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Volume H. 7

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 10.1913 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Abb. i. Gesamtansicht der für die Stadtlage 
Herren Lindgren und du Rietz 
zu Mitarbeitern hatte. Außer 
dem waren im Mehrheitsgut 
achten noch zwei Arbeiten, 
diejenige von A. V. B. Mago- 
nigle in New York und von 
Schaufelberg, Rees und Güm 
mer in London für beachtliche 
Lösungen der gestellten Aufgabe erklärt worden. Daß dieses 
Urteil des Preisgerichts wenig befriedigt hat, geht auch aus 
einer Zuschrift hervor, die von beachtlicher Seite an die 
Schriftleitung dieser Zeitschrift gerichtet worden ist. 
Den aus Deutschland eingereichten Entwürfen, denen 
leider ein Erfolg nicht beschieden war, wird nachgesagt, daß 
sie eine zu stark gekrümmte Führung der Straßen aufwiesen. 
Außerdem sollen die deutschen Entwürfe zu wenig Rücksicht 
auf die Einbeziehung der Wasserflächen in das Stadtbild ge 
nommen haben. Namentlich aus dem erstgenannten Grunde 
erregten sie das Mißfallen der Preisrichter und wurden daher, 
ebenso wie die aus Frankreich stammenden Entwürfe, deren 
Grundzug eine fächerartige Anordnung ist mit Ausnahme 
desjenigen von Agache —, vom Preisgericht verworfen. 
Der Träger des I. Preises, der 1750 £ (35000 Mk.) be 
trug, hat sich schon durch den Entwurf einer kleinen Stadt 
für etwa 2000 Einwohner, die jetzt nach seinen Plänen in 
Amerika ausgeführt wird, hervorgetan; er hat auch für die 
chinesische Regierung einen Entwurf zur Beseitigung der 
alten, höchst ungesunden Eingeborenenstadt von Shanghai 
und zu deren Ersatz durch einen neuzeitlichen Anforderungen 
entsprechenden Stadtteil bearbeitet. Bei seinem Entwurf 
(siehe Tafel 38 und Textbilder 2 und 3) für die Hauptstadt für 
Australien betont er besonders, daß er ihn den örtlichen Ver 
hältnissen in weitgehendem Maße angepaßt habe, und daß 
er hergebrachte Anordnungen, die diesen Verhältnissen nicht 
entsprechen, vermieden habe. Uns will es aber erscheinen, 
als ob das zwar für die Anordnung der einzelnen Stadtviertel 
zueinander zutreffen möchte; auch bei der Linienführung 
der Straßen in den Außenbezirken und Wohnvierteln, die 
sich den Hängen der im Stadtgebiet gelegenen Anhöhen an 
schmiegen, ist Rücksicht auf die Ausnutzung des Geländes 
genommen worden; beim Gesamtanblick des Stadtplanes 
überwiegt aber entschieden der Eindruck, daß die Straßen 
züge, die die Mittelpunkte der einzelnen Stadtteile umgeben 
und diese Stadtteile miteinander in Verbindung bringen, 
nach rein geometrischen Erwägungen geplant sind. Sie be 
herrschen das Stadtbild, und die Teile mit gekrümmten, dem 
Gelände angepaßten Straßen treten in den Hintergrund, wie 
ein Blick auf den Entwurf lehrt. 
Die Ausnutzung des Geländes kommt bei diesem Ent 
wurf im wesentlichen dadurch zum Ausdruck, daß die ge 
samte Stadtanlage um drei Achsen gruppiert ist, die auf drei 
an der Grenze des Stadtgebietes liegenden Höhen gerichtet 
sind. Es sind dies der Schwarze Berg im Nordwesten 
(810 m), der Ainslieberg im Nordosten (840 m) und der 
Mugga-Mugga-Berg im Süden (810 m). Kleinere Erhebungen 
im Stadtgebiet, das im Mittel auf etwa 600 m Seehöhe liegt, 
sind dazu ausgenutzt worden, um sie mit hervorragenden 
Gebäuden zu bekrönen, während die flacheren, tiefgelegenen 
Geländestriche für Wohn- und Fabrikviertel ausgenutzt sind. 
Alle drei Achsen weichen mehr oder weniger von den 
Haupthimmelsrichtungen ab, so daß eine reine Nordlage für 
Gebäude ganz vermieden und für alle Straßen eine günstige 
Besonnung gewährleistet ist. Für die Hauptachse, die etwa 
von Südsüdwest nach Nordnordost über den Ainslieberg 
verläuft und das „RegierungsvierteJ“ durchschneidet, wurde 
als Richtungspunkt der etwa 50 km entfernte Bimberiberg, 
eine Erhebung von 1900 m Höhe, deren Gipfel fast immer 
mit Schnee bedeckt ist, gewählt. Die zweite, nur wenig von 
der Südnordrichtung abweichende Achse, durchschneidet 
das „Stadtverwaltungsviertel“ und verläuft in der Mitte 
zwischen dem Schwarzen und dem Ainslieberg. Die dritte 
Achse endlich, diejenige des ländlichen Wohnbezirkes, ver 
läuft von Südosten nach Nordwesten und zeigt auf den 
Schwarzen Berg. Alle drei Achsen schneiden sich im 
„Kapitol“. Daß in dieser Beziehung eine glückliche An 
passung an das Gelände vorliegt, muß anerkannt werden. 
Besonders das Regierungsviertel mit einem Schneeberg als 
Richtungspunkt für die von seinen stattlichen Gebäuden 
eingefaßte Hauptstraße mag bei glücklicher Durchführung 
dieses Gedankens ein großartiges Bild bieten. Diese Haupt 
straße ist übrigens ebensowenig wie die mit den beiden 
anderen Achsen zusammenfallenden Straßen etwa einer der 
Hauptverkehrswege; das wird schon dadurch verhindert, 
daß die Achsen über das Kapitol gehen. Die Hauptverkehrs- 
Verbindungen verlaufen vielmehr meist in den ebenen Teilen 
der Hauptstadt. 
Die Regierungsgebäude sind in einem für sich ab 
geschlossenen Stadtteil, der aber bequem zugänglich ist, 
vereinigt. Das Kapitol bildet den 
Mittelpunkt eines Stadtviertels, 
dessen Straßen parallel den Seiten 
eines ziemlich regelmäßigen 
Achtecks und in Richtung der 
Durchmesser dieses Vielecks an 
gelegt sind. Neun Straßen zeigen 
auf das Kapitol, keine davon 
reicht aber näher an diesen 
Mittelpunkt heran, als daß nicht 
noch ein Parkstreifen das Haupt 
gebäude von den umgebenden 
Straßen trennen könnte. Neben 
dem Kapitol liegt der Palast des 
Abb. 2. Aus dem Entwürfe von W. B. Griffin, Chicago.
	        
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