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Volume H. 3

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 11.1914 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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und oben zu einer Stützeinheit bockartig verbunden 
werden. Die hierbei zur Verwendung kommenden Binde 
mittel (Taue, Kokosstricke, Patentbaumbänder usw.) dürfen 
aber nur so fest angezogen werden, daß sie einem etwaigem 
Sinken des Baumes auf dem neuen Standplatze nachgeben 
können, um das „Aufhängen“ des Baumes zu verhüten; auch 
müssen die Pfähle so weit vom Baume abstehen, daß sie 
keine Druck- und Scheuerstellen an Ast und Rinde verur 
sachen. Zur Sicherung ihrer Haltbarkeit sollen die Pfahle 
in noch frischem Zustande vorher mit Kupfervitriol oder 
Karbolineum getränkt oder geteert bzw. gebrannt sein und 
moglichstaus widerstandsfähigem Kiefern-, Fichten-,Lärchen 
oder Eschenholz bestehen, — 
Was dann die eigentlichen Verpflanzungsarbeiten und 
ihre praktische Ausführungsform anbetrifft, so sind hierbei 
vorwiegend zwei Praktiken gebräuchlich, und zwar die 
Verpflanzung mit oder ohne Erdbällen. Die letztere ist die 
am häufigsten angewandte Methode, da sie fast zu jeder 
frostfreien Jahreszeit und mit ziemlich einfachen und wenigen 
Hilfsmitteln möglich ist, wogegen die erstere nur bei Frost 
wetter und auch dann nur gefahrlos vorgenommen werden 
kann, wenn der Ballen hierfür wenigstens ein Jahr vorher 
entsprechend vorbereitet worden ist. Dies geschieht in der 
Weise, daß man rings um den zu verpflanzenden Baum 
während der laublosen Zeit einen seiner Größe entsprechenden, 
rd. 30 cm breiten und etwa 120 cm tiefen Graben auswirft, 
die hierin vorhandenen Wurzeln mittels Spatens oder Säge 
beseitigt und den Graben wieder mit lockerer, humusreicher 
Garten- oder leichter Komposterde anfüllt, damit sich an 
den Wurzelschnittstellen recht viele Saugwurzeln bilden und 
das Wurzelwerk sich überhaupt innerhalb des abge 
stochenen Ballens verdichtet, wodurch nicht nur ein besseres 
Zusammenhalten des Ballens, sondern auch das spätere An 
wachsen des Baumes ganz erheblich gefördert wird. Im 
Herbste der beabsichtigten Verpflanzung wird bei Eintritt 
stärkeren Frostes der Graben wieder ausgeworfen und der 
Ballen in der entsprechenden Größe auch von unten her 
freigegraben, so daß er ordentlich durchfrieren kann. Seine 
Fortbewegung erfordert die Benutzung eines mit breiten 
Rädern versehenen, standfest gebauten niedrigen Wagens, 
der auf unterlegten Bohlen und in solcher Vertiefung gegen den 
Baum geschoben wird, daß der Wurzelballen durch Umlegen 
des Stammes paßrecht, mit der Krone nach hinten, auf ihn zu 
liegen kommt. Ein anderes Verfahren ist, den Wurzelballen 
mit einem kistenartigen Bretterverschläge zu umgeben, um 
das sichere Zusammenhalten des Ballens zu erzwingen. An 
Stelle eines Wagens können auch über Rundhölzer gelegte 
und hierüber rollbare Bohlen als Beförderungsmittel dienen, 
wobei jedoch zu beachten ist, daß die Rundhölzer immer 
rechtzeitig vorweg gelegt werden und nicht unter der 
Last herausrollen, wodurch diese natürlich unbewegbar 
wird. Zur Fortbewegung der schweren Last sind immer 
eine größere Anzahl handfester Leute und in der Regel auch 
Pferdekräfte erforderlich. — Wesentlich einfacher gestaltet 
sich die Verpflanzung ohne Frost-oder Erdbällen, weil hierbei 
die fortzubewegende Last wesentlich geringer ist. Nachdem 
hier der Baum mit seinem Wurzelwerk durch vorsichtiges 
Abgraben von allen Seiten und auch von unten her freigelegt 
ist, wird das mit Stroh oder alten Decken belegte Hinterteil 
eines gewöhnlichen Last- oder Ackerwagens, besser aber 
noch ein besonders für diese Zwecke konstruierter, mit einem 
bockartigen Gestelle und lenkbarem Leitrade, starkem Be 
festigungshaken usw. ausgerüsteter Verpflanzungswagen, 
in einer vorher geschaffenen, schräganlaufenden Vertiefung 
so gegen den Baum aufgerichtet, daß er nach Befestigung 
durch Zurückbiegen der Wagenzunge mit dem Wurzelballen 
genau auf den Wagen zu liegen kommt. Mit nach hinten 
gerichteter und lose zusammengebundener Krone wird der 
Baum dann auf seinen neuen Standplatz gefahren und hier 
durch Aufrichten des Wagens vorsichtig in die vorher 
nach Breite und Tiefe genau vorgerichtete Pflanzgrube 
gesenkt, wobei der etwaigen Gefahr des Umschlagens durch 
in der Krone befestigte und von handfesten Männern ge 
haltene Taue begegnet wird. Wenn bei Höher- oder Tiefer 
legung von Straßen, wie dies in dem letzten Jahrzehnt 
infolge Ausdehnung städtischer Weichbilder und damit 
zusammenhängender Sanierungsarbeiten recht häufig der Fall 
ist, die Verpflanzung ganzer Alleen notwendig wird, ergibt 
sich in der Regel eine sehr einfache Ausfuhrungsmöglichkeit, 
da hierbei die Bäume nur entsprechend der neuen Höhen 
lage der Straße entweder höher oder tiefer zu setzen sind. 
Dies geschieht in der Weise, daß man den zu verpflanzenden 
Baum an einem Flaschenzug, der an einem neben ihm auf 
gestellten Gerüste angebracht ist, festmacht und ihn dann 
völlig freigräbt. Je nach Erfordernis wird er dann mittels 
des Flaschenzuges auf seine neue Pflanzhöhe gehoben oder 
gesenkt, die natürlich vorher genau festgestellt und durch 
Erhöhen oder Vertiefen vorgerichtet sein muß. — Dem Grunde 
nach sind die angegebenen Verpflanzungsweisen auch bei 
Nadelholzbäumen anwendbar, jedoch mit der Einschränkung, 
daß diese nur mit Ballen verpflanzbar sind und in so 
großen Exemplaren, wie Laubhölzer dies vertragen, über 
haupt nicht mehr ihren Standplatz ohne Gefahr ändern 
können und nur selten weiterwachsen. Auch ist Bedingung, 
daß alle verpflanzten größeren Nadelhölzer täglich mit dem 
Schlauche abgesprizt werden, damit ihre harzigen Zellen- 
und Triebspitzen immer feucht und arbeitsfähig erhalten 
bleiben. Insbesondere gilt dies von den grob- und sperr 
wurzeligen und in der Regel nur wenig ballenhaltenden 
Pinus-, Picea- und Abies-Arten, weniger von den fein 
wurzeligen und hiermit einen festen Ballen bildenden Arten 
und Formen der Thuya, Chamaecyparis und Taxus. 
DIE UMLEGUNG DER STRASSENBAÜKOSTEN 
NACH DEM FLUCHTLINIENGESETZ. 
Von Dr. STREHLOW, Oberhausen (Rhld.). 
ln Heft 12 des zehnten Jahrganges dieser Zeitschrift 
vom 1. Dezember 1913 bringt Herr Professor Nußbaum in 
Hannover einen Vorschlag, die Straßenbaukosten nicht wie 
bisher nach der Frontlänge, sondern nach dem Werte der 
Grundstücke auf die Anlieger zu verteilen. Die Bedeutung 
der so angeschnittenen Frage läßt es wohl berechtigt er
	        
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