Path:
Volume H. 4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 10.1913 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
40 
muß aber nunmehr eine gemeinsame Wirksamkeit mit dem 
Städtebaukünstler treten. Ihr erstes gemeinsames Werk, das 
allem anderen voranzugehen hat, sei für große und kleine 
Gemeinwesen die Aufstellung eines allgemeinen Grund- 
planes. Dabei denke ich nicht an Idealpläne, wie sie 
Burnham für Chicago im vorigen Jahre hier ausgestellt hat, 
und die wohl mehr zum Zwecke der Werbung das durch 
übertriebene Maßstäbe leicht entzündliche Selbstgefühl seiner 
Landsleute reizen sollten. Ein solcher allgemeiner Grund- 
plan kann der künftigen Bebauung nur in großen Zügen 
die Wege weisen, denn eine Stadt wächst unter den Händen 
der verschieden geartetsten Erbauer erst nach und nach. 
Soll aber ein in dem Bebauungsplan gedachtes schönes 
Stadtbild wirklich erstehen, so muß die Ausfüllung des ge 
gebenen Rahmens durch die zu errichtenden Bauwerke not 
wendig einer angemessenen Überwachung unterliegen. Es 
hat sich dabei als zweckmäßig erwiesen, der stadtbauenden 
Zentrale auch die Befugnisse der Baupolizei zu erteilen. Da 
der weitaus überwiegende Teil der Bauten einer Stadt in 
privaten Händen liegt, kann hierdurch am erfolgreichsten 
auf die Besitzer ein Zwang ausgeübt werden, die Erschei 
nung ihrer Häuser der Gesamtwirkung unterzuordnen. 
Den gewaltigen Geistesströmungen der Großstadt in 
einer eigenartigen Stadtbildung plastischen Ausdruck zu 
geben, ist wohl die höchste Aufgabe, die einem Künstler 
überhaupt gestellt werden kann. Sein Stoff, über den er 
dabei verfügt, sind die Straßen und Plätze, die öffentlichen 
Gebäude, die natürlichen und künstlichen Wasserwege und 
die Grünanlagen. Dem Künstler liegt es ob, den Rhythmus 
zwischen Straßen und Plätzen mit Einfügung von Grün 
flächen und Wasserwegen festzulegen, den Gebäuden des 
Kultus, der Verwaltung und der Repräsentation durch ihre 
Stellung zum charakteristischen Eindruck zu verhelfen. 
Man hat treffend eine Stadtanlage mit einem gut ge 
gliederten Grundriß einer Wohnung verglichen. Die Straßen 
sind die Gänge, die Plätze vertreten die verschieden ge 
stalteten Zimmer. Zuerst suchte man an unseren alten 
vortrefflichen Stadtbildern Anlehnung zu finden und hat im 
Planen winkliger Plätze und gekrümmter Straßen roman 
tischen Neigungen übertriebenen Raum gegeben. Solche 
fast sentimentalen Anwandlungen sind indes bald wieder 
der verständigen Überlegung gewichen, daß die durch gerade 
Straßen bedingte rechteckige Blockform, die sich auch im 
Altertum bei der Aufteilung der groß, klar und planvoll 
angelegten Kolonialstädte und überraschenderweise auch 
bei neuen Stadtanlagen des Mittelalters, z. B. im südlichen 
Frankreich findet, die zweckmäßigste ist und sich wirt 
schaftlich als empfehlenswerteste Ausnutzung des Geländes 
empfiehlt. Geschwungene Straßen werden nur dann einen 
befriedigenden Eindruck hervorrufen, wenn ihre Kurven 
sich ersichtlich aus den örtlichen Bedingungen ergeben, sei 
es, daß das vorhandene Gelände in der gebogenen Wegform 
leichter zu überwinden ist, sei es, daß die ehrfürchtige 
Schonung irgendeines Monumentes, vielleicht nur die Er 
haltung eines schönen Baumes, die Umgehung begreiflich 
und sympathisch macht. 
Ganz besondere Sorgfalt wird in den Bebauungsplänen 
erklärlicherweise der Lage und der Ausbildung der Plätze 
zuzuwenden sein. Jeder, der nach dem geschäftigen Durch 
eilen langgestreckter Straßenlinien einen glücklich geglie 
derten Platz mit der richtigen Einstellung der Monumental 
bauten kreuzt, muß hier die Ablenkung seiner betriebsamen 
Gedanken als wohltuende Befreiung empfinden, wenn er 
sich auch nicht ausdrücklich Rechenschaft darüber zu 
geben pflegt. Daß der Platz möglichst vom durchgehenden 
Verkehr befreit bleiben muß, ist eine Forderung, deren Er 
füllung sich von selbst ergab, als er noch dem Marktverkehr 
oder dem Zwecke öffentlicher Versammlungen zu dienen 
hatte. Aber auch ästhetisch ist noch heute, wo ihm mehr 
die praktische Aufgabe eines Luftsammlers zufällt, die un 
geteilte Erhaltung seiner Fläche erwünscht als rhythmische 
Flächenunterbrechung der Straßen. Diese ästhetische Auf 
gabe wird er zumeist besser erfüllen, wenn man ihm seinen 
Charakter als reinen Architekturplatz beläßt und ihn nicht 
durch Bepflanzungen unterteilt. Es beginnt sich ein neu 
zeitlicher großstädtisch empfindender Raumsinn zu regen, 
der in erster Linie eine räumliche Geschlossenheit der 
Hauswandungen in Straße und Platz verlangt. Ein Idyll paßt 
nicht in die Großstadtkunst. Geschlossene Gartenplätze mit 
größerem Flächeninhalt werden besser an Stellen anzuordnen 
sein, die an sich schon durch ihre Lage vor dem unruhigen 
Straßenverkehr geschützt sind. Dabei ist zu berücksichtigen, 
daß die grünen Flächen wirklich zum Tummeln benutzbar 
und nicht nur von Spazierwegen aus zu betrachten sind. 
Der moderne Mensch geht nicht mehr spazieren. 
Soll die Wechselwirkung von Platz und Straße zum 
richtigen Ausdruck kommen, so müssen die Schauseiten 
der Straßenhäuser bis zu einer gewissen Grenze eine gleich 
förmige Architektur zeigen. Das Mietshaus, dessen Charakter 
eigentlich in der Charakterlosigkeit besteht, kann überhaupt 
keinen Anspruch auf besondere Individualisierung erheben. 
Ganz soll dem deutschen Volke seine Lust am Verzieren 
keineswegs verleidet werden und ich rede nicht der archi 
tektonischen Naturburschen-Einfachheit das Wort, mit der 
die Mode heute kokettiert. Aber von dem demokratischen 
Zug unserer ganzen modernen Entwicklung ist doch zu 
erwarten, daß wachsende Besonnenheit und Sachlichkeit 
zu einer zurückhaltenderen Schlichtheit der Straßen 
wandungen führen werden zugunsten der monumentalen 
öffentlichen Architekturen, die im Stadtbilde gegensätzlich 
wie Edelsteine in einer einfachen Schmuckfassung wirken 
müssen. Hauptsächlich ist in den Straßen auf möglichst 
gleiche Höhe der Hauptgesimse und auf Verwandtschaft der 
Dachformen zu halten. Welche großartigen Wirkungen sich 
aus dem Festhalten an diesem Grundsätze ergeben, zeigen 
die prächtigen Anlagen der Renaissance und des Barocks. 
Brinckmanns vortreffliche Schriften: „Platz und Monument“, 
„Französische Stadtkunst des Barock“ geben nicht nur dem 
Städtebaukünstler dankbare Anregungen, sondern schärfen 
auch jedem Besucher der besprochenen Kunststätten das 
Auge zur Erhöhung eigenen künstlerischen Reisegenusses. 
Es war früher bereits gesagt, daß bei Landstädten sich 
die Überlegungen, die der großstädtischen Bauentwicklung 
zugrunde liegen, im kleinen wiederholen. Hier wird den ein 
facheren Planbedingungen und dem überlieferten Ortsbilde 
am besten ihre natürliche Entwicklung zu lassen sein, Man 
wird zu beachten haben, daß die schlichte Natürlichkeit 
der überkommenen Bauweise vor unbescheidenen Ein 
dringlingen bewahrt bleibt. Fast berüchtigt sind in dieser 
Beziehung die neuen Bahnhofstraßen, die es mit ihrer 
Großtuerei darauf abgesehen zu haben scheinen, dem Ein 
tretenden die Freude an der heimlichen Poesie des Vor 
handenen von vornherein zu stören. 
Daß die Städtebaubewegung eine so erstaunliche Ent
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.