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Volume H. 4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 10.1913 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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Formelemente der Straßen und Plätze dieser Städte sind 
naturgemäß durchaus verschieden, ebenso wie die Wirkungen 
und Beziehungen der einzelnen Glieder innerhalb der ein 
zelnen Zeitabschnitte, wie in den einzelnen Städten stets 
andere sind. Denn wenn auch z. B. bei den mittelalterlichen 
Städten wenige Grundtypen immer wieder in einer ähnlichen 
Abwandelung erscheinen, so muß für die Regel doch jede 
Stadt als eine einzigartige, sich so niemals wiederholende 
Erscheinung angesehen werden, wobei bei der einen Stadt 
(oder bei einem Stadtteil), z. B. bei vielen der ostelbischen 
Kolonistenstädte die künstlerische Struktur aus dem Straßen 
plan abgelesen werden kann, während die das künstlerische 
Stadtbild formenden Elemente bei einer anderen lediglich im 
Aufbau liegen, z. B. in der einheitlichen Wirkung der Straßen 
fronten oder in demSich-in- und -zueinanderfügenderDächer. 
Bald ist der Ablauf der Straßen nach öffentlichen Gebäuden 
und Kirchen gerichtet, bald ist es eine Bodenerhebung (ein 
beherrschender Hügel) oder eine Parkanlage oder ein Wasser 
lauf, die den Straßen ihre Richtung und ihren Rhythmus geben. 
Aus diesen Erörterungen folgt ohne weiteres, daß ein 
allgemein gültiges Schema für die schutzbedürftigen Straßen 
systeme undenkbar ist, sondern daß jede Stadt, wie jedes 
Kunstwerk, die besonderen Gesetze ihrer Erscheinung in 
sich trägt. Soll das Kunstwerk, das Stadt- oder Straßen 
bild, also in seinem Wesen erhalten bleiben — und das ist 
doch bei dem Schutz künstlerisch (und auch historisch) 
bedeutsamer Straßen beabsichtigt — dann müssen diese be 
sonderen Gesetze und die Wirkungswerte, auf denen Stadt 
plan und Aufbau beruhen, erkannt und Vorsorge getroffen 
werden, daß die Erscheinungen, aus denen diese Gesetze 
abgelesen werden, nicht verloren gehen. 
Daß dies in den meisten Städten, in denen Ortsstatute 
auf Grund der Verunstaltungsgesetze erlassen worden sind, 
nicht geschehen ist, geht aus den Listen von Straßen hervor, 
denen diese Statute den Schutz des Gesetzes zuwenden. Hier 
wird oft aus einem ganzen Stadtviertel eine einzelne Straße 
herausgegriffen, ein Verfahren, das im Regelfall ebenso 
zwecklos ist wie die Erhaltung einzelner Bauwerke, eine 
Tätigkeit, von der Brinckmann (Deutsche Stadtbaukunst in 
der Vergangenheit, S. 58) mit Recht sagt, daß sie ihm vor 
komme, „als wenn man in einem großen Garten einzelne 
Blumen unter Glasglocken stellt und die übrigen Anlagen 
von unverständigen Leuten zertreten läßt“. Einen ähnlichen 
Fehler begehen die Statuten, die zwar ganze Straßenzüge 
schützen, aber die Seitenstraßen, eine Baumanlage, eine 
malerische Kirchenfassade oder ein beherrschendes Gebäude, 
kurz, irgendeines der Elemente, von denen die künstlerische 
Erscheinung der Straße ganz oder zum Teil abhängt, „von 
unverständigen Leuten zertreten lassen“. 
Zu diesen unglückseligen Straßenlisten hat wohl in erster 
Linie das Gesetz vom 15. Juli 1907 selbst geführt. Denn 
nach ihm kann das Ortsstatut seinen Schutz nicht einfach 
allen Straßen von geschichtlicher oder künstlerischer Be 
deutung leihen, sondern die zu schützenden Straßen müssen 
bestimmt in ihm bezeichnet werden, und vom Schutz der 
Umgebung dieser Straßen ist nicht die Rede. Diese beiden 
Umstände haben, wie es scheint, zunächst zu der Auf 
fassung Veranlassung gegeben, als ob erhöhte Rücksicht auf 
das künstlerisch bedeutsame Straßen- oder Stadtbild nur von 
Bauten verlangt werden könnte, die an den in den Orts 
gesetzen bestimmt bezeichneten Straßen selbst errichtet 
werden, während die städtebaukünstlerischen Elemente, die 
In ihren Beziehungen zu der bestimmten Straße, deren schön- 
heitlichen Wert überhaupt erst ausmachen, nicht geschützt 
werden könnten. Die Folge dieser Annahme sind jene Straßen- 
Totenlisten der Ortsstatute, die einen Teil der Straßen und 
Plätze zu einem künstlerischen Scheindasein verdammen, da 
sie ihnen Gesetze zur Erhaltung eines Eindrucks aufzwingen, 
den sie zu gleicher Zeit zerstören, indem sie zulassen, daß 
das geheimnisvolle Hin und Her von Schwingungen und 
Beziehungen vernichtet werden, die jenen Eindruck hervor- 
rufen. 
Diese Auslegung des § 2 ist kaum richtig, denn sonst 
wäre mit ihm allerdings nur sehr wenig gewonnen. Da der 
Zweck des Gesetzgebers doch nur der gewesen sein kann, 
jene Wirkungswerte, auf denen der künstlerische Eindruck 
einer Stadt beruht, zu erhalten, so muß das Gesetz auch 
unter diesem Gesichtswinkel ausgelegt werden. § 2 lautet: 
„Durch Ortsstatut kann für bestimmte Straßen und Plätze 
von geschichtlicher oder künstlerischer Bedeutung vorge 
schrieben werden, daß die baupolizeiliche Genehmigung zur 
Ausführung von Bauten und baulichen Änderungen 
zu versagen ist, wenn dadurch die Eigenart des Orts- oder 
Straßenbildes beeinträchtigt werden würde.“ Schutzgegen 
stand ist demnach die Eigenart eines Orts- oder Straßen 
bildes. Dies wird festgesteilt durch die bestimmt bezeichnete 
Straße. Zu seinem Schutze kann die Ausführung beein 
trächtigender Bauten verboten werden. Daß hiermit nur 
Gebäude an der bestimmt bezeichneten Straße gemeint seien, 
geht aus dem Gesetz nicht hervor. Dies würde auch dem 
Zweck des Gesetzes entgegen sein,, da, wie oben ausgeführt, 
die Eigenart eines Straßenbildes eben sehr oft von Gebäuden 
oder Anlagen abhängig ist, die nicht an der in Betracht 
kommenden Straße liegen, und der Schutz der Eigenart der 
Straße zum größten Teil auf den Schutz jener Gebäude oder 
Anlagen beruht. Meines Erachtens umfaßt die Ausdrucks 
weise des Gesetzes alle für das Straßenbild städtebaukünst 
lerisch wertvollen Elemente, so daß das Gesetz in dieser 
Hinsicht durchaus genügt. 
Die Ortsstatute haben einen zweiten Mangel in das Gesetz 
hineingetragen: Sie haben statt „bestimmte Straßen“ „be 
stimmt genannte“ gelesen, während doch nur „bestimmt 
bezeichnete“ gemeint sein werden. Denn es muß doch ge 
nügen, wenn das Ortsstatut die zu schützenden Straßenbilder 
so deutlich macht, daß keine Rechtsunsicherheit entsteht. 
Die wird aber nicht dadurch allein vermieden, daß eine 
endlose Liste von Straßennamen das Ortsstatut zu einem 
dickleibigen, oft nur unter großen Schmerzen zur Welt zu 
bringenden Ungetüm macht. Allerdings wird die nament 
liche Aufführung einzelner Straßen nicht immer ganz zu 
umgehen sein, für die Regel wird aber die klare Einsicht in 
die künstlerischen Bestandteile des Stadtbildes jenen der Stadt 
oder einem bestimmten Stadtteil eigentümlichen Zusammen 
hang von künstlerisch (oder geschichtlich) bedeutsamen 
Straßen und Plätzen erkennen lassen, und die Möglichkeit 
gegeben sein, diesen Zusammenhang durch Bezeichnung 
seiner konstruktiven Elemente in dem Ortsstatut deutlich 
zu machen. Wie dies im einzelnen Falle zu geschehen hat, 
kann bei der erwähnten mannigfaltigen und verschieden 
artigen Erscheinung des Kunstwerkes „Stadt“ hier nur durch 
allgemeine Hinweise angedeutet werden. Die im folgenden 
gegebenen einzelnen Beispiele sollen daher nur einige oft 
wiederkehrende typische Ausgangspunkte feststellen, von 
denen aus das Gerippe schutzbedürftiger Straßensysteme
	        
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