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Volume H. 10/11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 13.1916 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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günstigste Stelle auf dem betreffenden Grundstücke auszu 
wählen, und zwar sowohl nach wirtschaftlichen und verkehrs 
technischen, wie auch nach gesundheitlichen Gesichtspunkten 
(günstige Lage der Wohnräume zu den Himmelsrichtungen). 
Weiterhin bietet die offene Bauweise aber auch noch 
schönheitliche Vorteile. Zunächst kann man nämlich die 
einzelnen Gebäude so stellen, daß von ihnen aus erfreuliche 
Ausblicke in die schöne Berglandschaft oder in die Fluß 
niederung möglich sind. Sodann werden sich durch richtige 
Stellung und Gruppierung der Gebäude in dem bewegten Ge 
lände wirkungsvolle Straßenabschlußbilder erreichen lassen. 
Endlich ist auch an den fast durchweg sehr steilen Straßen 
des Hochgebietes bei der völlig offenen Bauweise eine bessere 
Ausgestaltung der Straßenwandungen selbst zu erwarten als 
bei dem Reihenbau; denn bei dem letzteren ist eine städte 
bauliche wirklich befriedigende einheitliche Lösung wegen 
der sehr verschiedenen treppenförmig stark ansteigenden 
Höhenlage der einzelnen unmittelbar aneinander grenzenden 
Häuser gar nicht oder nur sehr schwer zu erreichen. Nur 
in den weniger steilen Hauptstraßen (so an dem Straßen 
zug Winzerstraße — Kalkbergstraße — Boselweg, an der 
Gelegegasse, an den Straßen T und U, sowie an der Ober- 
spaarer Straße) sollten daher ausnahmsweise Gruppen zu 
zwei Häusern zulässig sein, sofern eine architektonisch be 
friedigende Lösung nachgewiesen werden kann. 
Sprechen schon gesundheitlche und soziale Gründe dafür, 
in gesunden Wohnlagen ganz allgemein die Übereinander 
schichtung von Stockwerken möglichst zu beschränken, so 
ist hierfür auch noch die schönheitliche Forderung geltend zu 
machen, daß die prächtige Höhenwirkung des aus der Ebene 
unmittelbar aufsteigenden Spaargebirges durch zu hohe 
Häuserbauten nicht beeinträchtigt werde, wie es jetzt an 
einer Stelle leider schon zu sehen ist (siehe die Abbildungen 
am Rande der Doppeltafel 55/56). 
Die höchste Erhebung des Spaargebirges über die Elbe 
beträgt zwar nur etwa 90 m; da die Berggruppe aber aus 
der Ebene allseitig ziemlich steil ansteigt, so macht sie einen 
mächtigeren Eindruck, als man nach ihrer doch nicht sehr 
beträchtlichen wirklichen Höhe erwarten sollte. Aus diesem 
Grunde wird daher vorgeschlagen, im gansen „Hochgebiete“ 
nur Gebäude erbauen zu lassen, die außer dem Erdgeschoß 
höchstens ein Obergeschoß erhalten, und bei denen im Dach 
geschoß keine selbständigen Wohnungen, sondern nur solche 
einzelne Wohnräume eingerichtet werden dürfen, die Zu 
behörteile zu den darunterliegenden selbständigen Woh 
nungen sind. 
Die Erhaltung der landschaftlichen Schönheit des Spaar 
gebirges soll noch durch eine weitere Maßregel erreicht 
werden, die im vorliegenden Bebauungspläne zur Durch 
führung gekommen ist: die Freihaltung der höchsten Er 
hebungen der Berggruppe von allen Privatbauten. Es sind 
daher die Straßenzüge so geführt worden (siehe Kopfbild 
die Tafel 60 und Tafel 57), daß die höchstgelegene Straße, 
die Straße U, immer noch 15 bis 20 m tiefer liegt als die 
höchste Bergkuppe. Diese wird daher mit ihrer schönen 
Bewaldung die sämtlichen Anbauteri im Bebauungsgebiet 
überragen, so daß die allgemeinen Umrißlinien der Berg 
gruppe im landschaftlichen Bilde erhalten bleiben. Das 
schließt natürlich nicht aus, daß auf einzelnen geeigneten 
Höhepunkten gewisse öffentliche Bauten, wie Aussichts 
terrassen oder niedrige Aussichtstürme hergestellt werden 
könnten, die aber, namentlich in ihrer Höhenabmessung, 
sorgfältig so abzustimmen sind daß sie den Höheneindruck 
der Berggruppe eher verstärken, als herabdrücken. — 
Zur Erzielung einer günstigen Grundstücksentwässerung 
wäre dann noch für die einzelnen Strecken der auf einem 
steilen Hange liegenden Straßen T, ü, V und W vorzu 
schreiben, daß jedesmal nur unmittelbar an derjenigen 
Straßenseite gebaut werden darf, an der das Gelände an 
steigt. Im Lageplan sind diese nur einseitig bebaubaren 
Straßenstrecken ausdrücklich bezeichnet worden. — 
b) Tiefgebiet. (Doppeltafel 58/59.) 
Bei der Besiedelungsart des Tiefgebietes ist zunächst 
eine Unterscheidung dahin zu treffen, daß in gewissen Teilen 
Industrieansiedelungen zulässig, in anderen ausgeschlossen 
sein sollen. Das Industriegebiet umfaßt im wesentlichen 
das Gelände nördlich des Fürstengrabens zu beiden Seiten 
der Staatseisenbahn, da in diesem Gebietsteile Eisenbahn 
anschlüsse leicht ausführbar sind. Die übrigen Teile des 
„Tiefgebietes“ sollen ausschließlich Wohnzwecken dienen; 
hierbei soll die geschlossene Bauweise (der sogenannte 
„Reihenbau“) angewendet werden. 
Mit Recht geht neuerdings im Städtebau das Be 
streben dahin, aus wirtschaftlichen Gründen (billigere Her 
stellung, Unterhaltung und Beheizung) dem Reihenhaus 
mehr Eingang zu verschaffen, bei dem die — früher leider 
üblichen — Flügelanbauten, Quer- und Hintergebäude in Fort 
fall kommen. Diese Bauart hat sogar auch noch gewisse 
gesundheitliche Vorzüge vor der offenen Bauweise; denn sie 
schafft in dem von Baulichkeiten freigehaltenen Blockinnern 
einen genügend durchlüfteten Raum, der vor scharfen Zug 
winden geschützt ist. Ferner bietet sie Gelegenheit, in dem 
Blockinnern größere, den Gefahren, dem Geräusch und dem 
Staube der Straße entzogene Spielplätze für die Kinder der 
Blockbewohner zu schaffen. Auch läßt sich die ungünstige 
Gestaltung der Eckbaustellen bei dem Reihenbau dann ver 
meiden, wenn man nach der beistehenden Skizze — Text 
bild 1 — (halboffene Bauweise) die schmalen Seitenfronten 
der Baublöcke offen läßt, oder wenn die Anordnung nach 
der beistehenden Skizze — Textbild 2 — (Gruppenbauweise) 
gewählt wird. 
Allerdings läßt sich bei den Seiten 
wand an Seitenwand gestellten Häusern 
des Reihenbaues ohne weiteres nicht 
so leicht wie bei den allseitig frei 
stehenden Häusern erreichen, daß jeder 
Wohnraum durch die Sonnenstrahlen 
unmittelbar getroffen wird. Indessen 
kann diese Schwierigkeit dadurch ge 
löst werden, daß man die genaue Ost 
westlage der Straßen vermeidet, bei 
der sich in jeder Hausreihe eine aus 
gesprochene Nordfront ergibt, die nie
	        
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