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Volume H. 4

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 10.1913 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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aus dem Gewohntsein der seefahrenden Nation, sich mit 
sehr bescheidenen kajütenartigen Abmessungen abzufinden, 
wenn im übrigen bei Anordnung und Ausnutzung der Räume 
alle Anforderungen der Zweckmäßigkeit peinlich erfüllt sind. 
Die in solchem Hausorganismus streng durchgeführte 
Scheidung der geistigen und leiblichen Bedürfnisse, die 
völlige Trennung des Wohn- und Schlafgebiets, ist auch 
die Grundlage der stilisierten englischen Lebensführung. 
Diese zum System gebrachte Wohnweise erzieht zu dem 
geschlossenen Auftreten englischer Persönlichkeiten, deren 
gelegentliche Bespöttelung im Grunde der Ausfluß unserer 
stillschweigenden Anerkennung Ist. 
„As the homes so the people“ ist ein in England viel 
zitiertes Sprichwort, „wie das Wohnen, so das Volk“. Den 
Deutschen läßt die alte Nomadennatur nicht los. In 
manchen Kreisen wird der Umzug fast zum Sport, Auf 
jeden Berliner Hausstand kommt alle vier Jahre ein 
Wohnungswechsel, ln meiner Vaterstadt Charlottenburg 
ist festgestellt, daß seit den 70 er Jahren von den jetzt über 
300000 Einwohnern nur 700 Personen ständig dort Ihren 
Wohnsitz behalten haben. 
Man kann es nur als philiströsen Mangel an Wohn 
kultur bezeichnen, wenn die Mehrheit noch immer ohne 
zwingende Gründe auf der schlechten Wohnsitte beharrt, 
sich mit sogenannten Mietsetagen zufrieden zu geben. 90 vom 
Hundert der Bevölkerung wohnen in Mietshäusern. Der 
Mietskaserne würde der Lebensnerv unterbunden und der 
Städtebaukunst ein neues Lebenselement zugeführt werden, 
wenn sich der Verwilderung des früher einmal allgemeiner 
empfundenen Bedürfnisses, allein zu wohnen, Einhalt bieten 
ließe, und sich der Wunsch nach dem Einzelhause leb 
hafter zur Geltung brächte. Auch hier trifft der an dieser 
Stelle von Oberbürgermeister Adickes getane Ausspruch zu, 
daß es schwer ist, für eine uninteressierte Menschenklasse 
bessere Wohnverhältnisse zu schaffen. 
Ist es nun unserer aller Überzeugung, daß der wahre 
Reichtum eines Landes in der körperlichen und geistigen 
Gesundheit seiner Bewohner besteht, so ist es auch Auf 
gabe der Behörden, neben der Regelung des Wohnwesens, 
neben Einführung zonenartig abgestufter Bauweisen und 
gestaffelter Baupolizeiordnungen leicht zugängliche umfang 
reiche Erholungsplätze zu schaffen. Da es sich hierbei 
auch darum handelt, unser Gewerbsleben leistungs- und 
konkurrenzfähig zu erhalten, werden selbst große gebrachte 
Opfer durch den Ertrag ausgeglichen werden. Man fordert 
daher öffentliche Gartenanlagen, die wenn möglich auf 
radialen Parkwegen in zehn Minuten von den Wohnstätten 
zu erreichen sind, Spielplätze in einer Zahl und einem Um 
fange, daß auf 1000 schulpflichtige Kinder 1 ha kommt, und 
verlangt nach dem Vorgänge Wiens einen Wald- und 
Wiesenring in der äußersten Umgrenzung der Städte. Be 
reits sind Walderwerbungen in größerem Umfange von 
Düsseldorf, von Frankfurt am Main, von Straßburg, Frei 
burg vollzogen worden, und die Reichshauptstadt kämpft 
mit dem Fiskus zurzeit einen schweren Kampf, sich diese 
Wohltat zu erhalten. 
Der Grundgedanke des Gesamtbebauungsplanes einer 
Stadt geht von der Dezentralisation aus, von dem Über 
gang der lockeren zur dichten Bebauung. Von dem offenen 
Land gelangt man durch den grünen Gürtel zum Weich 
bild der Stadt, an dessen Rande sich die großen Stadtparks, 
die Spiel- und Sportplätze, die Laubenkolonien, die Exerzier 
plätze und Friedhöfe befinden. Man durchschreitet die 
Landhausansiedelungen mit ihren Villen, die Vororte mit 
ihrer gemischten Bebauung und betritt schließlich die eigent 
liche Stadt, deren Mitte sich zum Mittelpunkt des Handels und 
Geschäftsverkehrs verdichtet. Hier sammelt sich der Groß 
handel mit seinen Kontor- und Bankbetrieben, und zieht 
ein Ladengeschäft das andere nach sich. 
Die gesteigerten Mieten und die Beunruhigung durch 
den Verkehr veranlassen dann die Bevölkerung, ihre Woh 
nungen dort aufzugeben, um das Gebiet ganz der wirt 
schaftlichen Ausnutzung zu überlassen. Der auf London 
zurückgreifende Begriff der City-Bildung stützt sich auf 
diese Tatsache, die dort zur völligen Verödung der Häuser 
außerhalb der Geschäftszeit geführt hat. Eine solche Rück 
läufigkeit der Bevölkerungsziffern des Stadtkerns macht 
sich in allen Großstädten bemerkbar. Berlin-Mitte hat nach 
der letzten Volkszählung 70000 Einwohner an die Vororte 
abgegeben und die Altstadt Leipzig seit 1870 mehr als die 
Hälfte seiner Bewohner zum Auszug veranlaßt. Dieser 
Vorgang begründet dann auch eine grundsätzliche Zulässig 
keit größerer Baudichtigkeit in diesen Stadtteilen, da aus 
schließlicher Geschäftsbezirk nur für die Dauer der Arbeits 
tätigkeit, nur für */ 3 des Tages, zur Benutzung gelangt. Es 
ist nur eine Frage der Zeit, daß man hier für die Hoch 
bebauung größere Freiheiten zuläßt, als ihr sonst zu 
gestanden werden kann. 
In der Zone zwischen diesem Mittelpunkt des Handels 
und den Wohnbezirken liegt das Hauptschaffensgebiet des 
künstlerischen Gestalters oder Umgestalters der Stadt. Hier 
ist das Arbeitsfeld der gewaltigen Geisteskräfte der Groß 
stadt, auf dem die staatlichen und kommunalen Verwal 
tungen ihre Unterkunft finden müssen. Hier hat das stolze 
Selbstbewußtsein des Gemeinwesens und des Staates in der 
Anordnung der Straßen und Plätze, in der Lage und Ge 
staltung der Monumentalbauten zum Ausdruck zu kommen. 
Haben die Bauten der Kleinwohnung und des Landhauses 
in der offenen Bebauung ihre Meister bereits gefunden, so 
sind die künstlerischen Aufgaben, die die geschlossene 
Städtebaukunst stellt, bisher noch nicht gelöst worden. 
Daß der geistige Aufschwung des Volkes selbständig 
jemals zu solchen gigantischen baulichen Äußerungen ge 
langen wird, wie sie dem selbstherrlichen Leo X., Ludwig XIV., 
August dem Starken, Friedrich dem Großen zu verdanken 
sind, wird man sich in unserer von sozialen und poli 
tischen Problemen schwer belasteten Zeit schwer vorstellen 
können. An Stelle des Einzelwillens ist der Oesamtwille 
getreten. Bis heute gelang es nicht, die schöpferische Bau 
gesinnung eines aufgeklärten Despotismus durch eine städte 
bauliche Zentrale der Steinschen Städteordnung zu ersetzen. 
Bei der Fülle der ungesäumt zu erfüllenden wirtschaft 
lichen, sozialen und gesundheitlichen Aufgaben sind die 
künstlerischen Überlegungen in den Hintergrund getreten, 
und bei der fehlenden Gemeinsamkeit einer staatlichen und 
kommunalen Baupolitik geriet die großstädtische Bauunter 
nehmung in die Abhängigkeit der Bodenspekulanten. 
Die Kunst des Städtebaues ist nichts weniger als eine 
Ästhetenangelegenheit. Sie beruht in gleichem Grade auf 
höchster Zweckmäßigkeit, auf Überlegung und Erfahrung 
wie auf künstlerischer Empfindung und Takt. Bisher lag 
die Befriedigung der zivilisatorischen Forderung des Ver 
kehrs und der gesunderen Lebensführung ausschließlich in 
den Händen des Ingenieurs; an Stelle seiner Alleinherrschaft
	        
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