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Volume H. 1

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 12.1915 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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schaftliche, soziale und schönheitliche Rücksichten 
kannten daher die früheren baupolizeilichen Vor 
schriften nicht. Es wird erforderlich sein, auch 
diesen in den Bauordnungen für Ostpreußen Ein 
gang zu verschaffen. Nach der volkswirtschaft 
lichen und sozialen Seite ist Zweck der Bau 
ordnung der Ausgleich der Interessen des Boden 
besitzers, des Bauherrn, des Hausbesitzers und 
des Mieters. Bei den Bebauungsplänen — 
auch bei den früheren — spielten bereits wirt 
schaftliche und künstlerische Erwägungen eine 
Rolle. Das soziale Moment war noch nicht be 
rücksichtigt. In künstlerischer Beziehung kennt 
aber das Fluchtliniengesetz von 1875 nur eine 
einzige Vorschrift, nämlich die, daß Verunstal 
tungen der Straßen und Plätze zu vermeiden sind. 
Diese Vorschrift genügt nicht. Es muß das 
Verunstaltungsgesetz vom 15. Juli 1907 zu 
Hilfe gezogen werden. Nach § 1 dieses Gesetzes 
ist die Genehmigung zu versagen, wenn Straßen 
oder Plätze der Ortschaft oder das Ortsbild 
„gröblich“ verunstaltet werden. Nach § 4 können 
auch für neue Ortsteile besondere, über das sonst bau 
polizeilich zulässige Maß hinausgehende Anforderungen 
gestellt werden. 
Die auf Grund des Verunstaltungsgesetzes aufgestellten 
Ortsstatute können aber nicht überall die gleichen sein. 
Sie werden sogar in derselben Stadt für verschiedene Stadt 
teile verschieden sein, denn die Eigenart der betreffenden 
Stadt oder des betreffenden Teils soll stets gewahrt bleiben. 
Aber auch mit den so aufgestellten Ortsstatuten lassen 
sich die künstlerischen Forderungen nicht überall durch 
drücken. Was eine „gröbliche“ Verunstaltung ist, darüber 
wird man stets geteilter Ansicht sein können. Manches läßt 
sich aber auf dem Wege der Bauberatung, die ja seit ihrer 
Entstehung, namentlich im Westen Deutschlands, schöne 
Erfolge aufzu weisen hat, durch die Gewährung von Dispensen 
erreichen, weil der Vorteil eines solchen den Bauherrn nach 
giebiger macht, als der Hinweis auf künstlerische Rücksichten. 
Wenn jedoch die Allgemeinheit willig große Opfer für 
das schwer heimgesuchte Ostpreußen bringt, 
dann hat sie auch das Recht mitzureden. Das 
öffentliche Interesse verlangt es, daß kein schrei 
ender Mißton die Harmonie der neu aus Schutt 
und Asche erstehenden Werke störe. 
Wo gute Vorschläge und zweckdienliche Be 
ratungen nichts fruchten, dürfte ein gelinder Druck 
am Platze sein. Ein sehr wirksames Zwangs 
mittel bilden die Geldzuschüsse. Die Ge 
währung dieser aus staatlichen Mitteln oder 
öffentlichen Sammlungen hervorgegangenen Bei 
träge kann sehr wohl an die Bedingung geknüpft 
werden, daß der Aufbau der Häuserzeilen nach 
einem einheitlichen Plan geschieht, daß die Ge 
staltung der einzelnen Bauten dem Schönheits 
gefühl in befriedigender Weise Rechnung trägt. 
Damit haben wir bereits die finanzielle Seite des 
Wiederaufbaues berührt. Der Landtag hat vor 
erst 400 Millionen Mark genehmigt. Ein gesetz 
licher Rechtsanspruch auf Schadenersatz besteht 
ja in den meisten Fällen nicht. Gleichwohl ist 
zu erwarten, daß ähnlich wie 1871 durch ein be- 
Abb. x. Marktplatz in Hohenstein nach der Schlacht. 
und Kunst zugleich ist, beherrschen und sich über die 
wirtschaftlichen, sozialen, gesundheitlichen und schönheit- 
lichen Wirkungen ihrer städtebaulichen und baupolizei 
lichen Maßnahmen vollständig klar sind. Die Anschauungen 
auf städtebaulichem Gebiet werden gerade in Ostpreußen, 
wo die bauliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte nicht 
immer eine befriedigende genannt werden kann, nicht un 
berücksichtigt bleiben dürfen. 
Wir leben im Zeitalter der Wirtschafts- und Sozial 
politik. Auch in den Bestrebungen des Städtebaues hat sich 
dies bemerkbar gemacht. Man hat erkannt, von welch 
einschneidender Bedeutung der Bebauungsplan und die 
Bauordnung in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht sind. 
Das Baupolizeirecht gründet sich in Preußen auf 
das „Allgemeine Landrecht“, nach welchem die Polizei die 
nötigen Anstalten zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe, 
Sicherheit und Ordnung und zur Abwendung der der 
Öffentlichkeit drohenden Gefahren zu treffen hat. Wirt 
Abb. 2. Aliensteiner Straße in Hohenstein nach der Schlacht.
	        
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