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Volume H. 12

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 11.1914 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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wegungsfreiheit beschränkt sich — abgesehen vom Land 
hausbau, der ja wie gesagt eigentlich nicht in das Gebiet 
der städtebaulichen Raumkunst fällt — auf die schmückenden 
Einzelheiten, das architektonische Beiwerk, in dem sich das 
Architektentum der jüngstenVergangenheit bis zum wüstesten 
Jugendstil und bis zurVerachtung aller Schmuckformen gründ 
lich ausgelebt hat, dafür aber jetzt um so schmerzlicher die 
Fesseln des polizeilichen StafFelschematismus im Städtebau 
empfindet. Mit der ganzen Kraft jugendlicher Begeisterung 
hat sich daher die Architektenschaft auf die Lösung der 
künstlerischen Städtebauaufgaben geworfen, die aber auch 
bei weitestgehender Wahlfreiheit in dem Schema der Bau 
staffeln keine Aussicht auf Befriedigung gewährt. 
Die Vorsprünge von Wandpfeilern, Risaliten, Säulen, 
Tür- und Fenstergestellen, Sockeln, Gesimsen und ähnlichen 
Vorsprüngen sind in der neuen Bauordnung von Mannheim 
je nach Bürgersteigbreite von 1,50 bis 3,50 tn mit 10 bis 30 cm 
geregelt. Für Baikone und Erker, einschließlich deren Ge 
simse, ist der Vorsprung bis zu 10 m Straßenbreite auf 70 cm 
beschränkt, über diese Sträßenbreite hinaus auf ein Zehntel 
derselben zulässig. Die Gesamtlänge der Vorbauten ist nach 
einem ähnlichen Schema geregelt, nämlich in Straßen bis 
zu 15 m Breite bis zu Vs in breiteren Straßen jedoch nicht 
über die Hälfte der Straßenseite. Bemerkenswert sind dabei 
folgende Bestimmungen § 16: 
„An Eckgebäuden und an Häusern, die Straßenzielpunkte 
bilden, sowie an Gebäuden und Straßen, deren Breite das 
Maß der größten zulässigen Gebäudehöhe überschreitet, kann 
das Bezirksamt bei künstlerischer Ausgestaltung der An 
sichten gestatten, daß die Gesamtfläche der für sämtliche 
Geschosse zulässigen Vorbauten auf einzelne Obergeschosse 
verteilt wird.“ (Warum nicht allgemein?) 
„2. Vorbauten können nach näherer Anordnung des Be 
zirksamtes eine größere Länge und eine größere Ausladung 
erhalten, wenn das Gebäude den Bestimmungen des § 6 
Ziffer 2 entsprechend hinter die vorgeschriebene Fluchtlinie 
zurücktritt.“ 
„Fallen nach dem Ortsstraßenplan Straßen- und Bau 
flucht bei Straßen ohne Vorgärten nicht zusammen, so können 
gleichfalls größere Ausladungen zugelassen werden.“ 
In seiner Abhandlung*) über das Bauordnungswesen der 
Stadt Mannheim gibt Herr Stadtbauinspektor Ehlgötz, Mann 
heim, selbst seinen Bedenken Ausdruck, in welcher Richtung 
sich die Bestimmungen über Dachaufbauten, Vorsprünge, 
Erker, Baikone usw. hätten bewegen müssen und begründet 
dies in sehr verständnisvoller Weise mit den Worten, „denn, 
wenn die diesbezüglichen Vorschriften auf das Einzelhaus statt 
wie notwendig auf die Baufluchtfront gestimmt sind, so erhält 
eben jedes Haus über dem Hauptgesims noch den vorschrifts 
mäßigen Krüppelaufsatz, und die Bebauung der Straßen wirkt 
durch den inderBauordnungliegendenSchematismus unschön. 
Die Anlage von Erkern ist außerdem ein beliebtes Mittel zur 
Ausnutzung des Grund und Bodens: ist der Erker durch die 
Bauordnung auf ein bestimmtes Maß beschränkt, so erhält 
jedes Haus in der Straße den vorschriftsmäßigen Erker vom 
Obergeschoß bis zum Dachgeschoß, die Straße wird dann 
durch die Erker nicht verschönert, sondern verunstaltet“. 
Aus diesem Bekenntnis geht hervor, wie sehr demSchöpfer 
der Bauordnung selbst die baukünstierischen Schwierigkeiten 
*) Baupolizeiliche Mitteilungen, XI. Jahrgang, Heft 5 vom 10. Mai 1914, 
die dem Verfasser erst nachträglich zur Kenntnis gelangt sind und daher 
nicht entsprechend berücksichtigt werden konnten. 
bewußt sind undwelchesMaßvonWohlwollenfür den einzelnen 
Künstler in der Anwendung derBestimmungen erforderlich ist. 
Ungewöhnlich ist auch die Bestimmung des § 14 Ziffer 4, 
die besagt: „Im Gebiet der offenen Bauweise kann auf Antrag 
sämtlicher Eigentümer eines Baublocks oder einzelner Straßen 
züge gestattet werden, den seitlichen Zwischenraum bis zur 
Höhe der Fensterbrüstung des ersten Obergeschosses gemein 
sam mit dem Nachbargrundstück in einer Qesamttiefe von 6 m 
zu bebauen, wenn unter Wahrung architektonischer Einheit 
die Bauten gleichzeitig errichtet werden.“ Ob die dazu nötige 
unbebaute Fläche dazu vorhanden sein muß, ist nicht gesagt. 
Ebensowenig ist aus der Baupolizeiordnung die Bestimmung 
ohne weiteres erkennbar, daß sie nur dann Anwendung findet, 
wenn die Bebauung eines Baublocks oder einzelner Straßen 
züge in dieser Form durch Baulast sicher gestellt ist. 
§ 24 Ziffer 1 verlangt bedenklicherweise im Gebiet der 
geschlossenen Bauweise den unmittelbaren Anbau an die 
seitliche Nachbargrenze, gibt allerdings unter Ziffer 2 Aus 
nahmen zu, aber nur bei „Unterbrechungen von mindestens 
6 m Breite“. Und nur „nach Anhörung des Stadtrats“. Dabei 
hätte verlangt werden können, daß auf entsprechende Tiefe 
von der Bauflucht abgerechnet ausreichend unbebaubare 
Fläche freigelassen werden muß, um die zukünftige Bebau 
barkeit zu sichern. (Vgl. S. 8.) 
Die Bestimmung des §27 Ziffer 11: „Wird von einem 
Baublock ein bestimmter Teil, und zwar mindestens 5% 
seiner Fläche innerhalb des Blocks zu einem Innenpark, 
Wohnhof oder Spielplatz angelegt, so darf jedes Grundstück 
dieses Baublocks um5°/o seiner anrechnungsfähigen Fläche 
über das sonst zulässige Maß hinaus bebaut werden. 
Das gleiche gilt, wenn in einem Baublock oder an einer 
Blockseite Arkaden vorgeschrieben sind für die betreffenden 
Baugrundstücke,“ begünstigt die spekulativen Aufteilungs 
unternehmer, da offenbar eine gemeinsame Anlage innerhalb 
eines Baublocks gemeint ist, die vor Beginn der Bebauung 
des einzelnen Grundstücks gesichert werden muß, es sei 
denn, daß diese Innenanlage bzw. die Arkaden, mit denen 
offenbar nicht überbaute Lauben gemeint sind, in dem Be 
bauungsplan schon vorgesehen sind. 
Auch für Arkaden, wo solche vorgeschrieben sind, gilt die 
Bestimmung, daß solche Grundstücke um das Flächenmaß der 
Arkaden über das zulässigeMaß hinaus bebaut werden dürfen. 
In Fällen, in denen „Höhere Anforderungen an die archi 
tektonische Ausgestaltung“ gestellt werden bzw. wo durch 
die beabsichtigte Bauart „Straßen oder Plätze oder das Orts 
bild verunstaltet würden“ oder wo ein einzelnes Baudenkmal 
oder der Eindruck „des Gesamtbildes beeinträchtigt würde“, 
ist zur „Begutachtung der Bauvorhaben“ „der Stadtrat und 
die zu diesem Zweck bei dem Bezirksamt gebildete Sach 
verständigenkommission (Kunstkommission) zu hören“. 
Alle diese Neuerungen zeigen unverkennbar die Unzu 
länglichkeit der polizeilichen Bauverwaltungspraxis im Kampf 
gegen die Spekulation und im gutgemeinten Wohlwollen für 
die Kunst und den Weg, den die Baurechtspflege einschlagen 
will und muß, um zu einem gesetzlich geordneten Städtebau 
zu kommen und beweisen die schwankende, vom Gutachten 
abhängige Unsicherheit des Baupolizeirechtes, dem die unbe 
dingt notwendige einheitliche deutsche Rechtsgrundlage fehlt. 
Mit dem Bau neuer Eisenbahnen und Wasserstraßen, 
der weitgehenden Eingemeindungspraxis zur Vermeidung 
von Zweckverbänden und dem Aufschwung der äußeren und 
inneren Kolonisation rechtfertigt sich auch heute noch der
	        
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