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Volume H. 5

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 10.1913 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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und in gotischem Stile neuerbaut, weil der Dom ursprüng 
lich eine gotische Anlage war. Auch die beiden spitzigen 
Türme, die dem Fremden sofort unangenehm ins Auge fallen, 
sind eine Errungenschaft dieser „stilreinen“ Neugestaltung. 
Nur erwähnt seien weiterhin der Stadthofplatz, welcher 
besonders malerische Einblicke in die nach Nordosten ab 
fallende Dominikanergasse (Abb. k und 1, Tafel 30) gewährt, 
und eine die Form des Kapuzinerplatzes wiederholende Er 
weiterung der Bischofsgasse. Beide sind heute durch die 
dort errichteten Bauten reizlos. 
Ein kleines, aber wohl am reinsten erhaltenes Beispiel 
alter Städtebaukunst darf nicht übergangen werden. Es ist 
das Römerplatzel (Abb. c, Tafel 29 und m und n, Tafel 30). 
Eigentlich sind es drei zusammenhängende, je in sich gut 
geschlossene Plätzchen. Diese Aufeinanderfolge überrascht 
den Fremden, die Wirkung ist ungemein interessant und von 
intimem Reiz. 
Es folgen nun noch unserer Einteilung nach der große 
Platz, der Jakobsplatz und derLazanskyplatz (Abb. d, Tafel 29). 
Alle drei sind nicht mehr im ursprünglichen Zustande er 
halten. Um dem Verkehr nicht im Wege zu stehen, wurden 
viele für die Raumwirkung dringend notwendige Häuser 
gruppen zum Opfer gebracht. 
Zunächst die beiden erstgenannten. Der große Platz 
erscheint jetzt ziemlich weiträumig. Dies erklärt sich da 
durch, daß dort ehemals eine Kirche stand, die Nikolai 
kirche, von allen Seiten umbaut. Sie gehörte auch, wie die 
Cyrill- und Methudkirche, zu den zweischifügen, einsäuligen 
Kirchen und war 1225—1231 errichtet worden. Seit 1786 
wurde sie für gottesdienstliche Zwecke „ nicht mehr ver 
wendet und diente von da an eine Zeitlang als Militär- 
depositorium und städtische Wage, bis sie, wohl unnötiger 
weise, in den Achtziger Jahren abgerissen wurde. Daß sie 
von sehr malerischer Wirkung gewesen ist, zeigt unsere 
Abb. f, Tafel 29. Es standen auf dem großen Platz noch die 
Militärhauptwache und ein großer, sehr schöner Brunnen. 
Auch von letzterem ist hier kein Stein mehr übrig. Auf dem 
Bilde ist er noch zu erkennen. 
Von den Platzwänden interessiert uns am meisten die 
nördliche, deren wohl beabsichtigte Geschlossenheit be 
sonders hervorzuheben, ist. Die mittlere der drei dort aus 
mündenden Straßen ist deshalb schmäler gehalten, um ge 
rade hier in der Mitte keine Lücke zustande kommen zu 
lassen. Deswegen ist ihr auch eine leichte Krümmung ge 
geben, und wohl aus demselben Grunde schiebt sich der 
rechte Häuserblock ein wenig vor, um den Straßendurch 
blick zu verdecken. Mehr für den Verkehr geschaffen ist 
der große Platz auf einen sehr wirkungsvollen Kontrast mit 
seinen beiden ruhevolleren und ernsteren Nachbarn, dem 
Dominikaner- und dem Jakobsplatz, gestimmt. 
Diesem letztgenannten, zu dem wir jetzt kommen, wurde 
demzufolge eine möglichst intime Wirkung gegeben, wie 
seine Bestimmung als Kirchplatz es fordert. Bei genauer 
Betrachtung des Grundrisses erkennen wir hier eine äußerst 
interessante Anlage in bezug auf die Gruppierung der Häuser 
um die Kirche. Letztere bildet ein gutes Abschlußbild für 
mehrere Straßen; die Baublöcke H, I und besonders G sind 
dicht an sie herangerückt und bewirken durch den Vergleich 
der Verhältnisse eine Steigerung des Eindrucks. Dafür ist von 
einigen ausgesuchten Punkten, als welche etwa die mit X be 
zeichnten zu gelten haben, der Anblick der Kirche um so 
reizvoller, ura so reizvoller auch, weil sie überall in einem 
gut geschlossenen Bilde erscheint. Bei der Betrachtung des 
Platzes übersehe man übrigens auch nicht die zweckmäßige 
Erweiterung der Straßen an den Mündungen und die hierdurch 
bedingten feinen, nicht übertriebenen Krümmungen. 
Leider muß nun wieder gesagt werden, daß alle diese 
künstlerisch so wohl erwogenen Einzelheiten und ihr ge 
schickt berechnetes Zusammenwirken heute nicht mehr 
bestehen. Es ist eine Straße durchgebrochen worden, wie die 
punktierte Linie andeutet. Künstlerisch wertvolle Bauwerke 
sind dabei gefallen, um den nüchternsten Gebilden Platz zu 
machen. Auch der Baublock H ist in einer vom Standpunkte 
der Schönheit sehr gewagten Weise mit einem fast turm 
artig wirkenden Gebäude neu bebaut und nun von der 
Kirche abgerückt, G ganz niedergelegt, auch auf der Nord-, 
West- und Südseite sind neue, im Verhältnis zur Kirche 
viel zu hohe Häuser entstanden, wo irgend möglich, sind 
zugleich damit die Straßen verbreitert. Das genügt, um 
auszudrücken, daß dieser Platz gegenüber früheren Zeiten 
allen Reiz eingebüßt hat. Siehe Textbilder 1—3. 
Man wird nach dem Zweck und nach dem erzielten Erfolg 
dieses Durchbruchs fragen. Zwei Punkte sind zu betrachten, 
um diese Frage beantworten zu können, und zwar; Wie stellt 
sich das Ergebnis vom Standpunkte der Ästhetik und wie 
vom Standpunkte der Verkehrstechnik aus betrachtet dar? 
Um zunächst die erste Frage zu beantworten: Man hat 
einen Durchblick geschaffen von dem südlichsten Ende des 
großen Platzes bis hinauf zum Deutschen Haus. Durch 
blicke können sich zuweilen sehr reizvoll ausnehmen, und 
es gibt viele klassische Beispiele, wo ein am Ende einer 
durchlaufenden Straße oder Allee erscheinendes Bauwerk 
oder Denkmal von zauberhaft schöner Wirkung ist. Solche 
Vorbilder hier als Beleg anzuführen, würde aber eine Ver 
kennung des Wesentlichsten bedeuten, das bei diesen An 
lagen nur in dem ununterbrochenen Durchlaufen der Straßen 
oder Alleen (oder auch der Säulen und Pfeiler in Kirchen) 
in möglichst gleichen Abständen auf das als Ziel, als point 
de vue erscheinende Bauwerk oder Denkmal (oder den 
Altar) zu beruht. Durch die sich ununterbrochen aneinander 
reihenden, voreinander fliehenden Häuser, Bäume oder 
Säulen werden nämlich hierbei dem Auge Gegenstände dar 
geboten, die alle ihrer Größe und Entfernung nach bekannt 
sind, und an denen es vorbeigleiten und so einen Maßstab 
zur Beurteilung der Verhältnisse des entfernten Gegenstandes 
gewinnen kann. (Schluß folgt.) 
STÄDTEBAU IN KANADA. 
Von Regierungsrat WERNEKKE, Berlin-Zehlendorf. 
Eine eigenartige Lösung einer allerdings auch ungewöhn 
lichen städtebaulichen Aufgabe wird zurzeit in Kanada durch 
geführt. Die Grand Trunk Pacific-Eisenbahn durchzieht 
ganz Kanada in einer Länge von 5728 km von Moncton in 
Neubraunschweig am Atlantischen bis Prince Rupert am 
Stillen Ozean. Dabei führt sie im Inneren des Landes durch
	        
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