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Volume H. 5

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 10.1913 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Geländes ausgeht. In diesen Ausnahmefällen wird man 
aber die Errichtung des Gebäudes oder die Anlegung des 
Platzes vor Gestattung des Anbaues im Interesse der künst 
lerischen Gestaltung des ganzen zukünftigen Stadtteils 
billigerweise verlangen dürfen, zumal die Errichtung des 
Gebäudes oft auch wirtschaftlich vorteilhaft, und anderer 
seits die Anlegung des Platzes auch hier mit einer voll 
kommenen Fertigstellung der gartenkünstlerischen Anlagen 
nicht übereinstimmt. 
Es scheint demnach rechtlich begründet und praktisch 
möglich, auch im Stadterweiterungsgebiet denjenigen Straßen 
und Plätzen, denen eine künstlerische Bedeutung nach dem 
Bebauungsplan zuzumessen ist, den Schutz des Ver 
unstaltungsgesetzes zuzuwenden, wobei mit Rücksicht auf 
die erwähnte Abhängigkeit der zu schützenden Straßen von 
ihren Beziehungen zu dem übrigen Straßennetz naturgemäß 
die auch im Interesse des Verkehrs, der städtischen Finanzen 
und der wirtschaftlich gesunden Gestaltung des Grundstück 
marktes wünschenswerte rechtzeitige Feststellung um 
fassender Fluchtlinienpläne vorausgesetzt werden muß. Es 
braucht hier nicht abermals betont zu werden, daß es sich 
bei diesem Schutz von Straßen und Plätzen im Stadt 
erweiterungsgebiet ebensowenig wie in den bebauten Stadt 
teilen um vereinzelte Straßen und Plätze handeln kann. 
Auch durfte es sich wohl erübrigen, ein Wort über die Art 
der Feststellung des Systems schutzbedürftiger Straßen zu 
sagen. Denn dies ist einerseits infolge der Verschieden 
artigkeit der Bebauungspläne unmöglich, und zum anderen 
sind oben für die bebauten Stadtteile ganz allgemein einige 
wenige Richtlinien gezeigt worden, die unter Berück 
sichtigung der für die entstehende Stadt notwendigen Ver 
änderung des Gesichtspunkts auch hier die Grundzüge der 
möglichen Schemata enthalten. 
Es liegt in der Natur des Anbaues neuer Stadtteile an 
alte, daß das System für die Neustadt sich formell und 
straßenmäßig an das für die Altstadt gefundene Schutz 
straßennetz anschließt, was für die Formulierung im Text 
des Ortsstatuts wertvoll ist. Die künstlerischen Stützpunkte 
des Neustadtschemas werden im allgemeinen aber auch 
ähnliche sein wie die in der Altstadt, Denn wenn auch 
die künstlerische Fortentwicklung des Baugedankens der 
Altstadt in der Neustadt in manchen Fällen an Kulturwider 
ständen scheitert, so werden es doch stets ähnliche formale 
Momente sein, die die innere Verwandtschaft, das materielle 
Sichaneinanderfügen des Bebauungsplanes der Neustadt und 
der Altstadt ausmachen. Und diese formalen Momente geben 
schließlich das Gerippe für die schutzbedürftigen Straßen 
ab. Bei dieser Erörterung ist natürlich vorausgesetzt, daß 
die Herstellung von Bebauungsplänen zum Teil auch als eine 
künstlerische Tätigkeit betrachtet wird, bei der es weniger 
darauf ankommt, berühmte Vorbilder und dankbare Motive 
anzubringen, und etwa einer Stadt wie Erlangen eine Neu 
stadt wie Nürnberg anzufügen, sondern die von der Er 
kenntnis geleitet ist, daß auch für den Bebauungsplan und 
die Bebauung der Neustadt die Eigenart der bestehenden 
Stadt richtunggebend sein muß, und die versucht, neue 
Baugedanken zu entwickeln, welche nicht nur das Kunst 
werk der Altstadt achten, sondern sich mit ihm zu einem 
Gesamtkunstwerk vereinigen. Und selbst eine Altstadt, die 
kein Kunstwerk ist, wird von der Neustadt eine künstlerische 
Rücksichtnahme verlangen müssen, durch die der ästhetisch 
wertlosen Altstadt eine gewisse künstlerische Bedeutung 
verliehen werden kann, indem unsichtbare Beziehungen 
lebendig gemacht und neue zwischen Alt- und Neustadt 
geschaffen werden; während die Neustadt, trotzdem sie in 
sich vielleicht ein vollendetes Kunstwerk ist, sich selbst 
nur schädigt und um eine Reihe städtebaukünstlerischer 
Wirkungsmöglichkeiten bringt, wenn sie künstlerisch inner 
lich unverbunden neben die Altstadt tritt. 
Schließlich muß noch betont werden, daß bei der Aus 
wahl dieser Schutzstraßennetze für die Alt- und Neustädte 
nicht kleinlich verfahren werden darf, und daß es nicht die 
schwerste Sünde ist, einzelnen künstlerisch bedeutsamen 
Straßenbildern den Schutz des Gesetzes nicht zuzuwenden; 
denn es kommt weniger darauf an, möglichst viele Straßen 
zu schützen, als einer gewählten Zahl von Straßen einen 
möglichst großen Schutz nach allen Seiten zu gewähren. 
Und es darf erwartet werden, daß die klare Erkenntnis des 
künstlerischen Wesens der Altstadt und des Bebauungs 
planes für die Stadterweiterung die Städtebaukünstler zur 
Festlegung der großen Linien und der Gelenke für die 
künstlerische Gliederung des Systems oder der Systeme 
schutzbedürftiger Straßen und Plätze befähigen wird. Die 
Auffindung dieser Systeme und ihre knappe gesetzesmäßige 
Kennzeichnung wird allerdings nicht immer ganz leicht 
sein. Und wie künstlerisch bedeutsame Straßen außerhalb 
der Systeme bleiben, so werden diese andererseits künst 
lerisch minderwertige Straßenbilder enthalten. Dieser Mangel 
kommt gegenüber den Vorzügen eines solchen Straßen 
systems aber um so weniger in Betracht, als das Statut die 
Baupolizeibehörde ja nicht zu seiner Anwendung verpflichtet, 
so daß diese bei künstlerisch bedeutungslosen Straßen von 
dem formell bestehenden, tatsächlich aber im Einzelfall 
unbegründeten Bauverbot keinen Gebrauch zu machen 
braucht. 
Daß der Vorschlag, den § 2 des Preußischen Verun 
staltungsgesetzes und die entsprechenden Bestimmungen der 
Gesetzgebung der anderen Bundesstaaten auf die voraus 
geführte Weise zum Nutzen für die Alt- und Neustädte aus 
zulegen, kein theoretischer Spaß ist, wird jeder eingestehen, 
der den Gedanken an einer Reihe von Städten aller Zeiten 
auf seine Anwendbarkeit geprüft hat. Diese Auslegung des 
Verunstaltungsgesetzes folgt aus städtebaukünstlerischen 
Grunderkenntnissen, und sie läßt den § 2 als durchaus nicht 
so ungenügend erscheinen, als es oft geschieht. Der Um 
stand, daß eine Änderung des Gesetzes bei den politischen 
und künstlerischen Schwierigkeiten und Gegensätzen sobald 
nicht zu erwarten ist, sollte ein Grund mehr sein, auch 
dieses Gesetz nicht unter der Last von Parlamentsverhand 
lungen, Vorentscheidungen und Kommentaren zu einem 
wesenlosen Schemen verblassen zu lassen, sondern mit dem 
aus dem Studium des Gegenstandes gewonnenen klaren 
Blick für sein Wesen und sein Leben die in dem Gesetz 
gegebenen Möglichkeiten zu erschöpfen.
	        
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