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Volume H. 12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 11.1914 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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DER BEBAUUNGSPLAN IN STADT UND LAND.*) 
Von THEODOR GOECKE, Berlin. 
Grundsätzlich unterscheidet sich der Bebauungsplan für 
eine Stadt nicht von einem solchen für ein Dorf, wenigstens 
nicht nach den gesetzlichen Bestimmungen Preußens — man 
kann deshalb auch vielleicht sagen, leider nicht. 
Das alte uns überlieferte Dorf, sei es eine niedersächsische 
oder fränkisch-thüringische Anlage, sei es ein Straßendorf 
oder ein Rundling, war nach einem feststehenden Plane 
angelegt, für den wir heute keine rechte Grundlage mehr 
haben. Wie das Bauernhaus unserer Zeit sich vielfache 
Umgestaltung hat gefallen lassen müssen, ist auch für die 
Dorfanlage der überlieferte Plan nicht ohne weiteres mehr 
verwendbar. Andererseits ist der Dorfplan aber auch kein 
Stadtplan, sondern muß aus den eigenartigen Bedürfnissen 
des ländlichen Lebens herauswachsen. 
Ebenso typisch war in alten Zeiten der Stadtplan. Die 
mittelalterliche Stadt war im wesentlichen eine geschlossene 
Wohnstadt; selbst in der Handelsstadt hielt man auf die 
Ausscheidung eines besonderen Speicherviertels. Durch 
gehender Verkehr war gering, Verkehr im modernen Sinne 
überhaupt nicht vorhanden — dafür lebte man selbst mehr 
auf der Straße, nach der die Arbeitsstätten geöffnet waren. 
Im Gegensätze zu der von Wällen und Mauern geschirmten, 
also scharf umgrenzten, ein geschlossenes Stadtbild bietenden 
mittelalterlichen Stadt, wie auch noch der neueren Festungs 
stadt, ist die moderne oft mit triebhafter Gewalt wachsende 
Großstadt ein offenes Gebilde von fast unbegrenzter Aus 
dehnungsfähigkeit, soweit ihr nicht natürliche Schranken 
gesetzt sind. Der Verkehr hat das bürgerlich-behäbige Leben 
des Mittelalters von der Straße verscheucht. An dessen Stelle 
ist das hastende Treiben der Großstadt getreten, die meist 
Wohn- und Industriestadt zu sein pflegt, in der Fabriken, 
Speicher und die Wohnungen der Menschen oft wie Kraut 
und Rüben durcheinander stehen. 
Das Stadtbild fließt heute auseinander. Denn die alten 
Städte haben sich bisher meist durch einfache Fortsetzung 
des Straßennetzes nach außen hin — unter Aufsaugung aller 
im Wege stehenden mehr oder weniger selbständigen 
städtischen und dörflichen Gemeinwesen, also ringförmig 
um den Stadtkern erweitert. Die konzentrische Stadt 
erweiterung bildet eine der stärksten Ursachen für die 
Zerstörung der Altstadt, da sie ohne Durchbrüche und damit 
Einbrüche in den überlieferten Bestand nicht durchführbar ist. 
Das Zerfließen des Stadtbildes zu verhüten ist im all 
gemeinen die Entwicklung nach dem Radial- oder auch 
nach dem Parallelsystem vorzuziehen, indem an den nach 
außen führenden Hauptstraßen neue Siedelungen als in sich 
wieder möglichst geschlossene Vorstädte, ländliche Vororte, 
Gartenstädte angesetzt werden. Eine kolonieweise Anbauung 
an den radial ausstrahlenden und möglichst weit hinaus 
zubauenden Landstraßen, nach den Eisenbahnhöfen, am 
Strom- und Seeufer hin, die Gründung gleichsam von Neu 
städten neben der Altstadt, Neustädten, die allen Anforde 
rungen der Zeit leichter und billiger zu genügen vermögen. 
*) Nach einem Vortrage im Bauberatungskursus des Jahres 1913 
in Berlin. 
Gesonderte Fabrikviertel, Arbeitervorstädte und Land 
haussiedelungen sind zu fordern. Damit wird auch die 
Möglichkeit zur Erhaltung vorhandener Niederlassungen, 
Dörfer, Guts- und Forstbezirke gegeben, die nun mit den neuen 
Siedelungen wieder Sammelpunkte für die fortschreitende 
Bebauung bilden, so daß diese sich nicht immer weiter 
gleichmäßig oder in gleichmäßiger Abstufung ausbreitet, 
sondern von Spitzen durchbrochen wird, die wie Neben 
sonnen die alte Stadt als Hauptsonne umkränzen und damit 
Ordnung in die Masse bringen. 
Solche neuen Mittelpunkte sind zur Sammlung der Be 
bauungsansätze, zur Bildung feslumrissener Stadtgruppen 
notwendig, um wieder zu einem charaktervollen Gesamt 
umrisse zu kommen. Andernfalls verwischt eine lose, über 
das Weichbild hin beliebig zerstreute Bebauung auch das 
alte Stadtbild. In den Zwischenräumen bleibt dann Platz 
genug für die Grünanlagen. 
In minderem Maße gilt dies für mittlere und kleinere 
Städte, ja selbst Dörfer, sobald sie eine industrielle Ent 
wicklung haben und deshalb zur Aufstellung von Bebauungs 
plänen treiben. Denn die Fälle, in denen ausschließlich aus 
gesundheitlichen Rücksichten Städte und Dörfer erweitert 
werden, sind verhältnismäßig seltene. Eher schon aus wirt 
schaftlichen Gründen, wie in Bergbaugebieten, wo auch 
zuweilen ganze Dörfer auffliegen, oder wie an Verkehrs 
knotenpunkten, wo ganz neue Städte entstehen. 
Bedarf eine kleine Stadt oder ein Dorf einer Erweiterung, 
so sollte eine neue Verkehrsstraße möglichst an dem ge 
schlossenen Orte vorbei- und nicht hindurchführend an 
gelegt werden, also tangential zum Ortsplan, damit nicht 
der alte Ort vernichtet oder der Bodenpreis ungebührlich in 
die Höhe getrieben wird. Sollte indessen zugleich der Ort 
„saniert“ werden, so wird man sich überlegen müssen, wie 
weit man mit der Erweiterung gehen kann, ohne die alt 
eingesessenen Bürger zu schädigen. 
Bevor man an die Erweiterung der Stadt, an die Er 
schließung neuen Baugeländes herantritt, wird man sich die 
Frage vorzulegen haben, für wen sollen Wohnungen ge 
schaffen werden, für den Arbeiter oder den wohlhabenden 
Mann, für den Beamten oder den Gewerbtreibenden, denn 
das Wohnbedürfnis, die Größe der Wohnung und damit 
die Anlage des Hauses, der Höfe usw. sind eben verschieden 
je nach der Lebenslage. Ebenso wichtig ist es, die Be 
schäftigungsarten der Bevölkerung festzustellen, welche 
davon auf Hausgewerbe, welche auf Fabrik- und Speicher 
betriebe entfallen, denn letztere erfordern größere, am besten 
zusammenhängende Bauflächen in der Nähe der Eisenbahnen 
und Wasserläufe, erstere immerhin größere Hofräume und 
auch Hintergebäude für Stallungen, Werkstätten und Lager 
räume. Bevor die Straßen festgelegt werden, muß man 
sich also über die Größe und Form des Baublocks klar 
sein. Die Aufteilung des Bodens, die Gestaltung der Bau 
blöcke ist das Grundlegende im Städtebau; die Einteilung 
der Straßen, der Ausbau des Straßennetzes das erst daraus 
folgende. Weiter sind die voraussichtlichen Verkehrs 
ansprüche der Fuhrwerke und Fußgänger zu ermitteln zur
	        
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