Path:
Volume H. 6

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 11.1914 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
76 
höheren Stufe sähe. Man würde sich neuer Gelegenheiten 
zur Stimmung von Ruhe und Rast im städtischen Leben 
freuen. 
Man kann überhaupt bald einsehen, daß Ruhe, Fried 
lichkeit und Friede gesundheitlicher sind als so manche 
gesundheitlichen Spitzfindigkeiten. Am ehesten aber scheint 
es uns möglich, dazu zu gelangen, wenn der Städtebau, wie 
seine Verfechter es längst verkündet haben, die technischen 
und die ästhetischen Forschungen möglichst in eine Einheit 
zusammenfaßt. Nichts schädlicher als das bare Nützlich 
keitsstreben, das den Menschen nicht befreit, sondern ihm 
Sklaverei über Sklaverei aufhalst, während ihn gerade ein 
harmonisches Zusammenstimmen am allerehesten frei 
sein läßt. 
DAS VERHÄLTNIS DER ARCHITEKTUR 
ZUR NATUR IN AMERIKA. 
Von Dr. HEINRICH PUDOR, Leipzig. 
Es ist etwa zwanzig Jahre her, seit in Amerika die 
Architektur als schwierige Aufgabe in Erscheinung trat und 
die Entwicklung einer architektonischen Kunst in den Ver 
einigten Staaten ihren Anfang nahm. Bemerkenswert ist da 
bei, daß in Amerika von Anfang an mehr als auf dem euro 
päischen Festland das Vorbild der Natur, das gerade von den 
Architekten oft genug außer acht gelassen, oder gar ausdrück 
lich nicht anerkannt wird, wirksam war. Das Vorbild der 
Natur nicht nur, soweit die Formen des Gebirges in betracht 
kommen, sondern im allgemeinen den Rhythmus und die 
Verhältnisse, die Schönheit in Linie und Form, weiter die 
Eingebung und Beeinflussung anlangend, dann den Sinn für 
das Organische, das Verhältnis zwischen Form und Zweck 
tätigkeit, das konstruktiv so wichtig ist, und die Differenzie 
rungen der Form, deren sich die Individualität bedient. 
Auch in Japan wird die Natur in diesem Sinne als Vor 
bild und Lehrschule der Architektur sehr wohl gewürdigt 
und studiert Der Japaner hat z. B. das Wort „edaburi“, 
das die Formenverhältnisse der Zweige eines Baumes zum 
Ausdruck bringt und sich in europäische Sprachen mit 
einem Wort nicht übersetzen läßt. Der Japaner im all 
gemeinen ahmt gerade in der Architektur die Natur nach, 
seine Bauten fügen sich in das Bild der umgebenden Natur 
viel ungezwungener ein als die europäischen, die gerade im 
Gegensatz zur Natur entworfen zu sein scheinen, wenn auch 
im einzelnen die Formen der Bauglieder und Ornamente 
der Natur abgelauscht sind wie bei der altgriechischen 
Architektur. Der Naturalismus der Japaner geht ja in dieser 
Beziehung so weit, daß sie im Innern ihrer Wohnhäuser 
bei einer Deckenstütze die Rinde des Baumes, und zwar 
eines besonders schönen Baumes, erhalten lassen. Soweit 
brauchen wir im allgemeinen nicht zu gehen — aber in 
der Tat könnte die europäische Architektur durch ein ein 
gehendes Studium der Natur und eine Anlehnung an die 
Natur eine sehr wirksame Befruchtung erfahren. Der starre 
Formalismus und die öde Stilwiederholung würden wirk 
lichen ursprünglichen und persönlichen Schöpfungen weichen 
müssen. 
In Amerika ist diese Anlehnung an die Natur ver 
schiedentlich erkennbar, so in dem Stile der sogenannten 
Bungalows, dem Missionsstile, dessen puritanisch einfache 
Formen ausdrücklich zum Zwecke der harmonischen Über 
einstimmung mit dem Formen- und Stimmungsgehalt der 
umgebenden Natur entwickelt sind, und weiter im Blockhaus 
bau, der jüngst eine neue Wendung der Entwicklung erlebt 
hat und jetzt mit Vorliebe sogar auf Hotelbauten angewandt 
wird. Endlich im Villen- und Landhausstil, der in Amerika 
eine bemerkenswerte hohe Ausbildung erfahren hat. Das 
Landhaus ist auch das bisher einzige architektonische Gebiet, 
auf dem bei uns eine Anlehnung an die Natur und deren 
Stimmungsgehalt in mehr oder weniger bewußter Weise 
angestrebt wird. 
Die Schule, die in Amerika diese Grundsätze in be 
sonderer Weise zu den ihrigen gemacht hat, knüpft sich 
an den Namen eines seiner größten Architekten, Louis 
H. Sullivans. Sie nennt sich die neue Schule des mittleren 
Westens. Was vor Sullivan liegt, ist künstlerisch nicht viel 
wert, abgesehen von den Bauten der Architekten Richardson 
und Root. Sullivan selbst und Adler übertragen diese Grund 
gedanken auf den Geschäftshausbau, Frank Lloyd Wright auf 
den Wohnhausbau. Die Grundsätze der neuen Schule wurden 
zum Überfluß, und zwar schon im Jahre 1894, in Leitsätzen 
niedergelegt, aus denen wir die folgenden wiedergeben: 
1. Einfachheit und Ruhe bilden den Maßstab des wirk 
lichen Wertes eines jeden Kunstwerkes. 
2. Eine überschwengliche Liebe zu Einzelheiten hat im 
Innern des Hauses den Sinn für Kunst und für die Kunst 
des Lebens getötet. Sie ist geradezu gewöhnlich. Sie macht 
aus einem Hause einen Basar oder einen Galanteriewaren 
laden. Dazu kommen die Gefahren der Ausschmückung, 
deren man sich nur im Rahmen des Ganzen bedienen sollte 
— andernfalls man ohne sie besser fährt. Daß etwas reich 
aussehen soll, ist noch keine Begründung für den Gebrauch 
von Ornament. — Bilder entstellen häufig die Wand. Sie 
sollten sich in die Ausschmückung des Ganzen harmonisch 
einfügen. Die besten Möbel sind die, welche als Teil orga 
nisch zum Ganzen gehörend entworfen sind, 
3. Es sollte so viele Typen von Häusern geben, als es 
Typen von Menschen gibt, und so viele Differenzierungen 
dieser Typen, als es Individualitäten gibt. 
4. Ein Gebäude sollte aus seiner landschaftlichen Um 
gebung herauswachsen und mit ihr zusammenstimmen. Die 
Landschaft des mittleren Westens ist die Prärie. Deren 
ruhige Schönheit gilt es also in der Umrißlinie des Hauses 
anklingen zu lassen durch einfache Verhältnisse, langsam 
abfallende Dächer, vorhängende Überkragungen, niedrige 
Terrassen. 
5. Laß den Baustoff in seiner natürlichen Eigenart und 
Schönheit wirken. Also möglichst wenig Firnis und Beize. 
Jeder Bautoff zeige seine natürliche Struktur.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.