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Volume H. 9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 12.1915 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Vom Graben rechtwinklig abzweigend, hat man den 
Wenzelsplatz, eine kurze, breite Prachtstraße, den sanften 
Höhen im Westen des Stadtgebietes entgegengeführt und ist 
hier großzügig genug, einzelne Bauten über die sonst nach 
der Bauordnung zulässige Höhe sich herausheben zu lassen: 
ein Zugeständnis, das dem Straßenbild vielleicht einmal die 
Größe verschaffen wird, die die Erbauer im Sinne haben 
mochten, als sie die mächtige Baumasse des Nationalmuseums 
zum Zielpunkt und zur Bekrönung dieser SIraße bestimmten. 
Wer vom Belvedere oder der Hasenburg, zwei Aussichts 
punkten über der Kleinseite, die unvergleichlich schöne Pano 
ramen der Stadt zeigen, auf die weit ausgedehnte rechte Moldau 
stadt herabblickt, wird das Nationalmuseum als eigentlichen 
Stadtmittelpunkt weit über das Dächermeer herausragen sehen, 
in beherrschender, edel gelagerter Masse, gleich hervorragend 
durch die Gunst seiner Lage wie durch die Monumentalität 
seiner Formen. 
Der Wenzelsplatz mochte die Prager Stadtväter befriedigt 
haben; darum glückte es, auch in den neuen Stadtteilen ge 
nügend viele und weite Ffeiplätze der Bebauung zu entziehen, 
namentlich aber die an den Anhöhen sich hinaufschlingenden 
Grünflächen zu Stadtgärten und öffentlichen Anlagen auszu 
bauen. Dies bedeutet einen gewissen Ausgleich für dieSchäden 
der dichten Bebauung. Bei seiner geringen Gesamtboden 
fläche besitzt Prag an Gärten und öffentlichen Anlagen das 
hohe Maß von 287 ha, d. s. 13,65°/ 0 der Gesamtfläche. 
Dabei entfällt der größte Teil dieser Freiflächen in Prag 
auf die wunderbaren Parkanlagen an den Hängen des linken 
Moldauufers, die, bekrönt von bemerkenswerten Bauwerken 
und benetzt von dem breiten, inselreichen Strom, den schön- 
heitlichen Ruf von Prag nicht in letzter Linie mitbegründet 
haben. 
Der Kinskygarten, der Wald des Lauretiziberges, der Lob- 
kowitzgarten und die Belvedereanlagen begleiten die Moldau 
fast auf dem ganzen schönen Halbbogen, in dem diese 
die Stadt umschlingt, und sind mit ihrem prächtigen, üppigen 
Baumwuchs, den wohlgepflegten Wegen und Dutzenden 
überraschender Aussichtspunkte das beliebtesteZielder Prager 
Spaziergänger. Der Umstand, daß die Umgebung der Stadt 
an schön gelegenen Ausflugsorten außerordentlich arm ist und 
zu weiteren Spaziergängen nicht verlockt, erhält diesen An 
lagen dauernd die Liebe der Bevölkerung, auch der wohl 
habenden. Sie werden, auch wenn die Prager Altstadt eine ähn 
liche Citybildung erleben sollte wie bereits einzelne unserer 
deutschen Großstädte, stets in unmittelbarer Nähe diese 
Geschäftsmitte umschließen, ihre liebenswürdige Frische 
darauf zurückstrahlen und, da sie wohl stets der Bebauung 
entzogen bleiben, dem Prager Stadtbild an der hervorragendsten 
Stelle seine Schönheit für alle Zeiten bewahren. 
Bisher durchfließt die Moldau in Prag im wesentlichen 
noch eine Wohnstadt, und sie selbst, wie ihre Uferbilder sind 
noch wenig beeinflußt von den Zweckbauten und dem leb 
haften geschäftlichen Verkehr, wie ihn ein lebhafter Handel 
und bedeutende industrielle Tätigkeit hervorrufen. Die 
Handelsschiffahrt konnte bisher keine recht große Bedeutung 
gewinnen, da die Industrie am Oberlauf der Moldau nur spär 
lich vertreten ist. Und auch der Verkehr der Ausflugsdampfer 
ist nicht bedeutend. Er leidet unter der geringen Anziehungs 
kraft der Landschaft. Dagegen hat die ruhige Strömungund 
die seeartige Verbreitung derMoldau inner- und oberhalb Pr^gs, 
die in dem sonst schnellen Bergstrom durch zwei Staustufen 
hervorgerufen worden, einen fröhlichen Wassersport insLeben 
gerufen, der namentlich an warmen Sonntagen ein zahlreiches, 
frohes Völkchen in leichten Booten auf das Wasser und an 
die stromauf und -ab gelegenen, dünn besiedelten Wiesenufer 
zum Bade lockt. 
Nun wird dieser Zustand wohl nicht mehr von sehr langer 
Dauer sein. Denn sicherlich wird Böhmen die überreichen 
Wasserkräfte seiner Bergströme, namentlich derMoldau und 
der Elbe, früher oder später durch Schiffahrt und elektrische 
Kraftgewinnung in viel höherem Maße auszunützen trachten, 
als dies bisher geschah — und geschehen konnte. 
Was die Schiffahrt heute an Roherzeugnissen — Holz, 
Braunkohlen, Steinen, Kalk und landwirtschaftlichen Erzeug 
nissen — aus dem an Bodenschätzen so überaus reichen 
Böhmen zu Tal frachtet, und was an chemischen und tech 
nischen Fabrikaten, an Steinkohlen und Kolonialerzeugnissen 
dafür von den deutschen Elbestädten nach Böhmen eingeführt 
wird, kann bedeutenden Zuwachs und Erweiterung erfahren, 
sobald nur die Elbe und Moldau den größten Teil des Jahres 
über eine brauchbare und billige Fahrtrinne bieten werden. 
Denn eine solche fehlt hier der Schiffahrt noch, Wohl 
hat man versucht, die unter dem Einfluß von Hochwässern 
und Trockenperioden überaus schwankende Wasserführung 
der beiden Ströme durch Längswerke, Staustufen und Nadel 
wehre mit Schleusen zu regulieren. Diese Maßnahmen er 
füllen aber nicht in gewünschtem Maße ihren Zweck. Die 
Längswerke kommen infolge des groben Geschiebes, das die 
beiden Flüsse mit sich führen, nur langsam zur Wirkung, 
die Staustufen aber verteuern durch die Frachtverzögerung 
und den Schleppzwang die Schiffahrt und Flößerei nicht 
unbeträchtlich. 
Nun hat kürzlich Major von Donat einen ähnlich groß 
gedachten Vorschlag, wie ihn einst sein Plan für die Aus 
nutzung der bayerischen Walchensee-Wasserkräfte brachte, 
für die Ausnützung der Elbe- und Moldau-Wasserkräfte ver 
öffentlicht.*) Er empfiehlt, in wirksamerer Weise als durch 
die bisherigen Maßnahmen die Flußregelung in wenigen 
großen Stauseen am Oberlauf der beiden Ströme zusammen 
zufassen: Die Hochwässer aus dem Gebirge sollen in den 
gewaltigen Stauräumen, deren Anlage durch die Gunst des 
Geländes an mehreren geeigneten Punkten ermöglicht wird, 
für die Zeiten sommerlicher Trockenheit aufgespeichert 
werden, die Flußläufe dadurch stets eine normale Wasser 
führung haben und der Schiffahrt, der Landwirtschaft und 
durch die Ausnutzung des Stauwassergefälles in Elektrizitäts 
werken auch der Industrie in hohem Maße zugute kommen. 
Für die Moldau wird in erster Linie ein Stausee bei 
Frauenberg oberhalb Prags vorgeschlagen. Für Prag würde 
die Ausführung dieses beachtenswerten Planes (der alle 
Eigenart des genialen Gedankens zeigt; die großzügige 
und fast selbstverständlich scheinende Lösung einer viel 
behandelten Frage, andererseits allerdings auch eine ge 
wisse Geringachtung technischer, finanzieller und staats 
rechtlicher Schwierigkeiten) den Anfang eines neuen Ent 
wicklungsstadiums bezeichnen: Moldauauf- und abwärts, 
wo heute nur wenige Kalkwerke arbeiten, würde sich, ge 
lockt durch den günstigen Wasserweg, in Verbindung mit 
Bahnanschluß, der Nähe reicher Braunkohlenlager und dem 
an billiger elektrischer Kraft mancherlei Industrie ansiedeln 
und die kommerzielle Bedeutung Prags wesentlich erhöhen. 
*) „Das Elbe-Problem“ von Major F. M. von Donat, Berlin 1914, Ver 
lag C. Heinrich, Dr®sden*N.
	        
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