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Volume "Literatur-Bericht No. 3"

Full text: Städtebau (Public Domain) Issue 10.1913 (Public Domain)

DER STÄDTEBAU 
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doch nichts gebessert» was mit den unabstellbaren Mängeln 
des Haustypus und der Wohnweise des Massenmietshauses 
zusammenhängt. 
V. 
Die Kleingartenbestrebungen in Stadt und Land, ein 
Gebiet von großer städtebaulicher und wohnungspolitischer 
Bedeutung, werden auf Anregung der Zentralstelle für Volks 
wohlfahrt in einer neuen Untersuchung behandelt. 1 ) Der 
Bearbeiter des Berichts, Prof. J. Kaup, bietet ein über 
raschend umfangreiches Material, das erstmalig eine voll* 
ständige Übersicht des Gegenstandes ermöglicht. In der 
einleitenden Darlegung geht Kaup von dem neuzeitlichen 
städtischen Wachstum aus und zieht hierbei bemerkens 
werte Vergleiche mit dem Ausland. Die Schichtung der 
Bevölkerung, die Haustypen und die Wohnweise werden 
unter Mitteilung zahlreicher Angaben über Hausgärten, 
Gartenbenutzung und Gartenflächen geschildert. „Über 
blicken wir das Ergebnis aller dieser Angaben, so ist für 
die Großstädte ein Mangel an Hausgärten eingetreten, der 
ein abschreckendes Dokument für die Verringerung des 
Lebensraumes der Familien darstellt.“ In Ergänzung dieser 
Ausführungen sei auf die oben Januarheft S. 2 wiedergegebene 
Erörterung von Vogts-Mainz über Gärten und Freiflächen 
In der älteren Zeit und meine daran anschließenden Be 
merkungen verwiesen. Die Surrogatkunst des neueren 
Städtebaues wird von Kaup a, a. O, S. 39 ff. richtig gekenn 
zeichnet, — In den folgenden Abschnitten erörtert Verfasser 
die Anlegung von Gärten, die nicht in Verbindung mit den 
Wohnungen stehen, wobei eine Reihe von verschiedenen 
Formen — Einzelgärten, Pachtgärten, Laubenkolonien, 
Schrebergärten — besprochen wird. Die gemeinnützige 
Tätigkeit in der Kleingartenfürsorge wird in einem besonderen 
Abschnitt von Dr. Altenrath, die Gartenarbeit für Jugend 
liche von Dr. Michalke behandelt. 
Eine dankenswerte Untersuchung veröffentlicht Dr. Friedr. Coenen 
in einer kleinen, vom Ansiedlungsverein Groß-Berlin herausgegebenen 
Schrift. 2 ) Verfasser erörtert die Bedeutung der Laubenkolonien für die 
Großstadt und schildert in knappen Zügen und an der Hand des von 
ihm gesammelten Tatsachcn-Materials die Verhältnisse, die sich in Groß- 
Berlin entwickelt haben. Gegenüber den Mißständen bringt Coenen eine 
Reihe beachtenswerter Reform Vorschläge und befürwortet die Begründung 
einer auf gemeinnütziger Grundlage stehenden, aber durchaus den Charakter 
der Selbsthilfe wahrenden Organisation zur Förderung der Kleingarten 
bestrebungen, 
Die Deutsche Gartenstadtgesellschaft bringt eine Ver 
öffentlichung, die in bester Weise geeignet erscheint, der auf 
strebenden Gartenstadtbewegung neue Freunde zu werben. 3 ) 
In einem schmucken Band hat die Gesellschaft alles zu 
sammengetragen, was über den Gartenstadtgedanken wissens 
wert ist und die Bedeutung unseres Siedlungswesens für 
weite Kreise klarzustellen vermag. Ein einleitender Abschnitt 
unterrichtet über die Geschichte und den Stand der Garten 
stadtbewegung. Ausführlich werden alsdann unter Beigabe 
zahlreicher Abbildungen die deutschen Gartenstädte ge- 
l ) Schriften der Zentralstelle für Volkswohlfahrt, Fatniliengärten 
und andere Kleingartenbestrebungen in ihrer Bedeutung für Stadt und 
Land, von Prof. Dr. J. Kaup, mit Beiträgen von Dr. J. Altenrath und 
Dr. O. Michalke, Berlin (Heymann) igxa, XXV und 30a S. 8°, 
*) Ff ied. Coenen, Das Berliner Laubenkoloniewesen, seine Mängel 
und seine Reform, herausgegeben vom Ansiedlungsverein Groß-Berlin, 
Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) xgxx. 40 S. 8°. 
3 ) Die deutsche Gartenstadtbewegung, Berlin-Schlachtensee (Garten 
stadt-Gesellschaft) 1911. VI und xx« S. 8 a . 
schildert. Ein zweiter Abschnitt erörtert die neuen Siedlungs 
formen in ihren Beziehungen zu den verschiedenen Gebieten 
des öffentlichen und privaten Lebens. Eine Reihe hervor 
ragender und berufener Fachleute hat sich zu dieser sozial 
politisch bedeutsamen Darlegung zusammengefunden. 
Von der Gartenstadt Hellerau ist ein Sonderbericht 
erschienen, der die Geschichte und Entwicklung dieser 
neuen Siedlung behandelt.') Die textlichen Erläuterungen 
geben Aufschlüsse über die Begründung und den Ausbau 
von Heilerau. Vortrefflich sind die der Schrift beigegebenen 
Abbildungen, deren Zahl 130 beträgt. Die Namen der Archi 
tekten, die in Hellerau tätig waren, sind zur Genüge bekannt 
und bedürfen hier nicht der Aufzählung. Die Gesellschaft 
hat in ihrem Bericht eine schlechthin vorbildliche Zusammen 
stellung neuerer Lösungen auf dem Gebiete des Kleinhaus 
baues geschaffen. 
Für di« Aufgaben der ländlichen Siedlung sei auf eine kleine Schrift 
hingewiesen, die zum 25. Jahrestage der Einsetzung der Königlichen An 
siedlungskommission für Westpreußen und Posen erschienen ist. 2 ) 
Unter den Beiträgen ist namentlich eine Abhandlung von Baurat Paul 
Fischer, Landschaftsbild und Ansiedlung, zu erwähnen. Fischer be 
handelt die bautechnischen Grundlagen der Siedlung und des Bebauungs 
planes, die Stellung der öffentlichen Gebäude und die einzelnen Haus 
formen in trefflicher Weise: eine Anzahl von Abbildungen aus der Bau 
tätigkeit des Siedlungswerkes ist beigefügt. 
Für die bautechnische und wirtschaftliche Behandlung 
des Wohnungswesens bietet eine Schrift von Baurat 
Adalbert Keim wertvolle Angaben. 3 ) Wir gebrauchen 
für unseren neuzeitlichen Kleinwohnungsbedarf sowohl die 
Mietwohnung wie den eigenen Hausbesitz. Verfasser be 
fürwortet die Bauform des Individualhauses und behandelt 
eingehend die Frage der Baukosten, des Haustypus und der 
Bodenerschließung. Für die Praxis von Bedeutung sind 
vor allem die Berechnungen, die Keim bei dem Vielwohnungs 
haus hinsichtlich derjenigen Ausgaben anstelit, die ich als 
„tote Aufwendungen“ bezeichnen möchte. Hierher ge 
hören die für die Zugänglichmachung der verschiedenen 
Wohnungen erforderlichen gemeinsamen Anlagen, wie Flure, 
Durchgänge, große Treppenhäuser (vgl. meine „Neuen 
Studien“ S. 173); ferner das Erfordernis stärkerer Grund 
mauern, größerer Mauerstärken und Dachkonstruktionen. 
Durch die Unterscheidung der bautechnischen Einzelheiten 
gelangt Verfasser zu der Aufstellung des Gegensatzes 
zwischen „bebauter Fläche“ und „nutzbarer Fläche“. Für 
beide Größen werden nun Berechnungen angestellt; in 
einer Reihe lehrreicher Tabellen teilt Verfasser das Er 
gebnis mit, das für die Baupraxis zweifellos von erheblichem 
Wert ist. Das Kleinhaus ist bei geeigneter Ausführung als 
die wirtschaftlichere Bauform anzusehen. 
Verfasser gibt weiterhin eine Reihe dankenswerter aus 
der Erfahrung geschöpfter Anregungen für den Kleinhaus 
bau; erwähnt sei der von Keim vorgeschlagene Verband 
für die Umfassungsmauern, der aus zwei hochkantig ge 
stellten Außenschichten und einer flach gelegten Innenschicht 
*) Gartenstadt Hellerau, ein Bericht Uber den Zweck, die Organisation, 
die Ansiedlungsbedingungen, die bisherigen Erfolge und die Ziele, Hellerau 
(Gartenstadt Verlag) xgxx, 71 S. 4 0 . 
2 ) 25 Jahre Ansiedlung. Zum 25. Jahrestage der Königl, Ansiedlungs 
kommission für Westpreußen und Posen in Posen 1886—igii, Heraus 
geber Stadtbibliothekar Dr. Georg Minde-Pouet; Lissa (Eulitz) igxi. 
56 S. 4°. 
3 ) Adalbert Keim, Beiträge zur Wohnungsreform unter besonderer 
Berücksichtigung des Kleinwohnungsbaues, Jena (Fischer) 1911. IV und 
244 S. 8°.
	        
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