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Volume H. 6

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 11.1914 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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stens zum Teil ausnutzen oder will unter Umständen die 
Fünfzahl der Geschosse erhöhen. Was für Kämpfe dies mit 
den Baubehörden ergibt, weiß beinahe jeder Zeitungsleser; 
beispielsweise wurden diese Dinge vor einiger Zeit durch 
einen aufschlußreichen Aufsatz der „Vossischen Zeitung“ 
(No. 248 vom 16. Mai 1912, 5. Beilage): „Citybildung in 
Berlin“, gut beleuchtet. (Die „Werkstatt der Kunst“ hat in 
ihrem XI. Jahrgang die Angelegenheit des „fünften Stockes“ 
mehrfach behandelt und druckt in Heft 34, S. 466 die für 
sprechende Eingabe der Ältesten der Kaufmannschaft von 
Berlin an den Polizeipräsidenten ab.) 
Bei dieser Gelegenheit sei auch eines Bündels von Be 
sprechungen und Anregungen gedacht, das unter dem Titel 
„Im unpraktischen Zeitalter“ Willy Rath in der Zeitschrift 
„Daheim“ gebracht hat (XXXXVIII/33 vom 18, Mai 1912). 
Mehreres davon ist vom städtebaulichen Standpunkte be 
achtenswert. So kommt der Verfasser der oft erhobenen 
Forderung einer „Dreischichtung des städtischen Verkehres“ 
entgegen durch das Verlangen nach Fußgängerbrücken und 
Straßenunterführungen. Neu ist, soweit ich im Augenblick be 
urteilen kann, der Vorschlag einer systematisch wechselnden 
Verengerung und Verbreiterung des Fahrdammes, zumal für 
ein bequemeres Überschreiten der Straße und Warten an 
den Haltestellen der Straßenbahn, so daß sich eine Schlangen 
linie des Bürgersteigrandes ergeben würde, an Stelle der 
auch diesen bezwingenden „Begradigung“. 
Auch Zeitungsleser fangen an, sich mit solchen Dingen 
in einem Blatte selbst zu beschäftigen und teils die Unrast 
des städtischen Lebens zu merken, teils aber auch wieder 
mit neuer Unrast zu kommen. Sonderforscher mögen etwa 
Erörterungen nachlesen, wie sie z. B. in der „Neuen Freien 
Presse“ am 20. und 29. Dezember 1911 über Gassen und 
Straßen in Wien geführt worden sind. Man klagte dort 
über Mängel in der Verzeichnung der Straßennamen und 
Hausnummern, was allerdings auch für andere Städte ein 
nicht eben gleichgültiges Kapitel, und zwar ebenfalls eines 
aus dem großen Romane der städtischen Unrast bildet. So 
dann auch die merkwürdigen Tatsachen und Beschwerden 
in der Unterscheidung von „Straßen“ und „Gassen“! So 
zusagen alles will heute Straße sein; Gasse zu sein, schämt 
man sich. Und wo die Unterscheidung in der Hauptsache 
noch besteht, wo aber vielleicht in diesem oder jenem ver 
einzelten Falle die „Gasse“ nicht mehr ganz genau stimmt, 
dort ist auch rasch der Ruf nach Aufrückung des unglück 
lichen Stadtelementes da. Von dem fortwährend geschehen 
den und noch häufiger verlangten Umtaufen der Straßen und 
der Plätze unserer Städte, das in unser psychisches Ver 
gesellschaftungsgewebe immer wieder von neuem Unruhe 
hineinbringt, sei diesmal lieber gar nicht gesprochen! 
Und wie wir schon gesehen und gehört haben: Außen 
raum und Innenraum leiden in ähnlicher Weise. Es ist, 
als ob dort wie hier gewisse Vorschriften den Menschen 
nicht zur Ruhe kommen ließen, als ob man nach irgend 
einer Richtung doch immer versklavt sein müßte. „Du 
darfst dich nicht frei bewegen“, sagt man; d. h. man sagt 
es dadurch, daß man dem Menschen die Außenwände und 
die Innenwände möglichst regelrecht und inhaltlos gestaltet. 
Weh dem Tapezierer, der nicht zu den glatten, faltenlosen, 
schmalen Gardinen schwört! Der sich überhaupt noch mit 
Tapeten und Teppichen muckst, statt bloß mit Bespannung 
und Belag! Die Kunst darf kaum mehr etwas wagen, keinen 
Teppich, kein Ornament, am wenigsten ein Reliefornament. 
Eine totkalte Gemütlosigkeit zieht ein als eine neue „Ruhe 
des Kirchhofs“, und jedenfalls als ein der Gesundheitspflege 
widersprechender Faktor. 
Wo immer im Deutschen Reich noch eine nähere Teil 
nahme für städtisches Wohl besteht, dort leidet man mit 
unter den Geschehnissen auf dem Wiener Mlchaelerplatz 
mit dem ornamentlosen Hause von Adolf Loos, das jetzt 
durch Blumenschmuck u. dgl. notdürftig der Umgebung 
angepaßt werden soll. Man glaubt vielleicht, das „Los vom 
Ornament“ bringe Ruhe, „männliche Festigkeit“, oder wie 
das eben heißt, in das Stadtbild, während doch auf die 
Dauer nicht bald etwas mehr ermüden macht als An 
spannung um geringer Motive willen. 
Damit verbindet sich nun auch ein Zug der modernen 
Gesundheitspraxis zur Übertreibung, die ebenfalls manchmal 
pfennigweise und pfundtöricht Bazillen seiht und Nashörner 
verschluckt. Es gibt nicht bald etwas Ungesunderes, vor 
allem Unruhigeres als das wahnwitzige Losarbeiten auf 
peinlichste Reinmacherei allüberall, auf fortwährende Lüftung, 
auf Umbildung eines großen Teiles der menschlichen Ge 
wohnheiten zum Fanatismus der Salben und Wässer, und 
was das alles ist. 
So haben wir auch im Städtebau oder im Städtewesen 
überhaupt gewaltige Anstrengungen unserer Gesundheits 
ämter und sehen doch die grundlegensten Dinge versäumt. 
Beispielsweise kann man jegliche Verkehrskreuzung auf 
großstädtischen Flächen als eine Lebensgefahr betrachten, 
— Gehen wir aber einmal scheinbar etwas weit ab! 
Wenn wir an unseren Häusern in dummer Weise über 
flüssige und raumverzehrende Säulen oder Karyatiden oder 
dgl. angebracht sehen, so beschweren wir uns über das 
Unpraktische und Häßliche, das damit in das Stadtbild 
hineinkommt. Wenn ich aber auf der Straße bei den Vor 
übergehenden (einschließlich der spielenden Kinder) zahl 
reiche verkrümmte Gliedmaßen, unnatürlich enge Kleider 
und ganz besonders hohe, lächerlich schmale Schuhabsätze 
an weiblichen Füßen sehe, dann ist mir auch das eine 
technische und ästhetische Störung des Straßenbildes. Man 
soll und darf niemanden zwingen; aber manchmal ist es 
einem wirklich zumute, als müßte man die Leute auf der 
Straße einfangen und sie in eine hygienische oder ortho 
pädische Anstalt hineinstecken, wo ihnen vor allem einmal 
der gar zu krasse Unsinn vom Leibe gerissen wird. 
Aber die Sache geht doch auch im Ernst weiter. Das 
Städtewesen bedarf noch eines weit größeren Ausbaues der 
poliklinischen Hilfe. Namentlich auf orthopädischem und 
denüstischem Gebiet wird noch überaus viel zu tun sein. 
Wie viele Hunderttausende und selbst Millionen laufen 
geradezu als Krüppel herum; und kaum einer von uns, dem 
es nicht irgendwie an der Geradheit aller seiner Gliedmaßen 
und namentlich an der Vollzahl und Vollkommenheit seiner 
Zähne fehlt! Staat und Stadt könnten durch eine so weit 
ausgedehnte Volkspflege Millionengeschäfte machen. 
Eine solche Vermehrung öffentlicher Einrichtungen 
würde nun auch wiederum Gelegenheit zu sonderlich 
städtebaulichen Verdiensten geben. Das Pavillonsystem, 
das in den Krankenhausbau eingezogen ist, das den Museen 
bau belebt u. dgl. m., ist von Haus aus verwandt mit 
der Gartenpflege. Jedenfalls würde man in Gärten, die 
unter der Nähe eines Krankenhauses leiden, immer noch 
lieber lustwandeln, wenn man dafür die durchschnittliche 
Gesundheit und Schönheit der Stadtbevölkerung auf einer
	        
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