejenigen Erwägungen, von welchen 
bei Maßnahmen einer gesetzlichen Regelung des Städte 
baues auszugehen ist. In diesem Gegensatz äußert sich die 
Schwierigkeit der Frage, ob beim Städtebau von Kunst 
überhaupt die Hede sein kann. 
Der Künstler, der seinen Beruf aus dem Gefühl der Ver 
antwortlichkeit von Gottes Gnaden als ein Wesensschaffen 
von innen heraus auffaßt, ohne Rücksicht auf das Ver 
ständnis der Massen für seine Willensabsicht, lehnt es ab, 
als Verschönerer den Beruf eines gehobenen Handlangers 
höherer gewerblicher Berufe zu erfüllen, als welcher der 
des Baukünstlers ziemlich oberflächlich schlechthin heute 
betrachtet wird. Am allerwenigsten ist die Kunstdazu da, 
notwendige Übel als Idole zu bemänteln. 
Die Tatsache, daß auch die Kunst zum Übel werden 
kann, beweist nichts gegen den Adel der Kunst. Sie be 
weist lediglich das Sinken einer Kultur, die ihre Tragfahig-
	        
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