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Volume H. 1

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 12.1915 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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zwei bis drei Seiten vollständig zerstört, wie in Soldau, 
Neidenburg und anderen Orten. Wo es sich um die Be 
bauung ganzer Plätze oder Straßenzüge oder um den Neubau 
wichtiger und größerer Bauten, wie Schlösser, Rathäuser, 
Kirchen handelt, dürfte sich die Ausschreibung eines Wett 
bewerbs empfehlen, der Abbildungen des alten Zustandes bei 
zugeben wären. 
Aber auch bei den kleineren Bauaufgaben muß den An 
forderungen der Zweckmäßigkeit und des Schönheitsgefühls 
genügt werden. Sie alle sind Glieder eines großen Ganzen 
Der Entwurf solcher Bauten ist mehr Sache der einzelnen 
Baukünstler. Die Schaffung einer aus Sachverständigen zu 
sammengesetzten Zentralstelle zur Begutachtung und Ge 
nehmigung und Verbesserung der Einzelentwürfe würde sich 
sehr empfehlen. Sie hätte zu prüfen, ob der beabsichtigte 
Bau dem vom Bebauungsplan angestrebten Ziele in jeder 
Hinsicht gerecht wird und die an ihn zu stellenden For 
derungen erfüllt. 
Für die Planung und den Aufbau der vielen einzelnen 
Bauten fehlt es in Ostpreußen an den erforderlichen, genügend 
geschulten Kräften. Die wenigen, wirklich tüchtigen Bau* 
künstler werden zur Bewältigung der großen Zahl der Bau 
aufgaben nicht ausreichen. Im Osten lag bisher meistens 
die Entwurfsbearbeitung neben der Ausführung der Bauten 
in Händen von Bauunternehmern, Maurermeistern, Zimmer 
meistern, Tischlermeistern usw. Was dadurch geschaffen 
wurde, ist größtenteils sehr wenig erfreulich und wider 
spricht so sehr den Forderungen des Schönheitsgefühls und 
vielfach auch der Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit, 
daß es nicht angängig ist, auf diesem Wege weiter zu 
wandeln. Die in den letzten Jahren auch im Osten im 
Aufkommen begriffenen und hier ganz besonders nötigen 
kommunalen Baub eratungsstellen haben zur Genüge mit dieser 
Art von „Baukunst“ und ihren Erzeugnissen zu kämpfen. 
Es ist daher der Vorschlag gemacht worden, die Heranziehung 
und dauernde Niederlassung tüchtiger Architekten in Ost 
preußen von Staatswegen zu fördern. Wenn einmal mit 
Hilfe der Regierung und der Gemeindebehörden die bauende 
Bevölkerung die Erfahrung gemacht hat, daß es besser fahrt, 
wenn es die Entwurfsbearbeitung und Leitung des Baues 
einem tüchtigen Architekten überträgt, dann dürfte der zu 
erwartende Aufschwung auch letzteren eine dauernde Be 
schäftigung sichern, zum Wohle der Gemeinde und der Pro 
vinz, zum Wohle des Vaterlandes. 
MODERNE STA DT GRÜNDUNG.^ 
Von B. HAMMER, Architekt, Widzim. 
Die Aufgabe, für den Bevölkerungszuwachs fortwährend 
neue Daseinsmöglichkeiten zu schaffen und ihn wohnlich 
unterzubringen, wird heute durchgängig von den alten Ge 
meinden, vor allem von industriell stark entwickelten 
städtischen Gemeinwesen bewältigt, und zwar in einer 
Weise, die nicht ganz den berechtigten Anforderungen aller 
Volkskreise entspricht. Gerade die Städte, deren Boden 
wert durch den Bevölkerungszustrom gewaltig gestiegen ist, 
deren Grundbesitzer durch den Wertzuwachs zu reichen 
Leuten geworden sind, zeigen auffällig das Nachteilige, daß 
ein kleiner Volksteil das Bedürfnis der Masse, die Not der 
Menge auszunutzen in der Lage ist. Gerade dieser Punkt 
wird viel zu wenig von denen gewürdigt, die sich die Auf 
klärung über die soziale Lage des Volkes zur Aufgabe ge 
stellt haben. Auch diese sind befangen von der Meinung, 
daß nur die bestehenden städtischen Gemeinden die wirt 
schaftlichen Voraussetzungen für die Lebensstellung des 
werktätigen und handeltreibenden Teils der Bevölkerung 
gewähren. Diese Befangenheit Ist die Binde vor den Augen, 
die verhindert, den richtigen Weg ausfindig zu machen, der 
uns aus den vielen Nöten unserer Zeit herauszuführen 
vermag. 
Das ist der Leitgedanke gewesen, der mich veranlaßt 
hat, eine Lösung zu suchen, auf welche Weise am besten 
unserer Zeit gemäß für den Bevölkerungszuwachs gesorgt 
werden müßte, um eine Gesundung der Verhältnisse herbei- 
zuführen. Ohne Zweifel sind die Bestrebungen der Boden 
reformer zu billigen, die darauf hinauslaufen, den Wert 
zuwachs des Bodens der Gemeinde zu sichern, nur liegt es 
in der Natur der Sache, daß diejenigen, die bisher die Ver 
•) Vgl, dieserhalb auch die im Selbstverläge erschienene Schrift des« 
selben Verfassers „Sozialismus oder StadtgrUndung". Preis 1,50 Mk, 
hältnisse zu ihrem Vorteil auszunutzen in der Lage waren, 
den heftigsten Widerwillen gegen alles haben, was eine 
Änderung herheiführen könnte. Es liegt daher nahe, um 
unnötigen Kampf zu vermeiden, die Wertzuwachsbildung 
dort der Gemeinde zu sichern, wo die Gegeninteressenten 
nicht sitzen: auf neuem Boden, der noch zu landwirtschaft 
lichem Wert gekauft werden kann. 
Wir müssen neue Städte gründen, die natürlich nicht 
wie die Städte der mittelalterlichen Gründungszeiten Klein 
städte sein können. Die großartigen Verkehrsmittel, die 
nicht mehr wegzudenkende Weltwirtschaft, die Ansprüche 
der Bevölkerung an die Bildungsanstalten, Erholungsstätten, 
die gemeinnützige Fürsorge für Beleuchtung, Wasserver 
sorgung, Krankenbehandlung usw. erweitern den Wirkungs 
kreis der gewerblichen Tätigkeit und des Handels, sie ver 
langen die Verfügung über größere Kapitalkräfte und er 
zwingen zur Bildung des erforderlichen Wertzuwachses die 
Berücksichtigung größerer Menscheomassen. Sofern vorher 
die Größe einer neuen Stadt bestimmt ist, und der ganze 
Wertzuwachs des städtischen Gebietes in die Hände der 
Gesamtheit gelangt, können auch durch Gründung von Groß 
städten keine Mißstände erzeugt Werden. Es werden Im 
Gegenteil in diesem Fall so große Kapitalkräfte der Stadt 
gemeinde verliehen, daß das nur in wunderbarer Weise auf 
ihre einzelnen Glieder, auf alle Stadtbewohner zurückwirken 
kann. Sobald wir im Gründen von neuen Städten aus den 
tappenden Versuchen der ersten Zeit herauskommen, sobald 
wir städtebaulich und volkswirtschaftlich dies zukunfts 
reiche Gebiet menschlicher Tätigkeit beherrschen, wird der 
vielgeschmähte Kapitalismus sich die Krone aufs Haupt 
setzen und der Bevölkerung den Segen bringen, auf den sie 
bisher gewartet hat. 
Es Hegt nahe, zunächst die Gründung von feineren
	        
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