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Volume H. 10/11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 12.1915 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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gelten lassen, wenn die Unterscheidung »Städtisches Bau- 
amt“ und „Stadtbauamt“ äußerlich kräftiger hervortreten 
soll; doch ist diese Bezeichnung insofern zu weitgehend, als 
die Stadterweiterung begrifflich auch die Abteilung für An 
liegersachen und Grundstückswesen, sie sei Siedlungsamt 
genannt, mit zweckmäßiger Angliederung des Vermessungs 
amtes umfaßt. 
Mögen nun die hier vorgesehenen Unterscheidungen: 
Städtisches Bauamt und Stadtbauamt als richtig erkannt 
werden oder nicht, es mag dies nach den örtlichen Verhält 
nissen entschieden werden, wichtig und für die gedeihliche 
Entwicklung des Städtebauwesens bleibt aber jedenfalls die 
Zusammenfassung des Fluchtlinienwesens, der Baupolizei 
und der Bauberatung in ein einheitliches Arbeitsgebiet, 
das mit den städtischen Bauämtern und dem Siedlungs 
amte so weit in Fühlung bleibt, daß jede Abteilung in städte 
baulichen Fragen ihren Wirkungskreis auf die andere über- 
grelfend ausdehnen kann. Das sind grundlegende Forderungen 
des Städtebaues. Daß sie sich noch nicht allgemein durch 
gerungen haben, beweist u. a. die Rundfrage, welche „Die 
Bauwelt“ im Jahre 1913 an einige leitende Persönlichkeiten 
aus der Verwaltungspraxis des Städtebaues in unseren 
Großstädten richtete: „Ob die zurzeit bestehende übliche 
Organisation des Städtebaues und der zugehörigen tech 
nischen und Verwaltungsmaterien in unseren Großstädten 
für ersprießlich gehalten wird.“ Diese Frage ist verneint 
worden. Stadtbaurat Beuster, seinerzeit in Königsberg, fordert 
unter näherer Begründung die sehr berechtigte Schaffung 
eines besonderen Siedlungsamtes, in dem Bebauungsplan 
wesen, Verkehrstechnik, Baupolizei, Bauberatung, Hand 
habung des Bauverbots und Bodenwirtschaft vereinigt sind. 
Magistratsbaurat Paul Wolf, seinerzeit in Schöneberg, emp 
fiehlt unter allen Umständen die Vereinigung des Flucht 
linienwesens, der Baupolizei und der Bauberatung, und 
Beigeordneter Dr.-Ing. Schmidt, Essen, nimmt dieselbe 
Stellung ein.*) 
Wie sind die heutigen Verwaltungsverhältnisse, die 
hiernach einer Organisationsänderung bedürfen? Überall 
ist die Baupolizei abgetrennt, weil sie kraft ihrer gesetzlichen 
Grundlage ein Polizeiorgan ist, das seine Aufgabe darin 
sieht, die Öffentlichkeit vor Gefahr zu schützen. Darüber 
hinaus hat sie sich da, wo wenigstens die Zugehörigkeit 
unter städtischer Verwaltung ihre Entwicklung nicht hemmte, 
allmählich weitergehende Aufgaben gestellt. Viele Bau 
ordnungen enthalten städtebauliche Gedanken, Staffelung 
der Bauzonen, rückwärtige Bauzonen, hintere Bau 
fluchten, Hofgemeinschaften u. dgl. Hierdurch und ganz 
besonders durch die Handhabung des Gesetzes gegen die 
Verunstaltung hat die Baupolizei heute auch städtebauliche 
Aufgaben zu erfüllen. Sie wird dies so gut wie möglich 
tun, im einzelnen sicher auch mit Erfolg, aber ganze Arbeit 
zu leisten, ist ihr nicht möglich, weil ihr als Polizeiorgan 
die enge Fühlung mit den übrigen Gliedern der Stadt 
erweiterung fehlt. 
Der zeitlichen Entwicklung nach ist dann das heutige 
Fluchtlinienwesen zu betrachten, das in den Straßen- und 
Baufluchtliniengesetzen begründet ist. Dort wird die Straße 
nur als Projektion auf den Grund und Boden erkannt und 
*) So sind die Dinge z. B. auch in Aschersleben und Weimar ge 
ordnet. D. S. 
in dieser Weise in neuerer Zeit mit städtebaulichen Regeln 
festgelegt; die weitere Entwicklung ist dem guten Glück 
überlassen. Es ist nicht zu verkennen, daß allmählich 
bessere Verhältnisse entstanden sind. Der eifrigen Sorge 
unserer Städtebauer ist die Abstufung nach Verkehrs- und 
Wohnstraßen gelungen und allerorts beweisen hervorragende 
Beispiele das Wiederaufleben des Verständnisses für gute 
Siedlungspläne. Aber auch hier fehlt ganze Arbeit; es bleibt 
in der Regel bei der Flächenprojektion der Straße, man kann 
die Straße nicht als Raum fassen, was sie doch tatsächlich 
ist, weil der Aufbau der Straße den Baugesetzen, also der 
Regelung durch die Baupolizei unterliegt. Ebenso verhält 
es sich mit der Festlegung der Baublöcke im Fluchtlinien 
verfahren und ihrer Aufteilung und Bebauung nach den 
Regeln der Bauordnung. Der beste Bebauungsplan ist 
aber nutzlos, wenn er nicht durch eine Bauordnung die 
erforderliche Ergänzung erhält. 
Selbst das jüngste Verwaltungsglied der städtebaulichen 
Entwicklung, die Bauberatungsstelle, vermag die so be 
stehende Kluft zwischen Bauordnung und Bebauungsplan 
nicht in dem erforderlichen Maße zu überbrücken, weil sie 
erst zu spät eingreift. Soll sich die Bauberatung nicht nur 
an Einzelbeispielen betätigen, nicht nur Fassaden verbessern, 
sondern erfolgreich zur Entwicklung der Stadt beitragen, 
dann muß sie Stadträume entstehen helfen, bei denen eine 
wohltuende Verteilung der Massen, gleiche Linien oder Kon 
traste neben einem freundlichen Spiel der Farben wirken 
und zu dem auf dem Boden fluchtlinienmäßig vorgesehenen 
Verkehrswege vorausschauend den Aufbau schaffen, den 
alsdann die Baupolizei zu regeln hat. 
Obwohl allen Kennern der Verhältnisse die Grund 
notwendigkeit nicht mehr fraglich erscheint, daß Bebauungs 
plan und Bauordnung eine durch Bauberatung zusammen 
gefügte Einheit bilden und wechselnden Zeitbedürfnissen 
entsprechend sich fortgesetzt gegenseitig beeinflussen müssen, 
ist die gemeinsame Organisation doch nur in wenigen Städten 
durchgeführt. Es ist dies um so merkwürdiger, als der Vor 
stand des Deutschen Städtetages in seiner Eingabe vom 19. Mai 
1915 an das Abgeordnetenhaus in Sachen des Wobnungs- 
gesetzes selbst empfiehlt, den in der ersten Lesung der 
Wohnungsgesetzkommission gefaßten Beschluß, durch den 
das Fluchtlinienwesen mit der Baupolizei verknüpft werden 
soll — vorausgesetzt, daß die Baupolizei den Städten ge 
sichert bleibt, und das muß erreicht werden — gesetzlich 
festzulegen. Muß erst Gesetzeszwang zu dem verhelfen, 
was besser und den verschiedenen Bedürfnissen angepaßter 
ohne ihn geschehen kann? Man scheut sich vermutlich, in 
bestehende Verhältnisse aus Mangel an Erfahrungen einzu 
greifen. Da erscheint es doch angezeigt, darauf hinzu weisen, 
daß das Stadtbauamt in seiner Umfassung von Baupolizei, 
Städtebau und Bauberatung keineswegs eine neue Organi 
sation bedeutet, sondern deren inneres Zusammenwirken 
jahrhundertelang erprobt ist und die herrlichen Stadtent 
wicklungen füherer Zeiten hierin gründen. 
In jeder Stadt wird man hierfür Beispiele finden können;' 
Der einheitliche Wille mit der Straßenfestlegung die Be 
bauung des Straßenraumes und des Baublockes in Höhe 
und Tiefe zu regeln, dabei eine einheitliche, künstlerische 
Wirkung der Straßenbilder zu fördern, kennzeichnet die 
Blütezeit des Städtebaues im 17. und 18. Jahrhundert. All 
mählich ist dann die Einheit und mit ihr die Stadtbaukunst
	        
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