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Volume H. 3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 11.1914 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Die bisherigen Erörterungen beschränken sich auf die 
sogenannten vorhandenen Straßen. Die Unternehmerstraße 
muß natürlich besonders behandelt werden. 
Auch hier ergibt sich aus dem leitenden Grundgedanken 
der Verteilung der Lasten nach den Vorteilen in einfacher 
Weise die Forderung, daß der Unternehmer auf seine Kosten 
die Straße zu schaffen und in einen Zustand zu bringen hat, 
daß sie den einfachsten Anforderungen an vorhandene Straßen 
genügt, die u. U. ortsstatutarisch festzustellen wären. Dann 
tritt sie in die Reihe der vorhandenen Straßen und unter 
liegt deren Beitragspflicht. Heute werden die Straßen 
baubedingungen bei Unternehmerstraßen durch Straßen 
bauverträge geregelt, die an Buntscheckigkeit nichts zu 
wünschen übrig lassen. Einige Schwierigkeit bietet der Fall, 
wenn die Durchführung einer Straße im öffentlichen Inter 
esse gegen den Willen der Grundbesitzer notwendig wird. 
Wie sollen da die Kosten des Grunderwerbs und des ersten 
Ausbaues, also die Kosten der Herstellung der vorhandenen 
Straße eingezogen werden? Es wird sich da meist um Ver 
kehrsstraßen handeln, bei denen ein Teil der Kosten wohl 
immer im öffentlichen Interesse aufgewendet wird, der des 
halb auch von der Gemeinde zu tragen ist. Den Rest auf 
die Anlieger abzuwälzen, wird immer erwünscht und zum 
Ausgleich der Grunderwerbskosten erforderlich sein. Das 
ist schon heute auf Grund des Kommunalabgabengesetzes 
möglich. Das Verfahren ist allerdings recht umständlich; 
es dürfte aber nicht allzu schwierig sein, hier ergänzende, 
vielleicht auch neues Recht schaffende Bestimmungen zu 
treffen. 
Das ganze Umlegungsverfahren würde sich also folgender 
maßen darstellen. Die Kosten des ersten Ausbaues, also die 
Herstellung der vorhandenen Straße sind von den Anliegern 
sofort zu zahlen, bei der Unternehmerstraße vollständig, bei 
der im öffentlichen Interesse anzulegenden Straße im Rahmen 
ihres Interesses. Als Verteilungsmaßstab gilt der Wert der 
anliegenden Grundstücke. Alle anderen Kosten, die durch 
den Ausbau der vorhandenen Straßen entstehen, werden von 
Zeit zu Zeit auf den gesamten bebauten und anbaufähigen 
Grundbesitz nach Maßgabe seines Wertes verteilt und er 
hoben. Es unterliegt keinem Zweifel, daß ein so aufgebautes 
Umlageverfahren eine große Vereinfachung und, was be 
sonders bedeutsam ist, eine große Erleichterung des Anbaues 
bedeutet. Der Grundbesitzer kann sich die Kosten des Auf 
schlusses leicht berechnen, diese Kosten gehen nicht über 
den Rahmen des zurzeit notwendigen hinaus, der Bauende 
wird nicht belastet, und das ganze Verfahren ist durch die 
Loslösung von dem Bauzeitpunkte für die Verwaltung denk 
bar einfach und übersichtlich. 
Die heute herrschenden gesetzlichen Bestimmungen gehen 
in ihren Grundlagen aus von der Konstruktion einer radial 
abgeschnürt sich ausdehnenden Stadt, bei der man von der 
gepflasterten Straße hinaustritt auf den Acker; hier mögen 
sie berechtigt sein. Man ist in letzter Zeit aber auch bei 
den Städten bestrebt, zu einer freieren Siedlungsform über 
zugehen, zu einer Form, bei der die vorhandene Straße 
immer mehr in den Vordergrund tritt. 
Die freie oder freiere Ansiedlung erfordert möglichste 
Erleichterung des Anbaues. Bei ihr würde sich das herr 
schende Verfahren, das heute schon Mißstimmigkeiten 
genug zeitigt, zur Unnatur verzerren. Deshalb ist eine Ab 
änderung des Verfahrens dringend erforderlich. 
Es befremdet, daß der Entwurf des Wohnungsgesetzes 
vom 25. Januar 1913 zu dem so zutage liegenden Problem 
keine Stellung nimmt. Im allgemeinen strebt er ja durch 
Artikel I die freiere Siedlung an und sucht den Anbau nach 
Möglichkeit zu erleichtern. Der Entwurf beschränkt sogar, 
um diesen Zweck zu erreichen, das Bauverbot der Gemeinden 
und nimmt ihnen dadurch eine der wichtigsten Handhaben 
für das jetzige Umlegungsverfahren, ohne einem neuen Ver 
fahren den Weg zu öffnen. 
Es ist nicht zu verkennen, daß die gesetzmäßige Behand 
lung des Problems nicht ganz leicht ist. Trotzdem dürfte 
man bei der wirtschaftlichen Bedeutung der Sache und bei 
ihrem engen Zusammenhang mit der Frage der freieren 
Siedlung und der herrschenden Realkreditnot meines Er 
achtens vor einem Versuch derLösung nicht zurückschrecken, 
selbst dann nicht, wenn diese eine völlige Aufhebung des 
Fluchtliniengesetzes von 1875 und eine Hineinarbeitung der 
gesamten Bestimmungen in das neue Wohnungsgesetz be 
deuten würde. 
ZUR GARTENSTADTBEWEGUNG. 
EINE KURZE ERWIDERUNG AUF DIE AUSFÜHRUNGEN DES HERRN DIPL.-ING. WEHL 
IN HEFT 12, DEZEMBER 1913, DIESER ZEITSCHRIFT. 
Von Dipl.-Ing. ALTHOFF. 
Herr Dipl.-Ing. Wehl veröffentlicht in Heft 12, 1913, 
zwölf Leitsätze, die sich mit dem Mietshaus und dem Klein 
haus befassen. Herr Wehl bittet um Widerlegung. Meines 
Erachtens wird einem das nicht allzu schwer gemacht, denn 
die Leitsätze enthalten eine Reihe von inneren Widersprüchen 
und gehen vielfach von ganz falschen Voraussetzungen aus. 
Zu den einzelnen Punkten ist folgendes zu bemerken. 
Zu 1. Der Bodenpreis von 70 bis 100 Mk. für 1 qm 
geregelten Baulandes soll als richtig vorausgesetzt werden, 
und für die weiteren Besprechungen mit 85 Mk. im Mittel 
gerechnet werden. 
Zu 2. Die Behauptung, daß der Hauptanteil von diesem 
Bodenpreise auf die Regelungskosten entfalle, kann nur in 
den allerseltensten Fällen zutreffen. Rechnen wir ganz un 
günstig, daß von dem Rohland Va zu Straßen und Plätzen 
abgetreten werden muß, und daß die Straßenbaukosten das 
Bauland mit 8 Mk. für das Quadratmeter belasten, so bleibt als 
Einheitspreis für das Quadratmeter Rohland immer noch 
85 - 2 / 3 — 8 — rd. 50 Mk. 
übrig, also immer noch weit über die Hälfte. 
Daß die Bodengesellschaften in der letzten Zeit mit 
weniger großem Gewinn arbeiten, ist allerdings richtig; aber 
wir fragen mit Recht, wer hat den Gewinn zwischen dem 
landwirtschaftlichen Werte und dem jetzigen Baulandwert 
eingesteckt? Die Preissteigerung von l auf 50 Mk. läßt sich 
doch nicht wegleugnen.
	        
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