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Volume H. 10/11

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 11.1914 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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die Entstehung solcher Anlagen und ihre Entwicklung in 
allgemeinen Zügen kenntlich werden, so sichtbar haben 
Land, Leute und geschichtliche Ereignisse ihre Berück 
sichtigung gefunden. Im Osten lagen nun die Verhältnisse so, 
daß für Städtegründungen meist Ebenen bevorzugt wurden; 
außerdem bestand wohl immer die Notwendigkeit, in mög 
lichst kurzer Frist dieSiedelung den zugewandertenDeutschen 
zur Verfügung zu stellen. Was lag daher näher, als regel 
mäßige Anlagen zu schaffen, da Geländeschwierigkeiten 
nicht zu überwinden waren und die rechteckig geschnittenen 
Baublöcke die bequemsten Grundstücke ergaben? Mehrere 
inmitten des Ortes liegende Baublöcke blieben unbebaut 
und bildeten den Marktplatz, auf dem, allseitig frei stehend, 
das Rathaus errichtet wurde. Man muß es für höchst be 
wundernswert halten, wie die Deutschen dieser Zeit ohne 
Zaudern die Folgerungen aus den neuen Bedingungen zu 
ziehen verstanden. Der alten erdentwachsenen Stadtanlagen, 
aus denen die Siedler kamen, des anheimelnden Gewirrs 
von Straßen und Gassen, das ihnen sicher vertraut ge 
worden war, scheinen sie kaum noch gedacht zu haben, 
so sehr sagte ihnen ihr richtiges Gefühl und praktische 
Begabung, daß hier unter den neuen Verhältnissen die ihnen 
bisher geläufige Art der Stadtwerdung nicht am Platze war. 
Und so sind denn die deutschen Siedelungen In der Ostmark 
entstanden, als regelmäßige Anlagen mit rechtwinkligen 
Plätzen und meist geraden Straßen, nur in geringfügigenTeilen 
ihrer Anlage an das verlassene väterliche Erbe erinnernd. 
In dem erwähnten Wettbewerb lagen nun die Verhält 
nisse durchaus ähnlich; auf einer ebenen Fläche sollte durch 
den Zwang wirtschaftlicher Notwendigkeit auf einmal eine 
Marktplatzanlage erstehen, es war daher fast selbstver 
ständlich, es auch ähnlich zu machen. Jedes nach Willkür 
aussehende, romantisch anklingende Element hatte dabei 
zum Vorteil einer klar und übersichtlich sich gestaltenden 
Anlage auszuscheiden. Eine Schwierigkeit war allerdings 
zu überwinden, die darin lag, die Geschlossenheit des Platzes 
nicht nur zu wahren, sondern sie auch in einwandfreie 
Verbindung mit der offenen Bauweise der Gartenstadt zu 
bringen. Ließ es sich einerseits nicht ermöglichen, den 
Platz von 9000 qm Grundfläche mit den verlangten Gebäuden 
geschlossen zu umstellen, so konnte der intime Charakter 
des Platzes darunter leiden; wurde andererseits der Platz 
dicht umstellt, lief man Gefahr, ein zu massiges Gefüge im 
Innern der Gärten zu entwickeln. Diese Schwierigkeit ist 
dadurch beseitigt worden, daß der Platz eine Form erhielt, 
die durch das Gemeindehaus in zwei ungleiche Teile zer 
legt werden konnte, Damit wurde erstmalig erreicht, daß 
die allzu geräumige Fläche des Gesamtplatzes den niedrigen 
Bauten nicht mehr gefährlich werden konnte; dann aber 
ließ sich der kleinere Teil, der den geschäftlichen Mittel 
punkt des Ortes bilden sollte, geschlossen umbauen, während 
der größere Teil einen guten Übergang in die lockere Bau 
weise der Ansiedelung abzugeben versprach. 
An dem kleineren Platzteil liegen die Reihenhäuser mit 
den Läden; vier Stück davon — eine Seile bildend — sind 
ausgebaut gedacht, während die gegenüberliegenden Häuser 
noch in beiden Geschossen Wohnungen enthalten. Den 
Häusern sind Laubengänge vorgelagert worden, eine im 
Osten öfter anzutreffende Ausstattung der Plätze. Obwohl 
bei solchen Anlagen zweifellos mit einer Verdunkelung der 
Ladenräumlichkeiten gerechnet werden muß, wurde dieser 
eine nachteilig wirkende Grund nicht für so schwerwiegend 
erachtet, um dieses der Überlieferung entsprechende, archi 
tektonisch außerordentlich wirksame Motiv auszuschalten, 
da die Verdunkelung bei den vier Eckhäusern durch Seiten 
belichtung der Läden aufgehoben und bei den Mittelhäusern 
durch lichtdurchlässige Abdeckung des Ganges gemildert 
werden kann. Dagegen vermögen sich die Gänge zur öffent 
lichen Ausstellung von Waren sehr brauchbar , zu erweisen, 
während die durchlaufende Terrassenanlage durch Blumen 
schmuck das ihrige dazu beitragen wird, den Charakter der 
Gartenstadt auch in die Geschlossenheit dieses Platzes zu 
bringen. 
An dem größeren Teil des Platzes fanden die Bäckerei 
mit Sommergarten, das Gasthaus, die Schule und ein Post 
amt Unterkunft. Am Biergarten des Gasthauses konnte das 
Laubenmotiv wieder praktische Verwendung bei den be 
deckten Hallen für den Aufenthalt im Freien finden. 
Die Architektur hält sich programmäßig in schlichten 
Formen. 
VOM SCHNITT DER BAUME UND STRAUCHER 
IN LANDSCHAFTLICHEN GARTENANLAGEN. 
Von EMIL GIENAPP, Hamburg. 
Als grundwertige Voraussetzung für das naturwahre und 
organisch gesunde Wachstum aller Bäume und Sträucher 
ist ein fachgemäßer, sowie zeitlich richtig angewandter und 
technisch zweckdienlich durchgeführter Schnitt unerläßlich, 
soll eine normale Lebensdauer und während dieser 
Zeit der typische, natürliche Wachstumscharakter 
erreicht werden. Diesem untrennbaren Umstande zur Er 
zielung und Erhaltung naturwahrer Baumschönheit wird 
aber leider nicht immer die Beachtung zuteil, wie eine 
solche im Sinne der landschaftlichen Gartenkunst und 
naturschönen Gartengestaltung unbedingt erforderlich ist, 
will man das städtische Straßenbild landschaftlich wirkungs 
voll und künstlerisch dekorativ gestalten und augenfällig 
herausbringen. Denn nicht nur das beruflich und künst 
lerisch geschulte, sondern auch das weniger verwöhnte 
Auge des naturwandernden Landschaftsfreundes wird beim 
Anblicke unschöner und naturwidrig geformter Laubholz 
bäume und -sträucher ebenso verletzt, wie das ganze land 
schaftliche Städtebild in seiner Schönheitswirkung mehr 
oder weniger darunter zu leiden hat, da dieses vor allem 
von der Gestaltungsgliederung und Unterhaltungspflege seiner 
gärtnerischen Pflanzungen abhängig ist. Nebensächlich 
bleibt dabei der Umstand, ob hierbei einfache Laubholz 
gruppen, landschaftliche Einrelbäume oder der Zahl nach be 
stimmte oder zwang- und zahllos angeordnete Gesellschafts 
gruppierungen eih und derselben Laubholzart in Frage
	        
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