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Volume H. 12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 12.1915 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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furchtbaren Gewitter des gewaltigen Krieges gegenüber, das 
einzig und allein auf die Zerstörung der überragend hoch 
erhabenen deutschen Einheit gerichtet war, kann unser Volk 
mit voller Zuversicht Ln die Zukunft blicken, die nicht nur 
durch die bewährte Kraft des deutschen Heeres, sondern 
auch durch die scharfblickend weitschauende Weisheit der 
Verweser des deutschen Erbes gesichert ist, und die auch 
in geeigneter Weise die als zweckdienlich sich erweisenden 
Pfade zumHeile der wirtschaftlich Schwachen im Wohnungs 
wesen ausbauen und es zu verhüten wissen wird, daß die 
überwiegende Masse des deutschen Volkes im Reiche den 
kapitalistischen Verschuldungsrezepten zum Opfer fallt. 
ZUR AUSGESTALTUNG DES MARKTES 
ZU POTSDAM. 
Nr. 3 unserer Zeitschrift des vergangenen Jahres brachte 
eine Besprechung des Wettbewerbes, von dem die Stadt 
Potsdam die Lösung der Frage erwartet hat, wie ihr Rat 
haus unter Erhaltung der vorhandenen Marktansicht er 
weitert werden könne. Ein unmittelbares Ergebnis hatte 
dieser Wettbewerb nicht, obwohl er wertvolle Grundlagen 
für die weitere Bearbeitung, insbesondere auch bestimmte 
Fingerzeige für die Art, wie die Marktansicht zu verlängern 
geht, und damit für die Gestaltung der östlichen Platzwand, 
geliefert hat. Die Angelegenheit ruhte aber nicht. Bei der 
allgemeinen Aufmerksamkeit, die ihr insbesondere auch die 
Fachwelt widmete, konnte es nicht ausbleibeu, daß die 
Frage im Freundeskreise wie in der Öffentlichkeit weiter 
erörtert wurde. In aller Erinnerung ist wohl noch der 
letzte Vorschlag, der — die Möglichkeit der Lösung an der 
gegebenen Stelle verneinend — einen völligen Neubau dem 
Schlosse gegenüber an die Havel setzen wollte! 
Jetzt schwebt aber die Frage in Gefahr, auf lange Zeit 
hinaus vertagt zu werden, weil die Stadtverwaltung, der 
Not gehorchend, durch eine Erweiterung des ihr gehörigen, 
auch am Markte gelegenen Barberinischen Palastes sich die 
erforderlichen Räume verschaffen will, und zwar dadurch, 
daß der zurzeit gegen die Havel offene Hof des hufeisen 
förmig angelegten Gebäudes zugebaut werden soll. Wäre 
der Verlust des offenen Durchblicks an sich schon bedauer 
lich, so gibt die Absicht, dort den Hauptraum eines Rat 
hauses, den Sitzungssaal der Stadtverordneten zu errichten, 
zu größeren Bedenken Anlaß. Denn geschieht dies erst, 
so drängt auch die Erweiterung des alten Rathauses nicht 
mehr so sehr. Dem vorzubeugen, möchte sich empfehlen, 
vorher noch einmal zu prüfen, ob es denn wirklich nicht 
möglich wäre, an Stelle dieses am sumpfigen Havelufer 
sicherlich auch recht kostspieligen Zwischenbaues den ur 
sprünglichen Plan zum Ausreifen zu bringen. Einen neuen 
Beitrag hierzu möge der auf den Tafeln 66 und 67 dar- 
gestellte Vorschlag des Architekten Max Heinrich liefern. 
Der Verfasser schreibt selbst dazu: 
„Die größte künstlerische Wirkung im Städtebau wird 
sich immer erzielen lassen, wenn im Gegensatz zu einer 
Gruppe von rhythmisch und harmonisch gebauten Bauwerken 
von kleinerem Maßstabe, ein Monumentalbau für sich allein 
steht. 
Am Alten Markt in Potsdam ist das leider nicht der Fall. 
Hier häufen sich monumentale, hervorragende Bauten um 
einen unregelmäßigen Platz. Sie besitzen aber, abgesehen 
vom Palast Barberini, eine bestimmte Harmonie durch ein 
gemeinsames Hauptmotiv, das der rhythmisch sich wieder 
holenden Säulen. Hierdurch treten die Bauwerke in solche 
Beziehungen zueinander, daß der Platz für das Auge un 
bewußt angenehm wirkt. Doch würde der Platz weniger 
Stimmung besitzen, wäre nicht eine Steigerung der archi 
tektonischen Massen vorhanden. Diese aber bietet die von 
Schinkel erbaute Nikolaikirche. Um einen Gegensatz zu 
der reichen Gliederung des Schlosses und Rathauses zu er 
zielen, hat Schinkel den Hauptbau der Kirche aus riesigen, 
ruhigen Flächen zusammengesetzt, auf denen die von Säulen 
getragene Kuppel ruht, Ein vor die Flächen des Haupt 
baues gesetzter, in ähnlichem Maßstab wie Schloß und 
Rathaus gehaltener sechssäuliger Portikus auf hohem 
Sockel stellt die Beziehungen zu ebendiesen Bauwerken 
her. 
Es würde aber stets eine Verkleinerung des Platzaus 
drucks sein, wenn ein neues monumentales Moment in die 
Platzfront rückte. Eine Steigerung aber wird erreicht 
werden, wenn sich der Rathauserweiterungsbau dem alten 
Rathaus durch einen kleineren architektonischen Maßstab 
unterordnet, damit dem alten Bau zur Größe verhütt und 
der Nikolaikirche das Herrschen erleichtert. 
Der RathauserweLterungsbau steht nun mit dem Palast 
Barberini in Eckwirkung. Von großer Wichtigkeit wäre 
demnach auch hier eine gewisse harmonische Beziehung, 
sei es durch Aufteilung, Rhythmus oder Maßstab.“ 
Durch den vorgelegten Laubengang, der an die fiinf- 
achsige rundbogige Laubenvorhalle des Barberini-Palastes 
anklingt, erscheint dies glücklich gelöst. Der damit erzielte 
Zusammenklang macht die Überbauung der Brauerstraße 
entbehrlich. Auch im Wettbewerbe war schon das Lauben 
motiv vertreten, jedoch in so wenig überzeugender Weise, 
daß der Entwurf ausfallen mußte; hieraus kann also kein 
Einwand gegen den neuen Vorschlag hergeleitet werden. 
Lage und Anordnung der Haupttreppe nebst Vorhalle er 
innern an den Möhringschen Grundriß, der seinerzeit 
wegen seiner klaren Übersichtlichkeit als der beste des 
Wettbewerbs anerkannt war, während der Stadtverordneten 
saal die Ecke gegenüber dem Barberini-Palaste einnimmt, 
wie im Grundrisse des Dipl.-Ing. Landsberg, doch mit der 
Verbesserung, daß er nicht so weit in den Marktplatz vor 
springt, sondern durch eine Vorloge, in der die Säulen des 
alten Rathauses wiederkehren, die Längsseite des Neubaues 
an der Brauerstraße abschließt. Die Hauptpunkte, auf die 
es bei dieser Aufgabe ankommt, sind somit in diesen drei 
Entwürfen festgelegt. D. S.
	        
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