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Volume H. 1

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 12.1915 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
u 
Linien die roten Dächer der zweistöckigen Reihenhäuser 
hervorschauen. Auf der Seite der Geschäftsstadt zwischen 
Theater und Stadthalle befinden sich die besseren Gasthöfe, 
die hier eine ruhige, vornehme Lage haben und den Gästen 
die Beobachtung des Treibens auf dem großen Platz er 
möglichen. Geschäfts- und Wohnstadt werden durch eine 
breite Ringstraße, die durchgängig Geschäfts- und Verkehrs 
straße mit dreistöckiger Bebauung ist, so verbunden, daß 
immer wieder die Straße sich platzartig erweitert. Von dem 
großen Platz aus sind die Dächer der Ringstraßenhäuser 
hinter den Dächern der Häuser der Promenadenstraße sicht 
bar, wodurch ein Tiefeneindruck erzeugt und der Horizontal 
eindruck verstärkt und bereichert wird. Für die außerhalb 
der Ringstraße liegenden Wohnstraßen ist die gerade'Richtung 
das Natürliche. Hier wohnen, die Arbeiter, die beinahe alle 
auf dem Boden des industriellen Großbetriebs stehen, die 
auch meistens den militärischen und gewerkschaftlichen 
Drill in sich haben. Es ist nur sinngemäß, daß das Orga 
nisierte, Straffe, Gruppierte in dem Wohnviertel der Arbeiter 
zum Ausdruck kommt. Wenn befürchtet wird, daß dies in 
der Weise, wie es der Entwurf zeigt, nicht den Schönheits 
begriffen entspricht, die mehr Abwechslung verlangen, so 
ist hierauf zu erwidern, daß einer Abwechslung in kleinen 
Dingen durch eine verschiedene Ausbildung der Häuser 
blocks nichts im Wege steht, und daß eine großzügige 
Abwechslung nicht besser erzielt werden kann, als daß 
den vorherrschenden krummen Straßen eine Anzahl gerader 
Straßen energisch entgegengesetzt wird. Der Parallelismus 
muß hier den Eindruck verstärken. Wo man dagegen den 
Kontrast nicht sucht, wird es sachgemäß sein, die Teilnahme 
des Volkes durch Ähnliches mit Ähnlichem hervorzurufen. 
Der naheliegende Vergleich erzieht, er lockt die Phantasie, 
mitzugehen und fordert die Bildung eines reifen Urteils. 
Alle Straßen müssen möglichst die Nord-Südrichtung 
aufweisen, damit die Häuser auf beiden Seiten Sonne haben. 
Bei Straßen in der Richtung Ost-West werden die Gebäude, 
wenn es geht, nur ein Zimmer tief gemacht, damit die Sonne 
entweder vorn oder hinten die Räume bestrahlen kann. 
Wohnungen, in denen kein Wohn- und Schlafraum Sonne 
hat, darf es in einer neugegründeten Stadt nicht geben. 
Wirtschaftlich und günstig ist es auch, die Wohnstraßen 
so hoch aufzuhöhen, wie die Masse des Kelleraushubs das 
gestattet. Am Hauptmarktplatz in der Nähe des Bahnhofs 
befinden sich zweckmäßig große städtische Ausstellungs 
und Verkaufsgebäude, in denen alle ansässigen Gemeinde- 
mitglieder ihre Erzeugnisse ausstellen und verkaufen zu 
lassen das Recht haben. Alle Straßen und Plätze der Ge 
schäftsstadt werden 3 m aufgehöht, damit die Keller der 
Geschäftshäuser ohne große Kosten vollständig trocken und 
geeignet für Lagerung bergestellt werden können, und damit 
auch die unterkellerten Hofräume für Zwecke aller Art ver 
wendbar sind. Wo die Vorflutverhältnisse mangelhaft sind, 
ist diese Aufhöhung der Straßen schon wegen der Ent 
wässerungsleitung erwünscht. Die Geschäftsstadt erhält 
durchweg mit Baumbepflanzung, Rasen und auch teilweise 
mit Wasserflächen versehene 40—90 m breite Blockhöfe, die 
von jedem Geschäftsgrundstück unmittelbar zugängig und 
— weil 3 m unter Straßenoberfläche liegend — ohne jeden 
Fahrrad- und Wagenverkehr sind, doch von den Quer 
straßen aus Fußgängern offen stehen. Das Stadtgrün ist 
hauptsächlich in den Blockhöfen, während alle Straßen von 
Bäumen möglichst freigehaltep bleiben. 
BAULINIE UND HEIMATSCHUTZ. 
Von EWALD MUNSCHEID in Bielefeld. Hierzu die Tafeln 2 und 3. 
Muß schon allgemein bei der Aufstellung von Fluchtlinien- 
plänen mit Vorsicht und Geschicklichkeit vorgegangen 
werden, um der Bebauung des Ortes eine in wirtschaft 
licher und schönheitlicher Beziehung einwandfreie Grund 
lage zu geben, so erfordert die Festsetzung von Baulinien 
in geschichtlichen Orten eine besonders sorgfältige und ver 
ständnisvolle Behandlung. 
Zwar stehen einzelne alte Städte, wie Rothenburg o. T. 
und Nürnberg, in unerreichtem Glanze da, aber neben solchen 
jedermann geläufigen Musterbeispielen mittelalterlichen Städte 
baues haben sich noch zahlreiche andere Orte eine Fülle ihrer 
angestammten Schönheit bewahrt. Zwanglos in der Glie 
derung, einfach und klar im Aufbau, Jedes Haus, wenn auch 
bescheiden in der Form, so doch selbstbewußt in der Er 
scheinung, verkörpert unsere alte Stadt gleichsam ein Stück 
echt deutschen Volkscharakters. 
Und doch genügen schon ein paar gerade Striche mit 
Ziehfeder und Lineal, um sie ihrer überlieferten Eigenart 
zu berauben und erbarmungslos in die Reihe jener Dutzend 
städte zu versetzen, die teils als industrielle Notgründungen 
von heute auf morgen enstanden, teils ihnen gedankenlos 
nachgebildet sind, und denen Jeder persönlicher, jeder 
heimatliche Ausdruck fehlt. Wohl schlug der Verkehr infolge 
des ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwunges plötzlich ein 
rasendes Zeitmaß an, und es war durchaus berechtigt, ihm die 
weitgehendsten Zugeständnisse zu machen; aber die fliegende 
Hast und der Übereifer machten nervös, man verlor das 
Unterscheidungsvermögen und schoß weit über das Ziel 
hinaus. 
Statt die Straßen auf ihre wahre Bedeutung für den Verkehr 
zu prüfen und ihre Längsgestaltung und Breitenabmessung 
nach Gebühr zu bestimmen, sah man im Geiste das Verkehrs 
gespenst in jeder Gasse, in jedem Winkel auftauchen, und 
in langem traurigen Zuge fielen nach und nach ganze Häuser 
reihen einer sinnlosen Verblendung zum Opfer. Tore und 
Stadtmauern erschienen als krasse Beweisstücke einer rück 
ständigen Kultur und beleidigten das Hochgefühl des modernen 
Verkehrsmenschen, darum wurde ihnen ohne lange Über 
legung das gleiche Schicksal bereitet. Andererseits entsprach 
es durchaus dem Wesen dieses erbarmungslosen Draufgänger 
tums, daß auch jede Erweiterung im Straßenverkehr ihr Da 
seinsberechtigung verlor. Die traulichstillen Eckchen und 
Plätzchen fanden kein Verständnis mehr, der schattenspen 
dende Baum, der mit seinem munteren Grün das Straßenbild 
belebte, wurde mit der Axt aus dem bescheidenen Winkel 
vertrieben und mußte einem Neubau weichen, der frech seine 
aufgeputzte Fassade in die Straße schob und mit seinen kahlen 
Brandmauern dem Beschauer eine „neue“ Zeit mit „neuen“
	        
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