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Volume H. 10/11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 13.1916 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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malerische Straßenbilder von seltener Schönheit ergeben, 
Rücksicht nehmen, bedarf wohl kaum der besonderen Be 
tonung. 
Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß bei der 
gewählten Höhenlage der Straße 1 an ihren Kreuzungsstellen 
UTRECHT. 
Von Dr.-Ing. W. B. PETERI, Soerobaya (Java). 
Die Stadt Utrecht, bedeutend als Zentrum des Landes, 
als geistliche Hauptstadt während des Mittelalters, bisweilen 
im Begriff, auch die weltliche Hauptstadt zu werden, zeigt 
vom städtebaulichen Standpunkte so viele Eigentümlichkeiten, 
daß es die Mühe lohnt, der Entwicklung dieser Stadt eine 
Betrachtung zu widmen. 
Erstens hatte die Geistlichkeit einen großen Grundbesitz, 
der dem Aufbau der Stadt sein Gepräge aufdrückte, zweitens 
hatten die adeligen Geschlechter ihre Winterwohnungen in 
der Stadt, und drittens ist die Machtentwickelung der Zünfte 
nirgendwo in den nördlichen Niederlanden so groß gewesen 
wie in Utrecht. Fügen wir noch hinzu, daß der Kern dieser 
Stadt vielleicht römischen, gewiß merovingischen Ursprungs 
ist, und daß die Stadt, als sie Stadtrechte bekam, gleich der 
maßen umwallt worden ist, daß man sie niemals zu er 
weitern brauchte, so geht daraus hervor, daß ein Studium 
der Baugeschichte Utrechts von großer Bedeutung für die 
Kenntnis unserer Stadtentstehungen sein muß. 
Als nach der Zerstörung durch die Normannen (856) 
Bischof Balderic im Jahre 934 die Stadt wiederaufbaute, gab 
er ihr nur die frühere Form und Größe, schloß aber in die 
neuen Festungswerke das Gelände ein, das den Dom, Oud- 
munsterkerkhof, Vismarkt, Donkere und Lichte Gaard, Wed 
und Oudmunstertrans umfaßte.*) Diese Fläche wurde von 
einem Walle und einer Gracht umringt. Im Jahre 1039 
wurde die Kapitelkirche von Sankt Petrus gegründet, und 
sie bekam als Bauplatz den Grund zwischen Achter-den- 
Sankt-Pieter und Kromme Nieuwe Gracht.**) 
*) Jhr, de Geer, Het Oude Trecht, Seite 93. 
**) Dr. Müller, Schetsen uit de Middeleeuwen, Ste. 167. 
Abb. 6. Janskerkhof um 1609. 
mit der Straße 2 und 3 und bei der Entfernung dieser beiden 
Punkte von der Staatseisenbahn alle Möglichkeiten für die 
Kreuzung der Straßen 2 und 3 mit der Eisenbahnlinie ge 
geben sind: Kreuzung in Schienenhöhe, Unterführung oder 
Überführung. 
Im Jahre 1054 entstand die Kapitelkirche von Sankt 
Jan, die als „Montade“ das Gelände zwischen Voorstraat, 
Wittevrouwenstraat, Lange Jufferstraat, Muntstraat, Kromme 
Nieuwe Gracht, Jansdam, Minnebroersstraat und Neude 
umfaßte. 
Eine solche Montade oder Immunität bildete einen 
selbständigen Rechtskörper im städtischen Körper. Gleich 
wie das Stadtfreie dem es umgebenden Lande entzogen 
war, und die Macht der gräflichen Beamten innerhalb des 
Stadtfreien nicht galt, und die Macht dort, ausgenommen 
einige Beschränkungen, dem städtischen Gerichte zukam, 
so war auch die Montade ein Rechtsgebiet für sich, stehend 
unter den Kapitelherren und gänzlich unabhängig von der 
Stadt, innerhalb deren Umwallung sie lag. Wie sonderbar 
es auch scheint, ist das Montadensystem eine logische 
Durchführung des Grundgedankens, der zur Stadtfreiheit 
leitete. Denn was war eine Stadt anders, als eine große 
weltliche Montade in dem sie umgebenden Lande! Der 
Einfluß dieses Montadensystems auf den Städtebau zeigte 
sich darin, daß alle Gesetze und Verordnungen, auch inso 
weit sie das Bauwesen betrafen, ihre Kraft verloren an der 
Grenze der Montade — innerhalb der Immunität war alles den 
geistlichen Besitzern überlassen. Dr.jur. etphil. S. Müller Fzw. 
malt eine solche Montade in wenigen Worten: Keine Stadt 
war so klein, ohne daß sich darin ein Kloster befunden 
hätte, an dem der Magistrat seine Macht verlor. War 
dieses Kloster eine alte Stiftung, vielleicht eine mächtige 
Abtei, dann bebaute es innerhalb seiner Mauern öfters aus 
gedehnte Ländereien mit Bäckereien, Brauereien, Speichern, 
Ställen und Wohnungen der Untergebenen der Mönche, 
welche einer Abtei das Aussehen eines kleinen Dorfes 
gaben. Es hat die städtische Obrigkeit sicherlich gestört, 
daß diese zahlreiche Bewohnerschaft sich innerhalb ihrer 
Mauern einnisten und ihren Befehlen trotzen konnte. 
Doch dasjenige, was man von einer bevorrechteten 
Geistlichkeit noch ertragen konnte, wurde unerträglich, 
sobald die Bewohnung einer Immunität weltlichen Personen 
ein Vorwand wurde, um sich rechtmäßiger Verpflichtungen 
zu entziehen. 
Umgruben sich in dieser Weise die geistlichen Stifte, 
so wurden auch die Parochialkirchen von Gräben umgeben, 
und man konnte den Kirchplatz nur erreichen durch ein 
Tor über einem eisernen Rost, den man anstatt einer 
Brücke über den Ringgraben gelegt hatte. Man brauchte 
dort Roste, um zu verhindern, daß Schweine und andere 
Tiere auf den Kirchhof kamen. 
Kehren wir jetzt zum Ausgangspunkte zurück, so be 
bemerken wir, daß nach der Immunität von Sankt Jan 
allmählich mehrere entstehen. Zur Vermeidung langweiliger 
Grenzbeschreibungen sind alle geistlichen Güter auf der
	        
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