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Volume H. 6

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 11.1914 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
78 
VOM HOLLÄNDISCHEN STÄDTEBAU 
IN ALTER UND NEUER ZEIT. 
Von Regierungsbaumeister WALTER LEHWESS in Zehlendorf. 
In unseren neueren Bebauungsplänen, die gerade in 
Deutschland heute in überreichlicher Anzahl und oft zu 
weit getriebener Zukunftsvorsorge entstehen, ist immer noch 
wenig davon zu spüren, daß ihre Verfasser wirklich Städte 
bauer sind, d. h. daß ihnen die Grundlagen städtischer 
Ausbreitung, die inneren Zusammenhänge zwischen Be 
bauungsplan, Landerschließung, Realkredit und Hausform in 
Fleisch und Blut übergegangen. Viele Pläne sind bloße Zeich 
nungen, die ein mehr oder weniger schönes Bild ergeben, 
mehr oder weniger gute Platzbildungen aufweisen, aber nichts 
davon verraten, daß ihr Verfasser sich klar gemacht hat, 
welche Folgen für die WohnungshersteUung seine Planung 
haben wird. Die Führung der Straßen und Gestaltung der 
Plätze erscheint Behörden und Planentwerfern noch immer 
als das Wesentliche und das Grundlegende in der Städtebau 
kunst, nicht die Schaffung guter Siedelungsmöglichkeiten für 
die verschiedenen Bedürfnisse. Und doch liegen schon seit 
einer Reihe von Jahren Rudolf Eberstadts Schriften vor, 
sein Handbuch des Wohnungswesens, seine „Neuen Studien“ 
aus Belgien und Österreich, die von der Oberfläche in die 
Tiefe führen wollen und die wichtigen Zusammenhänge, 
die erst in ihrer Gesamtheit und ihrem Zusammenklang 
eine wirkliche, ihre Aufgaben ganz erfüllende Städtebaukunst 
ergeben, klarlegen. Diesen Büchern hat Professor Eberstadt 
jetzt ein neues angereiht, das in noch höherem Maße als 
die ersten für die Praxis der Stadterweiterung, derWohnungs- 
fürsorge und aller mit der Wohnungsbeschaffung zusammen 
hängenden Fragen Bedeutung erlangen wird. Es ist betitelt: 
Städtebau und Wohnungswesen in Holland und ent 
hält eine zusammenfassende Darstellung alles dessen, was 
in Holland auf diesem Gebiete geleistet und entstanden ist. 
Es dürfte das erstemal sein, daß in der Literatur der 
Versuch unternommen worden ist, das Wohnungswesen 
eines ganzen Landes vollständig und zusammenfassend dar 
zustellen. Man stelle sich nur einmal vor, was alles zu 
einer solchen Darstellung gehört: Eine Schilderung der ge 
schichtlichen Entwicklung des Wohnungswesens, also der 
einzelnen Städte und Stadterweiterungen, eine Untersuchung 
der verschiedenen Einflüsse, die der Entwicklung ihre 
Richtung gegeben haben, also der Maßnahmen und Auf 
fassungen der staatlichen und städtischen Behörden, der 
wirtschaftlichen Bedingungen von Handel und Gewerbe, 
der überlieferten Formen des Wohnens und des Realkredits, 
endlich des Einflusses fremder Einrichtungen und An 
schauungen, der gerade in neuerer Zeit oft bedeutend ist; 
ferner eine Darstellung der Ergebnisse, der üblichen Haus 
und Wohnformen und ihrer Mietpreise, sowie der Verhält 
nisse des Grundstücks- und Baugeschäfts. 
Daher ist denn in Eberstadts Buch der erste Teil der 
Geschichte der holländischen Städte gewidmet; im ersten 
Abschnitt wird die ältere, mittelalterliche Entwicklung dar 
gestellt, im zweiten die davon stark unterschiedene neu 
zeitliche, die mit dem sechzehnten Jahrhundert unter dem 
Einfluß der italienischen Städtebaukunst beginnt. Der zweite 
Teil enthält die neuere Entwicklung und die Gegenwart; 
hier werden die Zustände in den einzelnen größeren Städten 
und schließlich auch in den Mittel- und Kleinstädten ge 
schildert, wie sie sich im neunzehnten Jahrhundert heraus 
gebildet haben und sich uns heute zeigen, während im 
dritten Teile die Landstädte und das ländliche Wohnungs 
wesen behandelt werden. Die Darlegungen sind von einer 
Fülle von Abbildungen, Stadtplänen, Städtebildern und Haus 
typen begleitet, die schon für sich allein ein wertvolles 
Material darstellen. Die wichtigen Fragen des Realkredits, 
der Boden- und Bauunternehmung finden eingehende Be 
leuchtung im vierten Teile, der damit vielleicht zu dem 
wichtigsten Abschnitt des ganzen Buches wird. 
Wir sehen, wie im Mittelalter die holländischen Städte 
entstehen und wie in ihnen die Grundlagen für das Wohnen 
der Bevölkerung geschaffen werden, wie ein städtischer 
Wohnhaustypus ausgebildet wird. Wir bewundern die 
Umsicht und Sicherheit, mit der die Fragen der Boden 
aufteilung und Besiedelung zweckmäßig und zugleich künst 
lerisch befriedigend gelöst werden, und hören mit Staunen, 
daß manches damals selbstverständliches Gemeingut war, 
was wir heute als allerneueste wissenschaftliche Errungen 
schaft erst einzuführen versuchen. Außerordentlich an 
schaulich und fesselnd ist sodann der Einfluß der Lehren 
der großen italienischen Meister des 16. Jahrhunderts ge 
schildert, denen nicht mehr die Besiedelungsmöglichkeiten, 
sondern die Pracht und Schönheit der Stadtanlage Richt 
schnur und Leitstern waren; die Niederlande schlossen sich 
ihnen in formaler Beziehung an, verstanden aber dabei in 
bezug auf die Wohnform und alle Maßnahmen der Boden 
erschließung ihre eigene nationale Überlieferung zu wahren. 
Das 19. Jahrhundert bringt dann, wie auch in anderen 
Ländern, einen Niedergang der Städtebaukunst und der Für 
sorge für das Wohnungswesen, der erst durch die Gleich 
gültigkeit der Behörden, dann durch ihre verkehrten Maß 
nahmen befördert wird: „Der Städtebau hört auf, der 
Straßenbau beginnt“. Die Überschätzung der Straße, ihre 
zu verschwenderische Anlage und Ausstattung zwingt zum 
Verlassen des alten Eigenhaustyps und zur Stockwerks 
häufung, und zu einer unwirtschaftlichen Bauweise. Es 
entwickeln sich Zustände in der WohnungshersteUung, die 
den bei uns auf diesen Gebieten bestehenden sehr ähnlich 
sind; nur sind sie in den Niederlanden längst nicht so 
schlimm und gemeingefährlich geworden wie bei uns. Noch 
hält die alte Überlieferung des Kleinhauses den Gefahren 
stand, die ihr aus falschen Bebauungsplänen und einer über 
mäßigen Bodenspekulation drohen, und die Regierung in 
den Niederlanden scheint die Lage rechtzeitig zu erkennen 
und Gegenmaßregeln zu ergreifen. 
Das ganze Buch ist unter dem Gesichtspunkt geschrieben, 
die Beziehungen zwischen Stadtplanung und Wohnungsform 
klarzulegen. Es ist gerade für alle, die in der Praxis der 
Stadterweiterung stehen, außergewöhnlich anziehend und 
lehrreich zu sehen, wie eine schlechte Aufteilung sofort zu
	        
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