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Volume H. 7/8

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 12.1915 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Die romanische Ulrichskirche wurde 1466 bis au! den i 
Chor, in dem während des Umbaues der Gottesdienst ab 
gehalten werden sollte, abgebrochen. Der Neubau war im 
Jahre 1473 größeren Teils vollendet, da zerstörte ein ge 
waltiger Sturmwind fast alles wieder. In der uns jetzt 
überlieferten Form wurde sie dann 1477 vom Meister 
Burkhard Engelberger aus Hornberg neu begonnen und das 
Langhaus bis 1499 vollendet. 1500 wurde der Neubau des 
Chores begonnen und 1506 der Grundstein zu zwei Türmen 
gelegt, von denen der nördliche 1594 im Renaissancestil 
vollendet wurde; der Ausbau des südlichen unterblieb. 
Dem gewaltigen Bau der katholischen Ulrichskirche ist der 
katholische Pfarrhof und die protestantische St. Ulrichs 
kirche vorgelagert, der erstere vom Jahre 1625, die letztere 
Abb. 2. St. Ulrich gesehen vom Punkt E des Lageplans Tafel 42 a. 
als gotisches Bauwerk 1497 errichtet, jedoch in 
der Barockzeit (von 1680—1710) im damaligen 
Zeitgeschmäcke in mustergültiger Weise um 
gebaut. 
Die Ulrichskirche steht an einem der höch 
sten Plätze Augsburgs (Höhenkote 492) an einer 
Stelle, an der bereits zu römischen Zeiten ein 
Tempel des Jupiter stand. Städtebaulich ist mit 
feinem Gefühl der Turm an die höchste Stelle 
des Geländes (Kote 493,6) gestellt, und so 
kommt es, daß die natürlichen Höhenunter 
schiede zwischen umgebenden Straßen und 
Kirche bis zu 14 m der stattlichen Höhenwirkung 
der gesamten Bauanlage und des Turmes zugute 
kommen. 
Eines der reizvollsten, weithin bekannten 
Architekturbilder gibt uns Tafel 43 a, das der 
Meister Thorwaldsen „ein herrliches Archi 
tekturbild voll Reiz und Abwechslung“ genannt 
hat. Die kleine schlichte Baumasse des katho 
lischen Pfarrhauses ist der reicher gegliederten 
protestantischen Ulrichskirche vorgelagert, beide 
zusammen wieder der mächtigen Masse der 
katholischen Ulrichskirche; der ganze so entstehende 
amphitheatralische Aufbau wird überragt von dem 93 m 
hohen Turm. Die gesamte Baugruppe wird durch die 
verschiedenen Baumassen, sowie besonders noch durch 
den optischen Maßstab — das Wachsen der einzelnen 
Architekturglieder — zu gewaltiger Wirkung gesteigert. 
Noch vor nicht allzulanger Zeit bestand die Absicht, die 
katholische Ulrichskirche freizulegen, d. h. die vor ihr be 
findlichen kleinen Bauten des Pfarrhofes und der evange 
lischen Ulrichskirche, die sie doch erst groß und gewaltig 
erscheinen lassen, abzureißen, dafür aber den zweiten Turm 
auch noch auszubauen. Daß ein derartiges rücksichtsloses 
und unkünstlerisches Verfahren in unserer Zeit nicht mehr 
möglich ist, ist wohl als selbstverständlich anzunehmen. 
Neben diesem hervorragenden Architekturbild finden 
wir noch verschiedene andere, allerdings weniger bekannte 
Städtebilder um St. Ulrich herum, alle auf demselben künst 
lerischen Grundgesetz beruhend, Steigerung vom Kleinen 
zum Großen und damit Erzielen gewaltiger Wirkungen 
(Tafel 43 b und Tafel 44 c und d). 
Bei der nun bevorstehenden Auflassung der Kasernen 
(Textbild 1) und der sich daran anschließenden Über 
bauung wird es sich erstens darum handeln, die denk 
malpflegerisch besonders bemerkenswerten Städtebilder in 
der überlieferten Form zu erhalten, das ist vor allem der 
großartige Straßenabschluß der Maximilianstraße, dann Er 
haltung der übrigen skizzierten Städtebilder, ferner Er 
haltung und Instandsetzung des an der Südseite der Kirche 
befindlichen, jetzt zur Kaserne gehörigen Kreuzganges mit 
teilweise reichstukkierten Nebenräumen in allen wichtigen 
Teilen. Zweitens wird von besonderer Bedeutung sein die 
Schaffung der neuen Straßenzüge und der an ihnen zu er 
richtenden Hochbauten, unter besonderer Berücksichtigung 
neu zu schaffender Städtebilder um den Ulrichsturm herum. 
Hoffentlich wird die Militärverwaltung für ihren Besitz einen 
nicht zu hohen Preis verlangen und damit die Möglichkeit 
des Flachbaues offen lassen; denn bei ausgesprochenem 
Hochbau ist die Gefahr vorhanden, daß Bauten entstehen, 
wie am Eserwall bereits einer vor 15 Jahren entstanden ist,
	        
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