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Volume H. 9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 12.1915 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Fuhrwerke bei den Besuchen des Seelsorgers wurden geltend 
gemacht. Wir einigten uns schließlich auf Zahlung einer 
besondereren Abgabe für jedes Grundstück, was in diesem 
Falle eine sehr harte Besteuerung war; denn die einzelnen 
Grundstücke durften statutenmäßig nur mit Einfamilien 
häusern besetzt werden, von denen die meisten nur drei 
Stuben- enthalten. Die großen Anforderungen haben denn 
auch dazu geführt, von dem Einfamilienhaus zu dem Mehr 
familienhaus übergehen zu müssen, weil die Kosten sonst 
nicht zu erschwingen waren. 
Der Zeitverlust, welchen die Einholung der Ansiedelungs 
genehmigung durch die vielen Verwaltungsstellen nach sich 
zieht, ist unglaublich. Mir ist ein Fall bekannt, wo eine 
Besiedelung durch Einsprüche des benachbarten Großgrund 
besitzers aus Jagdinteressen eine Verzögerung von fast zehn 
Jahren herbeiführte, bis durch Klage beim Oberverwaltungs 
gericht die Genehmigung erstritten wurde. Heute wohnen 
dort bei Müncheberg Hunderte von Familien. 
Es ist ja unausbleiblich, daß gesetzliche Bestimmungen, 
die in so ausgesprochener Weise den rücksichtslosen Eigen 
nutz der Menschen geradezu herausfordern, zu einem Ver 
hinderungsgesetz sich herausbilden müssen. 
Angesichts dieses Ansiedelungsgesetzes sollen nun Krieger 
heimstätten geschaffen werden, kleine Einzelhäuser auf länd 
licher Scholle für Leute in beschränkten Erwerbsverhältnissen. 
Die Regierung selbst hat die Wirkung dieses Gesetzes emp 
funden und bei der Abwehr des Polentums durch eine in 
großem Maßstabe ausgeführte Besiedelung der polnischen 
Provinzen die Hindernisse des Gesetzes erst beseitigen 
müssen, indem sie die „Generalkommission“ schuf, welche 
allein maßgebend sein soll, sobald es sich um Ansetzung 
deutscher Bauern und Aufteilung von Rentengütern handelt. 
Auf diese Weise sind alle die Hindernisse, welche durch 
die vielerlei Behörden, Verwaltungen und private Personen 
der Besiedelung bereitet werden können, gründlich aus dem 
Wege geräumt. Eine gleiche Vollmacht müßte einem Reichs 
heimstättenamt eingeräumt werden. 
Wäre man so der Scylla des Ansiedelungsgesetzes ent 
ronnen, so droht doch noch die Charybdis des Baufluchten 
gesetzes vom 2. Juli 1875, betreffend die Anlegung von Straßen 
und Plätzen in Städten und ländlichen Ortschaften, Die 
näheren Ausführungen zu diesem Gesetz umfassen über 
400 Seiten; es ist daher unmöglich, hier auf alle Einzelheiten 
einzugehen. Nur § 12 sei hervorgehoben, um zu zeigen, 
wie das Gesetz die Anlage kleinerer Heimstätten mit Ein 
familienhäusern erschwert und ihre Entstehungsmöglichkeit 
völlig unterbindet. 
Der Wortlaut des Gesetzes klingt ganz harmlos: 
„Durch Ortsstatut kann festgestellt werden, daß an Straßen 
oder Straßenteilen, welche noch nicht gemäß der bau 
polizeilichen Bestimmungen des Ortes für den öffentlichen 
Verkehr und den Anbau fertiggestellt sind, Wohngebäude, 
die nach diesen Straßen einen Ausgang haben, nicht er 
richtet werden dürfen.“ 
Die Erläuterungen hierzu lassen erkennen, welche Übel 
stände eintreten sollen, wenn dieser § 12 nicht bestände. 
„Wenn an nicht fertiggestellten Straßen und weit ent 
fernt von anderen Häusern Wohngebäude errichtet werden, 
dann entsteht hinsichtlich der letzteren und ihrer Bewohner 
ein förmlicher Notstand. Die Straße wird bei schlechtem 
Wetter unwegsam, die Häuser sind bei Feuersgefahr nicht 
durch die Spritzen zu erreichen, die mangelnde Ent 
wässerung erzeugt Unreinlichkeit und Krankheiten, die 
unteren Teile der Gebäude passen nicht zu der Höhenlage, 
welche die Straße später erhält usw.“ 
Diese Zustände bestehen aber doch tatsächlich in 
TausendenvonDörfernundkleinenLandstädtenderMonarchie, 
und gerade von dort erhält der Staat die zahlreichsten und 
kräftigsten Vaterlandsverteidiger. Das Fischerdorf Alt-Warp 
in Pommern z. B. hat fast tausend Einwohner, und nicht 
einen einzigen Pflasterstein, liegt auch nicht einmal an einer 
Chaussee; dabei kann fast jeder der dortigen Männer es 
sicher mit zwei Berliner Pflastertretern aufnehmen. 
Man sieht aus diesem § 12 so recht, die Gesetze werden 
in Berlin gemacht unter dem Einfluß des Abwehr er 
heischenden Bodenwuchers und der Menschenanhäufungen 
in Massenhäusern. So ein Mietkasten mit fünf Geschossen 
auf freier Feldmark ohne Baum und Strauch, mit einer 
nomadisierenden Bevölkerung, ist sicher das scheußlichste 
Ergebnis rücksichtslosen Spekulantentums. Um dergleichen 
zu verhindern, wurde das Gesetz gemacht. Wären nur 
wenige Worte dem Gesetz beigefügt; „ausgenommen ist die 
Errichtung von Einfamilienhäusern“, so wäre alles gut. 
Aber wir sind schon so von der Selbstverständlichkeit des 
Bodenwuchers durchsetzt, daß der Gedanke, in der Nähe 
von Städten Einfamilienhäuser zu errichten, gar nicht mehr 
in Betracht gezogen wird. Unter Einfamilienhäusern ver 
steht man nur noch die herrschaftliche „Villa“, nicht das 
Häuschen von drei Stuben und Küche, wie wir sie auf der 
„Freien Scholle“ herstellten. 
Diese Anschauung geht wie ein roter Faden durch das 
ganze Gesetz. Die hohen Grundstückspreise, die der Boden 
spekulant erzielt, sollen herangezogen werden, um die Kosten 
eines wohlgepflasterten, beleuchteten, be- und entwässerten 
Ortes mit Schulen und Kirchen auszustatten. Dies ist ja 
alles recht schön und dem Auge wohlgefällig. Damit trifft 
man aber an der Bodenspekulation vorbei; denn wie es 
auch sonst immer geschieht, hat der Landschacherer alle 
Unkosten auf den Käufer abgelenkt. Dies war für diesen 
um so leichter, als jetzt nur noch der Großspekulant und 
die Banken wirksam den Plan behaupten konnten. Eine 
Monopol- und Ringbildung ist weit leichter zwischen wenigen 
Beteiligten zustande zu bringen als unter einer großen 
Menge. Man frage nur herum auf den Feldern von Zossen 
bis Bernau, von Fürstenwalde bis Finkenkrug, wem das 
Land gehört, das der Bauer heute noch pflügt. Ihm gehört 
es längst nicht mehr, er bestellt es nur gegen eine Pacht 
an eine der Großbanken oder Herrn Soundso. 
Die Hauptstadt ist immer tonangebend für die Provinz, 
und so sehen wir auch in kleinen Orten schneidige Bürger 
meister und Landräte in der Ausführung des § 12 schwelgen. 
Wodas Gesetz sagt: „durch Ortsstatut kann verboten werden“, 
wird regelmäßig ausgelegt: „das Ortsstatut verbietet“. Um die 
Auswüchse einer wüsten Bebauung zu verhindern, wird die 
Bebauung überhaupt verhindert. 
Früher galten noch Chausseen für anbaufähige Straßen, 
Auch dies hat jetzt aufgehört hinter den letzten Gebäuden 
eines Ortes, Wo das Bauland so beschränkt wird, tritt die 
Monopolbildung ein mit den erhöhten Grundpreisen. 
Selbst rückwirkende Kraft hat das Gesetz. Der Wieder 
aufbau eines durch Brand zerstörten Hauses kann verhindert 
werden und ist auch vielfach verhindert worden. 
(Schluß folgt.)
	        
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