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Volume H. 9

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 11.1914 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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vielfach verwandt auch Lehrmann und Walter — halten 
sich in der Nähe jener neueren reichsdeutschen Bauweise in 
ihrer südlichen Spielart, die ihre Grundgedanken aus dem 
adeligen Landhause der nachbarocken Zelt geschöpft hat: 
behäbige Glieder von besonderen Höhen, die breiten, hoch 
geführten Dächer in vielfachen Verschneidungen, der seit 
lich eingesetzte Turm mit stumpfem Ende, die Verlegung 
der Hauptfront in die Schmalseite und die Entfaltung der 
reichsten Gliederung an einer asymmetrisch gebildeten 
Längsflanke. Bedenken erregen muß, daß diese wichtigste 
Schauseite gerade am Verkehrswege gelegen ist und die 
beschauliche Fülle des Bildes hier leicht verkehrt und zer 
stört werden kann durch das vorbeiströmende Leben des 
Tagewerkes. Gleichwohl mutet das zur Ausführung be 
stimmte Haus durch sein residenzliches Gepräge an — 
allerdings eher Salzburg als Wien — und gibt mit schöner 
Zurückhaltung den historischen Zweck des Baues zu er 
kennen. 
Auch in der Gestaltung des Innenraumes steht Otto 
Wagner völlig für sich. . Sein Haus ist das einzige, das 
von innen nach außen gebaut ist, alle anderen haben den 
entgegengesetzten Weg gewählt. Wagners Museum ver 
bindet das Korridor- mit dem Hallensystem und sieht nach 
der Tiefe eine Erweiterung vor, die den Vordertrakt wieder 
holt und zwei Höfe einschließt. Die Einzelräume lassen 
bei einfacher, zweckmäßig würdiger Ausstattung dem aus 
gestellten Gegenstände seine ungestörte Geltung. Bei Hoff 
mann u. Tranquillini entwickeln sich von der zentral 
gelegenen Vorhalle am Haupteingange aus drei hofum 
schließende Trakte. Gefällige Besonderheiten, ein gedeckter 
und ein offener Arkadenhof, der letztere mit der alten, hier 
her übertragenen Nußdorfer Linienkapelle als Eckbau und 
altertümlichen Grabsteinen des Schmelzer Friedhofes im 
Innern, namentlich aber der Einbau eines altwienerischen 
Renaissancehofes (des Grabenhofes) — die anmutige Ver 
bindung von historischen Räumen und antiquarischen Samm 
lungen erklärt zum Teil den volkstümlichen Erfolg des Ent 
wurfes bei den entscheidenden bürgerlichen Körperschaften. 
In den ersten Tagen seit der Vergebung hat die 
künstlerische öffentlichheit in und außerhalb Österreichs, 
namentlich auch im Reiche, ungewöhnlich entschiedene 
Stellung genommen — für Wagner. Man wird diesen Ein 
wendungen, die vor der Entscheidung gelegener gewesen 
wären, entnehmen dürfen: daß sich in ihnen die internationale 
Bedeutung des Lehrers und Stilkämpfers Wagner solidarisch 
bekundete, und daß sie näher den Künstler als seinen Plan 
angingen. Gewiß: kein anderer als Wagner hätte dieses 
Museum und sein Stadtbild bauen dürfen, denn der seit 
mehr als einem Jahrzehnt betriebene Gedanke ist sein ur 
sprüngliches Eigentum, und seine Persönlichkeit hatte den 
vollen Anspruch auf ihre monumentale Darstellung im Stadt 
bilde. Aber dann hätte der Entwurf ihm allein als bestimmter 
Auftrag zugewendet und zum Gegenstand der Verhandlung 
zwischen Bauherrn und Künstler werden müssen, deren 
verschiedenartige Interessen auch auf Grund seines letzten 
Entwurfes sicherlich einen Ausgleich ermöglicht hätten. 
M. L.GOTHEIN, GESCHICHTE DER GARTENKUNST. 
Besprochen von Regierungsbaumeister MAX NEUMANN, Posen. 
Der Jahresbeginn hat uns das Buch einer Frau gebracht. 
Marie Luise Gothein hat ihr Werk, die Frucht jahrelanger 
Studien, eine Geschichte der Gartenkunst genannt. Der 
Titel klingt so schlicht und doch beinahe anmaßend. Denn, 
soll dies weite Gebiet einigermaßen erschöpfend behandelt 
werden, so ist damit eine Riesenaufgabe zu leisten, gilt es 
doch, eine Kunstübung durch den Lauf von Jahrtausenden 
zu verfolgen. Aber gleich das Titelblatt spricht mit der 
Notiz; „Herausgegeben mit Unterstützung der Kgl. Akademie 
des Bauwesens“ davon, daß dem Buch wohl einige Be 
deutung beizumessen ist. Und wie das Buch hier am 
Anfang die äußere Anerkennung einer hochgeachteten 
Körperschaft trägt, so lassen die Anmerkungen am Schluß 
jedes der beiden mehrere hundert Seiten enthaltenden Bände 
ahnen, daß in dem Werk ernste Arbeit steckt. Die große Zahl 
von Anmerkungen und angezogenen Arbeiten, die bescheiden 
hier auf den letzten Seiten Platz gefunden haben, zeigt, daß 
die Verfasserin nicht nur ältere Arbeiten benutzt hat, daß 
sie vielmehr zu den Quellen für ihre Aufgabe vorgedrungen 
ist. Plutarchund Xenophon, Seneca und Cicero, deutsche, eng 
lische sowie französische und italienische Schriftsteller sind 
da aufgeführt. Kein Wunder, denn die Gartenkunst berührt 
sich ja wie jede Kunstübung mit den Kulturen all der Völker, 
die in der Menschheitsentwicklung eine Rolle gespielt haben. 
Bei dem vielen, wovon diese Anmerkungen reden, scheint 
es selbstverständlich, daß dieser umfangreiche Aufsatz nicht 
ganz ohne Vorarbeiten anderer Forscher geschrieben werden 
konnte. Das Geleitswort nennt dann auch eine Reihe von 
namhaften Gelehrten, die auf manchem bisher dunkeln 
Sondergebiet der Verfasserin beratend zur Seite gestanden 
haben. 
Der Einzelforschung soll nach diesem Vorwort das 
Buch die Wege ebnen, das einem weiten Leserkreis zu 
geeignet ist, dem Archäologen, Kunsthistoriker und Kultur 
historiker im weitesten Sinne. Die Architektenwelt scheint 
dabei vergessen zu sein. Oder verstand sich das von selbst? 
Denn Grundrisse und Durchschnitte von Architektenhand 
sind mit das Erste, was beim Durchblättern des Buchs 
ins Auge fällt; so wird wohl, das fühlt man sofort, auch 
für den Baukünstler allerlei in dieser Entwicklungsgeschichte 
— denn das soll sie sein — abfallen. 
Der erste Band beginnt mit der Gartenkunst im alten 
Ägypten und endet mitten in der Renaissance; sein Schluß 
bedeutet also keinen eigentlichen Abschluß. Das Anschwellen 
des Buches bei dem überreichen Stoff zwang dazu. 
Eine reiche Fülle von Abbildungen bereichern gleich 
den ersten, Ägypten behandelnden Teil; freilich reden sie 
zu dem nicht archäologisch Geschulten in ihrer uns ganz 
fremden Darstellungsart erst, wenn die Verfasserin das hier 
Vorgeführte verdolmetscht. Nur da, wo Wiederherstellungs 
versuche in einer uns geläufigen Zeichnung gebracht werden, 
wie die Rekonstruktion des mächtigen Tempels von Deir- 
el-Bakhari, wird die Phantasie unmittelbar angeregt. Ob 
wohl die Quellen für das Studium der Gartenkunst in
	        
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